«Wir Schweizer müssen lernen, stolz zu sein»

Hublot-Chef Jean-Claude Biver über «Le Temps», Reichtum, die 1:12-Initiative und teure Uhren.

Der Querdenker der Uhrenbranche: Jean-Claube Biver, Präsident des Uhrenproduzenten Hublot.

Der Querdenker der Uhrenbranche: Jean-Claube Biver, Präsident des Uhrenproduzenten Hublot. Bild: Laurent Gilliéron/Keystone

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BaZ: Herr Biver, Sie sind Präsident von Hublot, Produzent von eigenem Wein und Käse und jetzt wollen Sie durch den Kauf von «Le Temps» auch noch Verleger werden. Ist das wirklich Ihr Ernst?
Jean-Claude Biver: Ich habe gesagt, dass ich Interesse haben könnte, «Le Temps» zu kaufen, weil diese Zeitung in der Romandie ein wichtiges verbindendes Element ist. Sie hat nicht nur eine Informationsrolle, sondern sie verbindet Menschen. Der Bauer liest sie, der Student, der Arbeitslose, der Unternehmer und so weiter. Sie ist ein Sprachrohr des Volkes. Als ich gehört habe, dass «Le Temps» verkauft wird und allenfalls verschwindet, habe ich aus Patriotismus beschlossen zu verhindern, dass dieses Sprachrohr in der Romandie verloren geht.

Haben Sie für «Le Temps» bereits ein Angebot gemacht?
Ich habe ein Confidential Agreement unterschrieben und mir die Dokumente angeschaut. Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich «Le Temps» kaufen kann. Ich darf darüber natürlich nicht viel mehr sagen, weil ich diese Stillschweigevereinbarung eingegangen bin. Ich werde wahrscheinlich ein Angebot machen, aber ob es gut genug ist, wird sich dann zeigen. Ich will sicher nicht mein ganzes Privatvermögen in diese Sache stecken.

Das notwendige Kleingeld, um die ­Zeitung zu kaufen, hätten Sie aber.
Ich bin stolz darauf, dank meiner ­Arbeit, meinen Visionen und meinem Team Geld verdient zu haben. Dafür bezahle ich im Waadtland – wenn ich alles zusammenrechne – auch über 70 Prozent Steuern. Ich bin auch stolz, Steuern zu bezahlen. Wenn einer keine Steuern bezahlen kann, dann heisst dass, dass er nichts verdient. Zu meiner Vorstellung von Patriotismus gehört eben auch, seinen Anteil Steuern zu bezahlen.

Verstehen Sie unter Patriotismus auch, dass Sie die Schweiz verteidigen?
Ja, und ich tue das auch, weil ich das Gefühl habe, dass es unsere Politiker und Behördenmitglieder nicht immer genügend tun. Sie haben offenbar nicht immer den Mut und den Willen, ihr eigenes Land zu verteidigen. Jedes Mal, wenn ich im Ausland bin – das sind 200 Tage im Jahr –, stelle ich fest, wie die Schweiz bewundert wird. Im Ausland ist die Schweiz ein Erfolgsmodell. Ich war gerade in Japan und habe dort die CEO von Sony und ­Toyota getroffen, die das Swiss-Modell sehr bewundern. Demnächst werde ich darüber an der Harvard Business School referieren. Überall ist man daran interessiert, was unser Erfolgsmodell ist. Wir Schweizer müssen aber offenbar erst wieder lernen, darauf stolz zu sein, auf das, was wir erreicht haben und wer wir sind. Stattdessen laufen wir öfters angeschlagen und mit hängendem Kopf herum.

Worauf soll die Schweiz denn stolz sein?
Beispielsweise darauf, dass Nestlé der Weltleader für Kaffee ist, obwohl wir hier keine Kaffeeplantagen haben. Nur Weizen und Schnee (lacht). Eine Kaffeebohne habe ich bei uns noch nie gesehen, und trotzdem beherrschen wir hier den Weltmarkt. Dank unserer ­Innovationskraft. Wir haben Schindler, der weltweit Aufzüge produziert, obwohl es in der Schweiz kaum richtige Hochhäuser, sondern viel mehr Chalets gibt. Wir sind Leader in der Pharmaindustrie, im ­Maschinenbau und in der Biotechnologie. Das alles kommt doch nicht von ungefähr. Und sicherlich nicht von den Banken.

Doch gerade die sind unter Beschuss.
Und von wem? Ausgerechnet von den Amerikanern. In den USA, im Staat Delaware, gibt es das vielleicht beste Bankgeheimnis der Welt. Man muss nicht einmal sagen, wie man heisst, wenn man dort eine Firma gründen will. Und auch nichts über das Geld, das dort hineinfliesst. Und jetzt wollen die uns eine Lektion erteilen. Ich finde das als Patriot völlig unverständlich.

Ist diese Selbstkritik der Schweizer, die manchmal sogar in Richtung Selbstzerfleischung geht, Indiz dafür, dass es uns zu gut geht?
Das ist genau der Punkt. Uns geht es sicher viel zu gut und deshalb gehen wir auf solche Sachen überhaupt ein. Das ist wie bei verwöhnten Kindern, die sich dumm benehmen.

Ist die 1:12-Initiative eine Dummheit?
Wenn wir das einzige Land sind, das sich auf 1:12 festlegt, ist es nicht sehr gescheit. Weshalb sollen wir als einziges Land eine solche Einschränkung einführen, wenn es sonst niemand macht. Ich schlage mir doch nicht als einziger meinen Arm ab und bin dann der Idiot am Tisch, der keine Arme mehr hat. Deshalb halte ich die Initiative für Unsinn. Ich frage mich auch, weshalb 1:12. Weshalb nicht 1:8, die Acht ist die Nummer der Ewigkeit? Oder 1:18, 18 ist eine wichtige Nummer im Judentum? Oder 1:20? Wie kommen die Initianten auf eine solche Zahl? Sie ist völlig aus der Luft gegriffen. Das ist purer Populismus.

Wie sieht es bei Ihnen aus? Erfüllt der Hublot-Präsident die Vorgabe 1:12?
Ich habe das nie ausgerechnet, aber ich hoffe schon, dass ich mehr als 1:12 verdiene, sonst könnte ich nicht mehr alle diese Steuern bezahlen.

Glauben Sie, dass die Initiative ­abgelehnt wird?
Ich denke, ja. Das wird dem Ausland wieder beweisen, wie reif das Schweizer Stimmvolk ist. Es braucht diese Reife, um Nein zu sechs Wochen Ferien zu sagen. Und es braucht ein reifes Volk, das Nein zu 1:12 sagt. Die Franzosen würden zu sechs Wochen Ferien Ja sagen und bei der nächsten ­Gelegenheit acht Wochen fordern. Zu 1:12 würden sie ebenfalls Ja sagen und in vier Jahren auf 1:8 gehen.

Die aktuelle Diskussion dreht sich um Reichtum. Fühlen Sie sich da als Produzent eines Luxusproduktes nie umwohl?
Nein, überhaupt nicht. Ich wünsche jedem, dass er reich und erfolgreich wird und entsprechend Steuern bezahlt. Jede ­Gemeinde kann doch nur stolz sein, wenn jemand herzieht und als Konsequenz alle etwas weniger Steuern bezahlen müssen. Wir brauchen erfolgreiche Leute, denn sie bringen Steuern und neue Arbeitsplätze.

War das bei Ihnen auch der Fall?
Als ich Hublot 2004 übernommen habe, arbeiteten 32 Leute für die Firma. Heute sind es 400. Sie alle bezahlen im Kanton Waadt Steuern. Statt Verluste wie früher macht Hublot heute Millionen Gewinn. Davon kassiert der Kanton wiederum rund 25 Prozent. Was kann sich der Staat noch mehr wünschen? Es ist eine Win-Situation für alle. Für den Kanton, die Firma, die Mitarbeiter und für mich. Besser geht es doch gar nicht. Wir müssen stolz auf den Erfolg und auf die Unternehmer sein.

Trotzdem finden viele Luxusuhren wie Hublot zu teuer.
Sie sind nicht teuer. Wir verkaufen Uhren, die an unsere Tradition und Kultur anknüpfen. Die Uhrmacherkunst gehört zur Schweizer Kultur wie Milch oder Schokolade. Wir verkaufen also einen Teil unseres kulturellen Erbes. Kultur, Tradition und Kunst sind Werte, die nicht allein mit der Automation gepflegt werden können. Der Mensch schafft sie mit seinen eigenen Händen. Da kommt man aber eben auch in Preissegmente, die sich nicht mit automatisierten Produkten vergleichen lassen. Mit einer Hublot ist man in einem ganz anderen Preissgement, weil hier Handwerk, Kunst und Tradition im Vordergrund stehen. Uhren, die eine Seele haben, die ein Image verbreiten und die die Schweiz vertreten. Ich spreche lieber von solchen hochwertigen Faktoren als vom Preis. Die Margen bei teuren Uhren sind übrigens genauso gross wie bei den Billig-Uhren.

Eigentlich braucht kein Mensch mehr eine mechanische Uhr und trotzdem boomt gerade dieser Sektor. Weshalb?
Das ist das Genie der Schweizer Uhrenindustrie. Wäre die Ganggenauigkeit die Referenz, liesse sich nur eine Quarzuhr verkaufen. Die Ganggenauigkeit einer Swatch ist besser als diejenige einer Hublot oder Blancpain. Es geht also nicht mehr um die genaue Zeit. Wenn ein Ausländer eine «Swiss Made»-Uhr kauft, dann glaubt er, ein Stück Schweiz zu kaufen. Wenn die Schweiz nicht so einen guten Ruf hätte, könnte sie gar nicht so viele Uhren verkaufen. Der Kommunikationsfaktor der Uhr ist heute viel wichtiger als die genaue Zeitangabe. Die Uhr vermittelt nach aussen Informationen über mich. Wenn ich eine starke, grosse Sportuhr trage, dann kommuniziert sie, dass ich möglicherweise ein sportlicher Typ bin. Das muss nicht unbedingt der Fall sein, aber die Uhr weckt solche Vorstellungen. Deshalb ist die Uhr heute in erster Linie ein Kommunikationsinstrument geworden und nicht wie früher nur ein Informationsinstrument, das ihrem Besitzer die Zeit angibt.

Viele Uhrenmarken repetieren heute bloss ihre Vergangenheit und bringen kaum Innovationen.
Sie haben recht. Der Luxus repetiert sich stärker, als er innoviert. Wenn man einen bekannten Weg verlässt, hat man Angst, den Anschluss zu verlieren. Eine Uhr, die nicht mehr in Gold, sondern in Keramik daherkommt, wird vielleicht nicht mehr als Luxusuhr erkannt. Deshalb werden Luxusuhren weiterhin vor allem in Gold hergestellt. Hublot hat aber bewiesen, dass der Erfolg des 21. Jahrhunderts nicht eine Repetition des Luxus vom 20. oder 19. Jahrhundert sein muss. Luxus soll immer mit Tradition, mit Qualität und Kultur verbunden sein. Aber das schliesst die Innovation nicht aus. Ich kann mir gut vorstellen, dass die jungen Leute, die jetzt in die Firmen kommen, mehr auf Innovation setzen und sich damit stärker auf die Zukunft ausrichten als auf die Vergangenheit.

Welche Bedeutung hat das Label «Swiss Made» heute und in Zukunft?
Das ist sehr wichtig. Aber ich gebe mich in dieser Frage moderat. Ich kann nicht nur an mich denken, sondern auch an die anderen. Es gibt viele kleinere Firmen in der Schweiz, die Probleme bekämen, wenn man jetzt statt 60 auf 80 oder gar 90 Prozent «Swiss Made» pochen würde. Hublot oder Patek Philippe haben damit kein Problem. Trotzdem sollten wir in ­dieser Frage auf die ganze Industrie Rücksicht nehmen, eine Steigerung Schritt für Schritt angehen und das Ziel von 90 Prozent vielleicht erst in 30 Jahren erreichen.

Letztes Jahr war für die Schweizer Uhrenindustrie ein Rekordjahr. Jetzt gibt es eine gewisse Abkühlung. Deutet das auf eine Trendwende hin?
Die letzten mir bekannten Exportzahlen, die ich kenne, stammen von Ende September und sprechen von einem Wachstum von 1,9 Prozent gegenüber dem letzten Rekordjahr. Ohne Währungseinbussen von 5,4 Prozent würde unsere Steigerung gegenüber dem Rekordjahr 2012 also sogar 7,3 Prozent betragen. Das heisst, wir haben de facto schon wieder in ein Rekordjahr. Da kann man wohl nicht von ­einer Abkühlung sprechen.

Die Baselworld gilt als wichtigste ­Branchenveranstaltung. Hat Basel diesen Stellenwert noch immer?
Die Baselworld hat nicht mehr genau denselben Stellenwert wie früher. Heute gehen wir selber in die Märkte und treffen unsere Kunden in deren Ländern. Basel hat aber den grossen Vorteil, dass man hier in fünf Tagen die ganze Welt besuchen kann. Normalerweise würde man dazu 200 Tage brauchen. Ausserdem kann man hier die Kunden im eigenen Land und in einer speziellen Atmosphäre begrüssen und sehen. Das gibt den zwischenmenschlichen Beziehungen einen neuen Impuls, und dies ist heute fast am wichtigsten. Die Kommunikation ist mit ­Internet, Sykpe und Videokonferenzen täglich gegeben. Aber mit einem Menschen bei «Donati» zusammenzusitzen, ist etwas ganz anderes. Rein umsatzmässig ist Basel heute vielleicht weniger wichtig als früher, für die persönlichen Kontakte ist die Baselworld aber weiterhin sehr wichtig.

Erstellt: 14.11.2013, 12:11 Uhr

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