Wie weiter? Was ist passiert? Die 10 wichtigsten Fragen zur Finanzkrise

Renten, Löhne, Sparkonten, Goldmünzen: Die Finanzkrise schlägt sich im Alltagsleben nieder – die Antworten zu den Folgen.

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1. Droht der Schweizer Wirtschaft jetzt ein Absturz?

Nein – Ökonomen und Konjunkturexperten bezweifeln das fast einhellig. Denn die Struktur und Lage der Schweizer Wirtschaft ist recht stabil: Der Immobilienmarkt funktioniert, der Konsum ist immer noch kräftig; und vor allem hat die Exportwirtschaft viele stabile Standbeine wie die Uhren-, die Pharma-, die Medizinaltechnik- oder die Maschinenindustrie; diese Unternehmen sind nur begrenzt abhängig von den Finanzmärkten, und vor allem verkaufen sie ihre Güter weltweit – also breit gestreut.

Allerdings: Die Experten sind sich auch einig, dass das Wachstum spürbar gebremst wird - unter anderem wegen der Finanzkrise. So hat das Forschungsinstitut Bak Basel Economics soeben seine Wachstumsprognose gesenkt: Die Schweizer Wirtschaft soll im nächsten Jahr nur noch um 1,3 Prozent wachsen; zuvor hatten die Bak-Experten ein Plus von 1,6 Prozent erwartet.

2. Schlägt sich die Börsenkrise auch bei den Löhnen nieder?

Das hängt von der Branche ab. In den Finanzinstituten (die keine Gesamtarbeitsverträge kennen) wird sich der Druck erhöhen, obendrein werden die Boni-Systeme überprüft. Allerdings sind gute Experten auch dort weiter gefragt, denn kleinere Institute mit umfassendem Schweizer Bezug profitieren teils von der Krise der Grossen: Sie suchen Arbeitskräfte. Die Verhandlungsposition der Lohnempfänger bleibt also solide.

Bei den anderen Branchen gibt es keinen direkten Zusammenhang zwischen internationalem Finanzmarkt und Lohnverhandlungen. Allerdings stärkt die Unsicherheit und die drohende Konjunkturflaute die Arbeitgeberseite. Schwerer durchsetzbar wird damit die Forderung des Gewerkschaftsbundes SGB, die Reallöhne um 1.5 bis 2.5 Prozent zu erhöhen.

3. Muss man um sein Sparkonto fürchten?

Nein. Selbst wenn eine Schweizer Bank bankrottginge, würde ihren Kunden durch einen Solidarfonds aller Banken bis zu 30'000 Franken ihres Kontos ausbezahlt. Wer beunruhigt ist wegen einer Summe, die darüber hinausgeht, kann sein Geld über mehrere Institute streuen.

4. Spüren wir die Krise in der Pensionskasse?

Ja. Denn auch die Pensionskassen investieren an den Börsen; und was sie ihren Pensionären auszahlen können, hängt auch vom Erfolg an den Aktienmärkten ab. Laut dem CS-Pensionskassenindex verloren die Schweizer Kassen im ersten Halbjahr 5,4 Prozent; aber erst die Jahresabschlüsse werden das ganze Ausmass zeigen. Die sinkenden Kurse können sich am Ende im Umwandlungssatz niederschlagen; diese Zahl gibt vor, zu welchem Prozentsatz das Sparkapital in eine Rente umgewandelt wird: Je tiefer der Satz, desto tiefer die Rente. Derzeit diskutiert das Parlament einen Antrag des Bundesrats, den Satz auf 6,4 Prozent zu senken: Pro 100'000 Franken Altersguthaben bekäme man also 6400 Franken Rente. Die Befürworter einer Senkung erhalten durch die Finanzkrise sicherlich Auftrieb.

5. Ist die UBS in ihrer Existenz bedroht?

Kaum. Die Frage wird im Freundeskreis und in Internetforen ernsthaft diskutiert, unter Bankern ist sie weniger aktuell. Auch wenn die UBS bislang über 40 Milliarden wegen der Finanzkrise abschreiben musste, konnte sie seither ihre Finanzbasis wieder verstärken. Und im allerschlimmsten Fall rechnen alle Experten mit einer staatlichen Rettungsaktion: Bund und Nationalbank würden wohl einspringen.

6. Wann ist die Finanzkrise überstanden?

Das weiss keiner. Es gibt Kenner, die damit rechnen, dass sich die Lage nochmals verschärft (so der legendäre Spekulant George Soros heute in einem BBC-Interview); andere denken, dass das Schlimmste überstanden sei (so Ex-CS-Chef Oswald Grübel heute in der Handelszeitung). Denn immer noch überblickt keiner, wie viele faule Kredite in den Bilanzen der Banken und Versicherungen schlummern. Entscheidend wird die Entwicklung dort im amerikanischen Immobilienmarkt (also dort, wo die Krise ausbrach). Und dort deuten die Indikatoren an, dass eine Erholung frühestens ab 2010 spürbar sein dürfte.

7. Soll man seine Aktien jetzt verkaufen? Oder soll man eher Aktien kaufen?

Auch hier sind die Meinungen sehr geteilt: Die Antwort hängt vor allem davon ab, ob man die Finanzkrise als überwunden betrachtet – oder nicht. Es gibt Experten, die in den nächsten Monaten mit einer Erholung an den Börsen rechnen, ebenso viele erwarten weitere Zitterpartien zumindest bis in den Sommer 2009. Grundsätzlich gilt die Regel, dass man für Aktien nur Gelder verwenden sollte, auf die man notfalls jahrelang verzichten kann. Daraus lässt sich der Folgetipp ableiten, seine Aktien nach einem Crash nicht mit Verlust zu verkaufen, sondern die Krise durchzustehen.

8. Soll man jetzt Gold kaufen?

Der Goldpreis stieg während des Trubels dieser Woche tatsächlich an: Das Edelmetall profitierte wieder von seinem Ruf als ultimativer Sicherheit. Wer deshalb in grossem Stil Gold kauft, geht logischerweise davon aus, dass jetzt der ganz grosse Zusammenbruch kommt, zumindest eine Weltwirtschaftskrise von erheblichem Ausmass. Das ist unter Experten (gelinde gesagt) umstritten. Allerdings sprechen ganz normale spekulative Überlegungen zumindest nicht gegen das Gold: Mit knapp 785 Dollar pro Unze ist es derzeit erheblich von seinem Rekordpreis von 1030 Dollar entfernt; der war im März erreicht worden.

9. Droht der völlige Zusammenbruch des Finanzsystems?

Völlig ausschliessen kann das keiner. Auffällig war aber, dass die wichtigsten Akteure in den letzten Tagen nie spüren liessen, die Lage nicht im Griff zu haben – die Krise wurde aktiv gemanagt. Das US-Finanzministerium und die Notenbank entliessen Lehman Brothers bewusst in den Konkurs, obwohl bekannt war, dass dieser Zusammenbruch Börsenturbulenzen auslösen würde; sie nahmen das in Kauf und bezeichneten den Sturm in offiziellen Statements als berechnet und erwünscht. Dass das Fed gestern sogar auf eine Zinssenkung verzichtete und damit offen einen weiteren Einbruch der Wallstreet riskierte (der dann nicht eintrat),zeigt: In Washington geht man davon aus, Herr der Lage zu sein. Insgesamt deutet vieles darauf hin, dass nach Abschreibungen von über 500 Milliarden Dollar die akuteste Gefährdungsphase vorbei ist.

10. Wer ist schuld an der Krise?

Eine Finanzkrise lässt sich nicht an einer Person aufhängen. Aber wenn ein einzelner als Schuldiger genannt wird, dann Alan Greenspan, der ehemalige Chef der amerikanischen Notenbank Fed. Denn nach der geplatzten Dotcomblase und nach der Krise des 11. September 2001 öffnete das Fed die Geldschleusen. Die billigen Milliarden aus der amerikanischen Notenpresse suchten Anlagemöglichkeiten, was unter anderem zur amerikanischen Immobilienblase führte: Wer Geld wollte, bekam es, auch wenn er es langfristig nicht zurückzahlen konnte. Nun müssen diese quasi überflüssigen Gelder wieder vernichtet werden – in einem schmerzhaften Prozess.

Als mitverantwortlich gelten ferner die «gierigen» Banker: Vor allem bei den Investmentbanken führten die Salärsysteme dazu, dass zu viele Angestellte nicht mehr die langfristigen Interessen ihres Arbeitgebers oder ihrer Kunden vertraten, sondern nach kurzfristigen Kommissionserträgen jagten. Sie suchten schnelle Abschlüsse und grosse Umsätze, indem sie Anlagegelder in zweifelhafte Papiere lenkten.

Derselbe Vorwurf zielt auf amerikanische Immobilienhändler und Hypothekenbroker: Sie schielten auf Umsätze, aber nicht auf die Bonität ihrer Kunden. Dies führte dazu, dass Hunderttausende Liegenschaften und Hypotheken an Menschen gingen, welche die Schuldzinsen niemals bezahlen konnten. All diese Immobilien drängen nun auf den Markt – eine gewaltige Wertvernichtung.

Ebenfalls beschuldigt: die Ratingagenturen. Sie beurteilten Ramschpapiere als sicher, was die Banken dazu verleitete, ihr Geld dort zu investieren. Denn die schlechten amerikanischen Hypotheken wurden mit anderen, besseren Schuldtiteln gebündelt; damit sollte das Risiko verteilt werden. Und plötzlich wurden solche Sammelpapiere als sicher eingestuft. Doch dann brach der Markt dafür zusammen – womit sich der Schaden der Immobilienkrise vervielfachte.

Die präziseste Zusammenfassung bot wohl Peter Morici, Ökonom und Berater der US-Regierung: Schuld an der Finanzkrise sei der unerschütterliche Glaube der Menschheit an die Alchemie – die Hoffnung, irgendeinmal Blei in Gold verwandeln zu können.

Erstellt: 18.09.2008, 14:36 Uhr

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