«Wir alle wissen, dass die italienische Bürokratie ein Hindernis darstellt»

Andrea G. Lotti, Chef der italienischen Handelskammer, über die von Italien gezielt errichteten Hürden für Schweizer Unternehmen. Und wie die Schweiz das Problem lösen könnte.

«Man liest nur Negatives über Italien»: Andrea G. Lotti in Zürich.

«Man liest nur Negatives über Italien»: Andrea G. Lotti in Zürich. Bild: Nicola Pitaro

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Wirtschaftsminister Giulio Tremonti schikaniert die Schweiz. Weshalb?
Das würde ich nicht so sagen. Das sind politische Ansichten der italienischen Regierung. Man ist überzeugt, dass sich zu viel italienisches Geld in der Schweiz befindet. Auch wenn Schweizer Quellen das dementieren.

Italien hat drei Steueramnestien gemacht. Vielleicht liegt es nicht nur an der Schweiz, wenn das italienische Geld immer noch hier liegt.
Die Schweizer Banken sind sehr gut organisiert. Mit dem ersten und zweiten Scudo haben viele von ihnen Filialen in Italien eröffnet, womit das Geld letztlich in der Schweiz blieb. Deshalb trat der Erfolg, den Tremonti sich erhofft hatte, wohl nicht ein.

Die Schweiz hat verschiedene Doppelbesteuerungsabkommen gemäss OECD abgeschlossen und verhandelt intensiv mit Deutschland und Frankreich. Mit Italien laufen noch nicht einmal Verhandlungen. Warum das?
Deutschland und Italien sind die beiden Länder, die am stärksten an diesen Verhandlungen interessiert sind, weil ihre Bürger am meisten Gelder in der Schweiz haben. Ich erhoffe mir, dass – sobald die Schweiz die Abkommen mit Deutschland, Frankreich und England unterschrieben hat – auch mit Italien eine Lösung gefunden werden kann, um zu vermeiden, dass die Handelsbeziehungen immer schwieriger werden.

Wie spüren Sie das genau?
Zur Hauptsache geht es um die schwarze Liste. Weil die Unternehmen immer mehr Dokumente beibringen müssen, verzögern sich die Lieferungen. Viele suchen nach anderen Handelspartnern.

Die Schweiz ist für Italien der wichtigere Absatzmarkt als China. Tremonti bekämpft seine Industrie.
Tatsächlich: Die Exporte Italiens in die Schweiz haben bis Ende November 2010 gegenüber dem Vorjahr um 2,2 Milliarden Euro zugelegt, diejenigen nach China und Indien zusammen um 2,4 Milliarden. Die Schweiz ist weltweit der fünftgrösste Absatzmarkt von italienischen Landwirtschaftserzeugnissen. Jährlich importiert die Schweiz 70 Millionen Liter Wein aus Italien, aus Frankreich knapp 40 Millionen Liter.

Und jetzt braucht es für jede Flasche eine Bürokratie sondergleichen.
Ich wünschte mir, dass es viel einfacher wäre. Übrigens auch von der Schweizer Seite her. Auch hier gibt es Probleme – zum Beispiel Bestimmungen für Bioprodukte, die nicht mit EU-Vorschriften kompatibel sind. Manchmal weiss man nicht genau, wer in der Schweiz wofür zuständig ist. Der Bund sagt, das sei ein Problem des Kantons. Der Kanton sagt, das sei ein Problem der Gemeinden. Bern sagt etwas anderes als das Tessin.

Italien diskriminiert gezielt die Schweiz, indem es neue Meldepflichten erlässt, statt das Steuerbetrugsabkommen zwischen der Schweiz und der EU anzuwenden.
Zwischen den beiden Ländern finden zu wenige Gespräche statt. Ich bin Mitglied von bilateralen Kommissionen. Dort wird über dies und jenes diskutiert, ohne aber angemessene Lösungen zu finden. Eine wichtige Rolle könnte zum Beispiel das Tessin übernehmen.

Etwa indem es die italienischen Grenzgänger ins Visier nimmt?
Wir wissen, dass die Grenzgänger für beide Länder eine wichtige Rolle spielen könnten.

Empfehlen Sie dem Tessin, diese Gelder zurückzuhalten?
Das haben Sie gesagt. Ich sage nur: Die Grenzgänger sind für Norditalien wie das Tessin sehr wichtig. Die Diskussion müsste auf regionaler und lokaler Ebene in Gang kommen. In den Grenzprovinzen Varese und Como ist die Lega Nord sehr stark. Die Anliegen der Schweiz würden so auch von Lega-Nord-Chef Umberto Bossi gehört, der grossen Einfluss in der Regierung hat.

Und was könnte Bern besser machen, um in Rom gehört zu werden?
Die Schweiz müsste vielleicht Italien verständlich machen, wie wichtig die Investitionen in den Ausbau der Neat sind. Und dass Italien grosse Vorteile davon hätte.

Die neuen Meldepflichten erschweren auch die Sitzverlegungen von italienischen Firmen in die Schweiz.
Trotzdem bietet die Schweiz immer noch viele Vorteile. Viele italienische Firmen verlegen ihren Sitz für die internationalen Handelsaktivitäten hierher, weil es weniger Probleme gibt.

Zum Beispiel?
Wir alle wissen, dass die italienische Bürokratie ein Hindernis darstellt.

Italien zieht wenig Direktinvestitionen an. Wegen der Bürokratie?
An der Bürokratie allein kann es nicht liegen. Studien zeigen, dass es in Italien nicht wesentlich länger dauert, eine GmbH oder eine AG zu gründen als etwa in Deutschland. Das Problem ist, dass man nur Negatives über Italien liest. Süditalien ist gleich Mafia – das Positive kommt gar nicht zur Sprache.

Eine negative Seite ist die, dass die Swisscom-Tochter Fastweb von der organisierten Kriminalität für einen Milliardenbetrug missbraucht wurde.
Aber es gibt auch Schweizer Firmen, die sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Schindler produziert mit besten Ergebnissen in Verona, und auch ABB arbeitet erfolgreich in Italien – Re Power plant eine grosse Investition in Kalabrien.

Erstellt: 04.04.2011, 23:45 Uhr

Zur Person

Andrea G. Lotti (63) ist schweizerisch-italienischer Doppelbürger und Geschäftsführer der italienischen Handelskammer für die Schweiz mit Sitz in Zürich.

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