Wir arbeiten weniger hart, als wir glauben

Wie streng müssen Vorschriften zur Arbeitszeiterfassung sein, und für wen sollen sie gelten? Die Schweizer Politik beschäftigt sich mit einem Thema, das Forscher bereits wissenschaftlich untersucht haben.

Arbeit oder Entspannung? Angestellter eines Schweizer Unternehmens.

Arbeit oder Entspannung? Angestellter eines Schweizer Unternehmens. Bild: Keystone

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Die Arbeitszeiterfassung ist letzte Woche in der Schweiz definitiv zum Politikum geworden, als der Ständerat einstimmig eine Motion zum Thema verabschiedete. Er wünscht sich eine vertiefte Abklärung der Frage, welche Angestellten künftig ihre Arbeitszeit erfassen müssen und welche nicht. Das geltende Gesetz wurde 1968 zum letzten Mal geändert und ist überholt.

Die Arbeitgeber wollen die Erfassung darum ganz abschaffen: «Die Präsenzzeit steht in vielen Betrieben nicht mehr im Vordergrund, dafür die Leistung», sagte Daniella Lützelschwab vom Schweizerischen Arbeitgeberverband (SAV) gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Die Gewerkschaften hingegen verteidigen die Arbeitszeiterfassung vehement: Sie warnen vor Gratisarbeit, der Vermischung von beruflicher Tätigkeit und Privatleben und damit verbundenen stressbedingten Krankheiten.

Während die Debatte in der Schweiz erst richtig Fahrt aufnimmt, wird sie in den USA schon seit längerem kontrovers geführt, zahlreiche Studien zum Thema sind bereits erschienen. Viele davon stützen den Standpunkt der Arbeitgeber. Denn die Arbeitszeiterfassung scheint tatsächlich komplizierter zu sein als angenommen, wie eine Metastudie zeigt, die in der Fachzeitschrift «Monthly Labor Review» erschien.

Zehn Prozent weniger Arbeit als gedacht

Die Forscher rund um John P. Robinson von der University of Maryland nennen dafür zwei Gründe. Erstens würde eine Erfassung voraussetzen, dass alle Angestellten dieselbe oder wenigstens eine ähnliche Definition von Arbeit haben, sich aktiv an die geleisteten Arbeitsstunden erinnern und diese akkurat protokollieren können. Das aber sei je länger, je weniger der Fall – für die einen ist es beispielsweise eine Selbstverständlichkeit, nach Feierabend nochmals die E-Mails zu checken, andere zählen das zur Arbeitszeit. Zweitens überschätzten viele Angestellte die von ihnen geleisteten Arbeitsstunden – und zwar um fünf bis zehn Prozent. Ein Anwalt, der angibt, 14 Stunden pro Tag zu arbeiten, kann sich also gut und gern um mehr als eine Stunde verschätzen.

Zu dieser Erkenntnis kamen die Forscher, als sie zwei Methoden zur Arbeitszeiterfassung miteinander verglichen. Bei der ersten waren die Angestellten aufgefordert, am Ende eines Arbeitstags oder einer Woche eine Schätzung abzugeben für die Anzahl an geleisteten Arbeitsstunden. Bei der zweiten mussten sie ihre Aktivitäten laufend in einem Tagebuch erfassen. Das Resultat: Bei der Zeitschätzung summierten sich signifikant mehr Arbeitsstunden als bei der Tagebuchmethode.

Je höher die Position, desto grösser die Differenz

Schon in einer früheren Studie hatte Robinson denselben Effekt gefunden und ihn nach Berufsstand analysiert. Er fand heraus, dass die Arbeitsbelastung offenbar stärker überschätzt wird, je höher die Position und je prestigeträchtiger der Beruf des Befragten. Konkret: Die Differenz zwischen wahrgenommenen und tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden ist beim Anwalt grösser als bei seinem Gehilfen, bei der Ärztin grösser als bei der Krankenschwester, beim Konzernchef grösser als beim Buchhalter.

Robinson führt für diesen Effekt zwei Gründe an: Zum einen diene die Anzahl geleisteter Arbeitsstunden gerade in leistungsorientierten Branchen als Statussymbol. Zum anderen sei sie für viele Angestellte zum sinnstiftenden Merkmal geworden – je länger einer arbeitet, desto wichtiger ist er.

Ein grosses Anliegen des Seco

Dass gerade Kaderleute von der Pflicht der Arbeitszeiterfassung befreit werden sollen und das entsprechende Gesetz veraltet ist, darin sind sich in der Schweiz die meisten einig. Fraglich ist hingegen, wo die Grenze gezogen wird. Im Juli 2013 war das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) mit einem entsprechenden Vorschlag aufgelaufen: Dieser hatte vorgesehen, dass Angestellte mit einem Lohn von über 175'000 Franken pro Jahr die Arbeitszeit nicht mehr erfassen müssen. Die Gewerkschaften liefen Sturm, das Seco zog den Vorschlag wieder zurück.

Immerhin gilt seit dem 1. Januar 2014 für Führungspersonen offiziell eine vereinfachte Zeiterfassung: Angestellte, die besondere Verantwortung tragen und in der Erfüllung ihrer Aufgaben sehr autonom sind, müssen ihre Arbeitszeit nicht mehr lückenlos dokumentieren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.03.2014, 12:31 Uhr

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