Wieso wir die schlimmen Chefs so bewundern

Bei Amazon zu arbeiten, gilt als Horror – trotzdem wird Jeff Bezos' Konzern gefeiert. Warum das so ist, versucht ein Stanford-Professor zu erklären.

Viertreichster Mann und «schlimmster Chef des Planeten»: Amazon-Chef Jeff Bezos.

Viertreichster Mann und «schlimmster Chef des Planeten»: Amazon-Chef Jeff Bezos. Bild: Keystone

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Die «New York Times» schien einen wunden Punkt zu treffen. Letzten Sommer publizierte die US-Zeitung eine ausführliche Reportage über die Arbeitsbedingungen in den Büros des Onlinehändlers Amazon. Von E-Mail-Terror, weinenden Angestellten, 80-Stunden-Wochen, Rücksichtslosigkeit und Verleumdung war die Rede. Das Echo auf den Artikel war enorm: Rund um den Globus griffen Medien den Bericht auf, von «zielgerichtetem Darwinismus» und einem insgesamt raueren Umgang mit Angestellten in der digitalen Epoche war die Rede. Amazon-CEO Jeff Bezos sah sich schliesslich gezwungen, mit einem E-Mail an die Angestellten zu reagieren. Darin stritt er die Vorwürfe ab. Der Artikel beschreibe nicht das Amazon, das er kenne – «ich würde ein solches Unternehmen sofort verlassen».

Es war nicht das erste Mal, dass Amazon angeprangert wurde. Schon früher hatten Gewerkschafter auf die schlechten Arbeitsbedingungen in den Lagerhallen des Versandhändlers hingewiesen. Von Überwachung per GPS, ungenügender Belüftung und zu kurzen Pausen war die Rede. Der Weltkongress des Internationalen Gewerkschaftsbundes IGB kürte Bezos letztes Jahr deshalb zum «schlimmsten Chef des Planeten».

Unmenschlich, aber trotzdem bewundert

An Auszeichnungen dürfte sich der 52-Jährige zwar gewöhnt sein, allerdings waren sie bis dahin deutlich schmeichelhafter. 1999 wählte das «Time Magazine» ihn zur «Person of the Year», 2012 machte die US-Zeitschrift «Fortune» ihn zum Geschäftsmann des Jahres. Und letztes Jahr wählte sie Amazon auf Platz 4 der «Most Admired Companies». Das Magazin publizierte 2015 übrigens auch eine Liste der «100 Best Companies to Work for» – nach Amazon sucht man dort vergeblich.

Auf der Liste der meistbewunderten Firmen hingegen finden sich noch weitere Unternehmen, die für ihre harten bis unmenschlichen Arbeitsbedingungen bekannt sind. Zum Beispiel die Investmentbank Goldman Sachs Group (letztes Jahr nahm sich ein 24-jähriger Angestellter wegen des grossen Drucks am Arbeitsplatz das Leben) oder Wal-Mart (schon seit Jahren wegen tiefer Löhne und Ausbeutung in der Kritik).

Genau diesen Widerspruch macht Jeffrey Pfeffer, Professor für Organisationstheorie an der Stanford University, in einem Aufsatz zum Thema (der klingende Titel: «Why the Assholes are Winning»). Wie kann es sein, fragt sich Pfeffer, dass Unternehmen, die für ihre besonders «höllische und giftige» Personalpolitik bekannt sind, trotzdem von aller Welt bewundert werden? Denn Amazon ist in dieser Hinsicht laut Pfeffer kein Einzelfall. Er weist darauf hin, dass nur vier der «Most Admired Companies» auch auf der Liste der 100 besten Arbeitgeber auftauchen. Pfeffer schliesst daraus, «dass es offensichtlich keine Rolle spielt, was ein Individuum oder ein Unternehmen seinen Angestellten oder der Umwelt antut, solange es nur reich und erfolgreich genug ist». So war Amazon 2015 mit einem Marktwert von 172 Milliarden US-Dollar eines der 40 wertvollsten Unternehmen der Welt, direkt hinter Coca-Cola. Mit einem geschätzten Vermögen von 51 Milliarden Dollar ist Jeff Bezos laut Fortune zudem der viertreichste Mensch überhaupt.

Der Wunsch nach der gerechten Welt

Laut Pfeffer lässt sich dieses Phänomen durchaus erklären. Und zwar mithilfe der Psychologie beziehungsweise verschiedener Theorien aus der Organisationspsychologie:

  • «Basking in reflected glory»: Laut Lehrbuch die «Tendenz, sich durch sozialen Vergleich mit dem Erfolg anderer zu assoziieren, um das eigene Selbstwertgefühl zu erhöhen». Ursprünglich belegt wurde das Phänomen anhand einer Fussballstudie: Studenten identifizierten sich verbal eher mit einer Mannschaft, wenn diese gesiegt hatte («Wir haben gewonnen»). Hingegen waren sie bei einer Niederlage um Distanz bemüht («Die haben verloren»). Dieses Phänomen könne auch in der Wirtschaftswelt beobachtet werden, schreibt Pfeffer. Nämlich dann, wenn einem Akteur Bewunderung und Lob entgegengebracht werden, um Teil seines Umfelds zu werden und dadurch den eigenen Status zu erhöhen.
  • Das Gerechte-Welt-Phänomen: Die Menschen wollen an eine gerechte und faire Welt glauben – denn dadurch erscheint sie kontrollierbar. «Im Alltag gelten Regeln und Normen. In einer gerechten Welt sind die Menschen dann erfolgreich, wenn sie diesen Regeln folgen», fasst Pfeffer zusammen. Nach dieser Logik haben erfolgreiche Unternehmer ihren Aufstieg immer durch harte und ehrliche Arbeit verdient. Im Notfall wird dieser Verdienst im Nachhinein konstruiert. Auch das lasse sich am Phänomen Amazon beobachten, sagt Pfeffer: «Die Firma ist zwar als rauer und unangenehmer Arbeitgeber bekannt, gleichzeitig gilt sie als besonders innovativ und revolutionär.»
  • Moralische Entkopplung: Auch hier geht es darum, unmoralisches oder schädliches Verhalten im Nachhinein zu rechtfertigen – und zwar dann, wenn die Menschen weiterhin mit den fehlbaren Akteuren zusammenarbeiten wollen. Sie tendieren dazu, deren unmoralisches Handeln herunterzuspielen oder von ihren Leistungen zu entkoppeln. Als Beispiel dient Pfeffer die Affäre von Bill Clinton mit der damaligen Praktikantin Monica Lewinsky Ende der 90er-Jahre. Mit Clintons Fähigkeit, das Land erfolgreich zu führen, habe diese nichts zu tun gehabt, argumentierten damals viele.
  • Wer Grosses geleistet hat, muss auch über positive Charaktereigenschaften verfügen: Mit dieser Regel versuchen Menschen, Konsistenz herzustellen. Belegt ist sie durch zahlreiche Experimente, zum Beispiel im Zusammenhang mit Teamperformance: Ist ein Team erfolgreich, werden ihm positive Eigenschaften attestiert, auch wenn diese gar nicht vorhanden sind. In der Wirtschaft spiele ein ähnlicher Mechanismus, schreibt Pfeffer: «Erfolgreichen Menschen und Unternehmen werden automatisch positive Eigenschaften, Fähigkeiten und Intelligenz zugeschrieben.» Pfeffer berichtet von einer Erfahrung, die er mit Microsoft-Gründer Bill Gates einst machte. Dieser habe in einem Vortrag über Kanadas Hightech-Arbeitsmarkt Aussagen gemacht, die nachweislich falsch waren. Die PR-Abteilung von Microsoft habe die entsprechende Kritik abgetan: Gates habe es so gesagt, also müsse es auch korrekt sein.
(fko)

Erstellt: 28.01.2016, 18:58 Uhr

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