«Wir brauchen eine andere Landwirtschaft»

Wie weiter mit Pestiziden, Hunger und Bienensterben? Juan Gonzalez von Syngenta und Urs Niggli vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick im Streitgespräch.

«Ich bin überzeugt, dass es neue Technologien geben wird, die die Grenzen zwischen biologischem und konventionellem Anbau auflösen wird», sagt Juan Gonzalez (links).

«Ich bin überzeugt, dass es neue Technologien geben wird, die die Grenzen zwischen biologischem und konventionellem Anbau auflösen wird», sagt Juan Gonzalez (links).

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Der Agrarkonzern Syngenta ist Partner der Stadt Basel an der Expo, die vom 1. Mai bis 31. Oktober in Mailand stattfindet. In den ersten sechs Wochen will der Basler Agrarkonzern dort unter anderem auf die Herausforderungen für die Landwirtschaft in Zusammenhang mit der Welternährung hinweisen. Dieses Engagement stösst bei NGOs auf heftige Kritik: Syngenta erhalte ein «Meinungsmonopol» und könne an der Expo ihre umstrittene Strategie zur Welternährung unwidersprochen darlegen. Es sei wichtig, dass eine Auseinandersetzung stattfindet, sagt hingegen Basels Regierungspräsident Guy Morin. Wir eröffnen diese mit einem Streitgespräch zwischen Juan Gonzalez-Valero, Head Public Policy and Sustainability der Syngenta, und Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau in Frick (Fibl).

Immer mehr Menschen sind bereit, für nachhaltig und biologisch hergestellte Produkte mehr zu bezahlen. Sind die Zeiten der industriellen Intensiv-Landwirtschaft vorbei?
Juan Gonzalez-Valero: Wir dürfen uns nichts vormachen: Die weltweit 7,3 Milliarden Menschen könnten wir nicht ernähren, wenn wir eine Landwirtschaft hätten wie vor 50 oder 100 Jahren. Vor 50 Jahren hat ein Hektar etwa zwei Menschen ernährt, heute ernährt er etwa fünf Menschen. Zusätzlich kommen unsere veränderten Essensgewohnheiten zu immer tierproteinreicheren Ernährung, die zusätzliche Ressourcen verlangt. Was wir tun müssen, ist die intensive Landwirtschaft umweltfreundlicher zu gestalten. Das ist die Herausforderung, die wir heute haben.

Urs Niggli: Die Nachhaltigkeit in Ernährungsfragen ist tatsächlich ein grosses Thema. Die Zeit der anonymen Landwirtschaft, in der die Produkte keinen Charakter haben, ist wirklich ziemlich vorbei. Wir werden künftig im Agrarwelthandel soziale und ökologische Elemente stärker einbringen müssen. Dies tun momentan verschiedenste Labels. Darunter ist Bio eines der nachhaltigsten.

Gonzalez: Grundsätzlich muss man sich fragen, was industrielle Landwirtschaft eigentlich heisst. Ich habe ein Problem damit, eine Art der Landwirtschaft zu dämonisieren und die andere Art zu glorifizieren. Es geht darum, die Landwirtschaft grundsätzlich nachhaltiger zu gestalten. Landwirtschaft ist immer eine Interaktion des Menschen mit der Umwelt. Das müssen wir in einer Form machen, damit sie die Menschen ernähren kann.

Ihrer Meinung nach kann die Landwirtschaft nicht auf Pestizide verzichten?
Gonzalez: Es gibt keine Landwirtschaft ohne Pflanzenschutz. Auch die biologische Landwirtschaft verwendet Pestizide. Von den zehn am meisten in der Schweiz verkauften Pestiziden stehen vier in der Betriebsmittelliste des Fibl. Das Fibl forscht kontinuierlich auch an neuen Pestiziden für den biologischen Landbau, die dort zugelassen werden können. Substanzen wie Pyrethrine sind im Prinzip Chemikalien, die auch im biologischen Landbau zugelassen sind.

Das heisst, Sie benützen auch chemische Produkte, Herr Niggli?
Niggli: Pyrethrin ist ein Pflanzenextrakt, das heisst ein reines Naturprodukt. Das ist die Art Schädlingsbekämpfung, die wir im Biolandbau wollen. Wir suchen momentan intensiv weitere natürliche Stoffe. Tatsache ist, dass wir nicht mehr so viel Energie, Stickstoff, Phosphor und Pestizide in die Landwirtschaft hineinpumpen können. Das sind Millionen von Tonnen, die sich umweltbelastend auswirken. Wir wollen die wenigen chemischen Stoffe, die im Biolandbau noch gebraucht werden, komplett ersetzen.

Aber Sie setzen tatsächlich einige ein?
Niggli: Ja, wir haben Kupfer, das ist bekannt. Gegen einige Pflanzenkrankheiten setzen wir das ein. Daneben gibt es jedoch etwa 400 chemische Stoffe, die der Biolandbau nicht einsetzt.

Was setzen Sie neben Kupfer noch ein?
Niggli: Schwefel. Das sind die beiden Hauptstoffe, die eingesetzt werden.

Stellt Syngenta auch Produkte her, die Biobauern einsetzen können?
Gonzalez: Ja, wir haben eine ganze Linie; sie heisst Bioline.

Ist das ein neuer Zug, auf den Sie aufgesprungen sind?
Gonzalez: Nein, das war immer Teil unseres Portfolios. Die Frage ist nur, was zugelassen wird. Alle Produkte, die wir entwickeln, werden stark reguliert, auf Nebenwirkungen hin untersucht und erst dann zugelassen oder nicht. Der biologische Landbau jedoch entscheidet selber, welche Mittel zugelassen werden.

Niggli: Wir organisieren seit zehn Jahren den Weltkongress für Hersteller von biologischen Pflanzenschutzmitteln. Zu Beginn hatten wir 100 Leute, in diesem Jahr waren es in Basel schon 800. Mit dabei waren die Grossen: Syngenta, Monsanto, BASF, Bayer. Sie kommen, weil Bio im Trend liegt. Pionier war die chemische Industrie jedoch nie und sie hat nie Geld in die Hand genommen, um biologische Mittel zu entwickeln.

Gonzalez: Aber wir nehmen sehr viel Geld in die Hand, um Produkte zu registrieren, die auch im biologischen Anbau verwendet werden.

Herr Niggli, eine Grundsatzfrage. Glauben Sie, 7,3 Milliarden Menschen können nur mit Biolandbau ernährt werden? Niggli: Ich kann nicht sagen, dass der Biolandbau unter den bestehenden Bedingungen alle Menschen ernähren könnte, doch die Chemie macht es ja auch nicht. Wir brauchen grundsätzlich eine andere Landwirtschaft. Dazu sollten wir Techniken zur Verfügung stellen, welche die Kleinbauern in Entwicklungsländern befähigt, 50 Prozent oder 100 Prozent mehr zu produzieren. Diesen Bauern fehlt ja schon allein das Geld, um Pflanzenschutzmittel und Saatgut bei Syngenta zu kaufen.

Ihr Saatgut ist also um einiges teurer als das herkömmliche, Herr Gonzalez?
Gonzalez: Ja, weil es Eigenschaften hat, die für gute Produktivität sorgen. Die Frage ist, wann fängt der Zeitpunkt an, wo ein Bauer beginnen soll, in unser Saatgut zu investieren. Das macht er letztlich nur, wenn er auch Zugang zu einem Markt hat, wo er seine Ernte verkaufen kann. Allein für die Selbstversorgung lohnt sich diese Investition nicht. Ich möchte auch auf die Frage zurückkommen, ob man mit biologischem Landbau 7,3 Milliarden Menschen ernähren kann. Die limitierenden Faktoren liegen im Stickstoff und Phosphat, also im Düngemittel. Die Schweiz beispielsweise importiert pro Jahr 400 000 Tonnen eiweisshaltige Futtermittel. Dabei sind über die Hälfte gentechfreie Sojaprodukte, die häufig in der biologischen Landwirtschaft Verwendung finden. Man müsste theoretisch die Intensität der Fleischzucht reduzieren, wenn man ein zyklisches System möchte, so wie es den Idealen des biologischen Landbaus entspricht. Doch das ist unrealistisch.

Hängen Sie einem Traum nach, Herr Niggli?
Niggli: Nein. Der Biolandbau ist eigentlich nichts anderes als eine sehr gute und wissensintensive landwirtschaftliche Praxis. Er geht sorgsam mit den Ressourcen um, ist zwar arbeitsintensiv, jedoch kostengünstig und nutzt lokal verfügbare Ressourcen. Der Biobauer kann einen Blumenstreifen dem Feld entlang anbauen und er hat eine gewisse Regulierung des Schädlingsdrucks. Es gibt viele einfache Massnahmen, die der Bauer lokal machen kann.

Gonzalez: Es gefällt mir nicht, wenn bestimmte Landwirtschaftsmethoden exklusiv einem zertifizierten Bereich der Landwirtschaft zugeordnet werden. Blumenrandstreifen beispielweise werden seit Einführung von Syngenta innerhalb unserer Verkaufsberatung empfohlen, um die natürliche Bestäubungsrate zu erhöhen. Das sind keine Methoden, die exklusiv in den Biolandbau gehören, sie gehören heute zu einer guten agronomischen Praxis.

Herr Gonzalez, Syngenta wird häufig vorgeworfen, dass sie in Entwicklungsländern immer noch Pflanzenschutzmittel mit umweltschädlichen und hochgiftigen Pestiziden verkauft, die in Europa längst verboten sind. Stimmt das?
Gonzalez: Es gibt Produkte, die in Europa nicht zugelassen sind, weil wir keinen Antrag gestellt haben oder weil sie hier nicht gebraucht werden. Alle Produkte, die wir verkaufen, erfüllen dieselben hohen Sicherheitsstandards für Anwender und Umwelt und entsprechen den von den Behörden gestellten Anforderungen. Es gibt keine besser regulierte Industrie als die Pflanzenschutzbranche. Die Pestizide heute unterscheiden sich von früheren.

Können Sie das bestätigen, Herr Niggli?
Niggli: Es gibt eine Substanz, die ist in der Schweiz nicht mehr zugelassen, das ist Paraquat. Es ist ein hochtoxisches Herbizid, das noch vor 20 Jahren das häufigste Selbstmordgift war. Doch grundsätzlich stimme ich Herrn Gonzalez zu; die Zulassungsbedingungen in Europa haben sich in den vergangenen 40 Jahren stark verändert. Man ist sehr viel strenger geworden und davon profitiert die Umwelt. Aber die Biobauern wollen noch einen Schritt weiter gehen.

In der Gesellschaft zirkulieren tatsächlich ungute Gefühle, Herr Gonzalez, und es tauchen auch immer wieder beunruhigende Meldungen auf – beispielsweise, dass Ihre auf Neonicotinoide basierenden Mittel mitverantwortlich für das Bienensterben sein könnten.
Gonzalez: Die Bienendiskussion ist ein gutes Beispiel, um aufzuzeigen, dass Wissenschaft und öffentliche Meinung immer mehr auseinanderdriften. Genau bei dieser Diskussion liegen nämlich die Fakten noch überhaupt nicht auf dem Tisch. Die Vorwürfe stehen im Raum, doch belegt ist noch nichts.

Können Sie unterschreiben, dass weder Tiere noch Menschen durch eure Mittel zu Schaden kommen?
Gonzalez: Ich kann das genau- so wenig unterschreiben, wie Herr ­Niggli das kann. Das wäre genauso absurd, wie wenn man unterschreiben müsste, dass es im Strassenverkehr keine Unfälle gibt. Auch dort braucht es Regulierungen, um den Strassenverkehr sicherer zu gestalten.

Sind Sie da einverstanden, Herr Niggli?
Niggli: Ich kann da nur nochmals sagen, dass der Biolandbau im Pflanzenschutz viel geringere Risiken eingeht, und dass die natürlichen Mittel einen grossen Vorteil haben.

Syngenta verkauft Saatgut in Afrika. Das Fibl macht dort Beratungen. Nicht zuletzt, damit die Bauern auf ihr altes Saatgut zurückgreifen. Gibt es hier Interessenskonflikte?
Gonzalez: Investition in Saatgut ist eine wichtige Entscheidung für den Bauern zu Beginn der Anbausaison. Gutes Saatgut wird gezüchtet von professionellen Saatgutzüchtern, um einen höheren Ertrag zu erzielen. Das kann man in der Regel nicht selber züchten. Gewisse Sorten verlieren tatsächlich ihre Eigenschaften in der nächsten Generation. Solches Saatgut wird auch im biologischen Landbau verwendet.

Niggli: Wir haben da einfach eine andere Philosophie. In vielen Gegenden züchten wir gemeinsam mit der Dorfgemeinschaft aus lokalem Saatgut heraus Sorten, die ertragsreicher und vor allem robust sind. Das ist eine Lowtech-Züchtungsmethode. Das ist etwas, das die Syngenta nicht machen kann, da die Gewinnmargen zu klein sind. Wir setzen auch auf Vielfalt. Es gibt nicht nur Weizen, Reis und Kartoffeln, sondern noch viele Kulturarten, die wir erhalten müssen. Wir brauchen eine vielfältige Ernährung.

Gonzalez: Das tönt ja so, wie wenn der Biolandbau die Lösung des Hungerproblems dieser Welt hat. Letztlich gibt es Hunger auf der Welt, der resultiert darin, dass der Zugang zu Lebensmitteln fehlt, die Erntezyklen schlecht laufen, die Speicherfähigkeit fehlt und vieles mehr. Diese Missstände können nicht allein die Biolandwirte beheben, das wäre anmassend.

Niggli: Wenn wir über arme Bauern und Hunger sprechen, haben wir einfach eine andere Strategie, die auf lokale Vielfalt setzt. Es gibt viele Landwirte, die so arm sind, dass sie keinen Markt ansprechen. Wir schauen mit ihnen an, was sie brauchen, und verbessern mit ihnen Saatgut und Anbau, sodass sie einen höheren Ertrag erzielen können.

Welches ist Ihre Wunschagrarwirtschaft in 30 Jahren? Wo möchten Sie dann stehen?
Gonzalez: Es geht darum, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass wir uns einig sind, wie eine nachhaltige Landwirtschaft aussieht. Dazu gehören bessere Ressourceneffizienz und ein besserer Nährstoffkreislauf. Ausserdem soll auf Flächen, die zur Verfügung stehen, genug produziert werden können, damit die Menschheit gut leben kann. Ich bin überzeugt, dass es neue Technologien geben wird, die die Grenzen zwischen heutigem biologischem und konventionellem Anbau auflösen wird.

Niggli: Unser heutiges Ernährungssystem ist völlig ineffizient. 50 Prozent von dem, was wir auf dem Acker produzieren, gelangt gar nicht in die menschliche Ernährung: Aufgrund von Verlusten, Veredelung, das heisst die Umwandlung von Getreide in Fleisch oder Treibstoffe, oder weil wir Nahrungsmittel wegwerfen. Die Verminderung dieser gigantischen Verluste ist für mich ein wichtiges Ziel. Ausserdem möchte ich die Kreisläufe schliessen. Und als Drittes möchte ich ein modernes System, das auf einer guten, nachhaltigen landwirtschaft­lichen Praxis aufbaut: weg von der Monokultur und hin zu einer diver­sifizierten Ernährung. Ob Bio oder nicht, ist sekundär. (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.03.2015, 14:08 Uhr

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