«Wir brauchen mehr Talente»

Isabelle Welton, IBM-Schweiz-Chefin, erklärt, was der Technologieriese in der Schweiz macht. Sie kritisiert die Bildungspolitik und lobt Schweizer Kunden.

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Mehr Naturwissenschaften in den Schulen fordert die Chefin von IBM Schweiz, Isabelle Welton. Damit die Schweiz auch künftig vorne mit dabei ist, brauchen wir Leute, die Technologie nicht nur anwenden, sondern auch verstehen, sagt sie.

Frau Welton, ist die Schweiz als Standort für Technologieunternehmen attraktiv?
IBM ist seit 1927 in der Schweiz, also schon eine sehr lange Zeit. Schon damals merkte man, dass man aus Amerika in die einzelnen Länder gehen muss, um erfolgreich zu sein. Die Schweiz bot sich an: Zum einen liegt sie geografisch im Herzen Europas, damals war das noch etwas wichtiger als heute. Zum anderen war und ist die Schweiz politisch stabil und verhältnismässig wenig reguliert. Massgebend für diesen Entscheid waren aber vor allem auch die Eidgenössischen Hochschulen in Zürich und Lausanne, ETH und EPFL.

Wie sind die Erfahrungen hier?
Wir haben bisher sehr gute Erfahrungen mit diesem Standort gemacht, es gelang uns immer wieder, die benötigten Talente anzuziehen und zu halten. Von der gegenseitigen Nähe zur ETH und EPFL profitieren sowohl die Hochschule als auch wir: Man sieht es in den erzielten Spitzenresultaten und den gewonnenen Nobelpreisen unseres Labors in Rüschlikon.

IBM hat seine Forschungslabore auf der ganzen Welt verteilt. Wieso?
Um von der Globalisierung der Forschung zu profitieren. Jedes Labor hat seinen Forschungsschwerpunkt, der vor allem auch von den Gegebenheiten in den jeweiligen Ländern abhängt. Die Forschung in Rüschlikon ist beispielsweise sehr auf Sicherheit ausgelegt.

Was meinen Sie mit Sicherheit?
Das Thema ist sehr umfassend, es reicht von der Sicherheit von Netzwerken und Identitäten über die Sicherheit von Datenzentren bis zu Clouds.

Sie sagen, es gelinge Ihnen, Talente hierher zu ziehen und zu halten. Woher kommen diese Leute?
In unserem Forschungszentrum arbeiten über 300 Personen aus über 50 Nationen. Es ist also eine sehr internationale Truppe. Dies zeigt die Internationalität unserer Firma, aber auch, wie global vernetzt die Forschung heute ist. Dass die Leute hier bleiben, zeigt doch schön, dass die Schweiz nicht nur als Arbeits-, sondern auch als Wohn- und Lebensort sehr attraktiv ist.

Woran genau forschen Sie hier?
Im Zentrum steht die Nanotechnologie. Computerchips sind mittlerweile so klein, dass physikalisch nicht mehr viel Spielraum besteht, noch kleiner zu werden. Wir versuchen nun, neue Materialien zu finden, die eine weitere Miniaturisierung erlauben. In diesem Bereich arbeiten wir auch mit der ETH zusammen.

Was erwarten Sie vom Forschungsstandort Schweiz?
Aus meiner Sicht ist es ganz wichtig, die Kräfte zu bündeln. In der Vergangenheit bestand die Tendenz, sich zu verzetteln und zu viele Bereiche abdecken zu wollen. Wir müssen fokussieren, sodass alle Kräfte in die gleiche Richtung wirken. Eines ist klar, die Konkurrenz sitzt nicht in Basel oder Genf, sondern ist weltweit, in Singapur, Brasilien oder den USA zu Hause.

Glauben Sie, dass wir im Wettbewerb um Talente den Anschluss verlieren?
So würde ich es nicht ausdrücken. Aber wir haben definitiv ein Problem beim Nachwuchs. Bei IBM Schweiz bilden wir derzeit mehr als 50 Lehrlinge in der IT aus. Das reicht jedoch nicht, um die künftige Nachfrage zu decken. Aber es ist schwierig, das Interesse für IT bei den jungen Leuten zu wecken.

Woran könnte das liegen?
Ich weiss es nicht, jede Äusserung dazu wäre Spekulation. Aber wenn man sieht, welchen Stellenwert naturwissenschaftliche Fächer in unserem Schulsystem haben, kann man sich fragen, ob dies damit zusammenhängt. Es ist für junge Leute je länger, je weniger attraktiv, Ingenieur zu werden. Es ist aber ein Problem, das wir mittelfristig lösen müssen. Es beschränkt sich auch nicht einfach auf die Hochschulen, es betrifft die ganze Gesellschaft.

Aber die Jugend von heute ist doch elektronikbegeistert. Jeder hat Handy, Computer und MP3-Player.
Klar. Aber Technologie wird als selbstverständlich empfunden. Jeder nutzt sie, aber nur die wenigsten verstehen, was wirklich dahintersteckt.

Gibt es denn Länder, wo Sie sehen, dass diese es besser machen?
Ich glaube, dass wir in ganz Europa mit diesem Problem konfrontiert sind. Es gibt Regionen in Osteuropa, zum Beispiel in Bulgarien, wo es eine grosse IT-Affinität gibt. Wichtig sind aber vor allem die Emerging Markets mit ihren scheinbar unerschöpflichen Menschenmengen. Entsprechend sind da auch viele Talente dabei.

Von diesen können wir allerdings wenig lernen, die sind auf einem völlig anderen Level als wir.
Das stimmt. Aber unsere Aufgabe ist es, die besten Talente hierher zu bringen und dann hier zu halten. Jobs gäbe es genug. Können wir diese Leute allerdings nicht halten, wird es schwierig. Ohne Talente gibt es keine Innovation und somit auch keinen Fortschritt. Wir gerieten in Rückstand, was unseren Wohlstand bedrohen würde.

Gibt es da Probleme mit den Behörden, zum Beispiel mit den Kontingenten für Leute ausserhalb der EU/Efta?
Grundsätzlich ist die Zusammenarbeit mit den Behörden gut, da wird aus unserer Sicht professionell gearbeitet und versucht, Lösungen zu finden. Der gute Kontakt zu den Behörden ist sicher einer der grossen Vorteile der Schweiz, was auch am Milizsystem liegt. Schwierig wird es natürlich, wenn wir spontan auf Aufträge reagieren müssen und daher innerhalb kurzer Zeit Leute aus aller Welt hier bräuchten. Eine Flexibilisierung der Kontingente oder ein Austausch zwischen den Kantonen würden uns helfen. Vor zwei Jahren, als es Gesetzesänderungen gab, haben wir interveniert. Man ist uns dann glücklicherweise entgegengekommen.

Zurück zu Ihrem Business: Wohin entwickelt sich die IT?
Ganz wichtig ist der Umgang mit Information. Wir haben eine schier unendliche Fülle an Informationen, besonders im Internet. Es sind teilweise auch private Dinge, die gespeichert werden. Die Herausforderung ist nun, mit diesen Informationen umzugehen, diese einzuordnen und zu strukturieren. Es geht aber auch darum, diese Informationen zu nutzen. Interessant wird es, wenn man das proaktiv machen kann, also aufgrund von bestehenden Informationen sozusagen in die Zukunft schauen.

Zum Beispiel?
Jemand ist auf einer Bergtour und macht ein Foto von einem Bach, der über die Ufer quillt. Man sieht, dass der Bach Hochwasser hat, aufgrund von GPS im Handy weiss man auch, wo das Foto gemacht wurde. Dieses Wissen gilt es nun so zu strukturieren, dass das Kraftwerk weiter unten am Bachlauf weiss, dass der Wasserstand in zwei Stunden zunehmen wird.

Wäre dies denn heute möglich?
Aus technologischer Sicht auf jeden Fall. Technologie ist billig und überall verfügbar. Es geht nur noch um die Anwendung, die uns auch zunehmend bewusst wird. Technologie ist nicht mehr einfach der schwarze Kasten im Keller. Sie muss auf Prozesse eingehen können, die Daten strukturieren und analysieren. So kann man die Zukunft bis zu einem gewissen Grad antizipieren und Voraussagen für künftiges Verhalten machen. Das ist eine komplett neue Herausforderung.

Wie ist denn eigentlich der Stellenwert von IBM Schweiz innerhalb dieses riesigen Konzerns?
Die Schweiz ist für IBM ein sehr interessanter Markt, weil wir hier sehr technologieaffine Kunden haben. Wir profitieren davon, mit diesen neue Lösungen für ihre individuellen Bedürfnisse zu entwickeln. Das ist anspruchsvoll und attraktiv. Andererseits haben wir viele KMU, bei denen die IT einfach funktionieren muss und die daher einen zuverlässigen Partner wollen.

Zum Schluss: Was sind Ihre Forderungen an die Schweizer Politik?
Wenn wir uns die Frage stellen, wieso Schweizer Unternehmen so erfolgreich sind, sind es wohl die verlässlichen, da politisch stabilen und auch klaren Rahmenbedingungen. Die freiheitliche Gesetzgebung, die Unternehmen nicht zu stark einschränkt, hilft diesen, sich den flexiblen Märkten anzupassen. Meine Forderung an die Politik ist es, dafür zu sorgen, dass wir diese Vorteile auch künftig haben. Wir dürfen diese nicht so einfach preisgeben.

Dann war die Energiewende also keine gute Politik? Schliesslich wurde diese Entscheidung auch relativ kurzfristig gefällt.
Zur Energiepolitik des Bundes werde ich mich nicht äussern. Vielleicht so viel: Hohe Energiekosten behindern das Wachstum.

Erstellt: 14.04.2012, 14:52 Uhr

«Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht»: Isabelle Welton. (Bild: IBM)

Nach globaler Karriere zurück in der Schweiz

Seit Januar 2010 ist die in Baden (AG) aufgewachsene Isabelle Welton Länderchefin von IBM Schweiz. Ihre Karriere begann die 48-jährige Juristin in New York und Tokio. Sie arbeitete bei mehreren Grossunternehmen in den Bereichen Kommunikation und Marketing, ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Neben ihrer Tätigkeit bei IBM ist sie seit diesem Jahr im Verwaltungsrat von Georg Fischer und Mitglied im Vorstand von Economiesuisse. (BaZ)

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