Wie viel Fair Trade ist genug?

Redaktorin Benita Vogel über Max Havelaars Wachstumsstrategie.

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Als entwicklungspolitisches Zeichen feierten es ­Beobachter, als die beiden grossen Detailhändler Max-Havelaar-Kaffee ins Sortiment aufnahmen. Coop und Migros fällten den Entscheid, die Fair-Trade-Bohne zu verkaufen, noch bevor die Stiftung in der Schweiz überhaupt gegründet war. Als Max Havelaar 1992 die Arbeit aufnahm, übertraf sie ihre eigenen Erwartungen. Fast im Jahrestakt kamen neue Produkte dazu, die das Gütesiegel mit dem schwarzen Männchen ­trugen. Nach Kaffee folgten Honig, Schokolade, Tee und mehr als ein Dutzend weitere Produktgruppen.

Max Havelaar schaffte, was Pioniere im Drittwelthandel während Jahren vorher nicht erreicht hatten: Die Stiftung machte die verstaubten Nischenartikel zu einem trendigen Massenphänomen. Heute ist Fair Trade «Big Business»: Schweizer kaufen im Jahr für fast eine halbe Milliarde Franken zertifizierte ­Produkte ein. Für Max Havelaar ist das aber noch zu wenig. Die Stiftung könnte noch viel mehr fair ­produzierte Ware in den Handel bringen.

Doch die Frage stellt sich: Wie viel Fair Trade ist genug? Denn die beliebige Ausweitung des Geschäfts ist heikel. Das zeigt der jüngste Wachstumsvorstoss der Organisation. Sie hat dafür ihre eigenen, ursprünglich strengen Prinzipien gelockert. So segnet Max ­Havelaar etwa Schokolade als fair ab, obwohl nur der Kakao aus fairer Produktion stammt, die Haselnüsse darin aber vielleicht von Kindern in der Türkei gepflückt wurden. Partner wie Coop und Claro, auf die Max Havelaar angewiesen ist, haben an der Verwässerung keine grosse Freude. Sie fürchten, dass das Label zu einem reinen Marketinginstrument verkommt.

Für die Konsumenten heisst die Lockerung weniger Verlässlichkeit: Wo fair draufsteht, ist möglicherweise nicht mehr nur fair drin. Mit der Verwässerung schadet Max Havelaar seiner eigenen Glaubwürdigkeit, zumal daran gleichzeitig von aussen gekratzt wird. So heisst es in jüngsten Studien, dass Fair-Trade-Modelle aus dem Norden den Bauern im Süden nichts bringen würden. Diese Kombination birgt die Gefahr, dass Max Havelaars Wachstumspläne zum Gegenteil führen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.11.2014, 23:27 Uhr

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