«Wir haben nur Luxusprobleme»

Swatch-Chef Nick Hayek hat allen Grund zu prahlen: Im Interview spricht er über neue Umsatzziele, den Ausbau der Fabriken und warum die Nationalbank etwas gegen Währungsspekulanten unternehmen sollte.

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In Zahlen gesprochen: Wie stark leidet die Swatch Gruppe wirklich unter dem starken Franken?
Uns tut der starke Franken sehr wohl weh. Wir haben dadurch um 387 Millionen Franken weniger Umsatz. Dabei darf man nicht vergessen, dass die Wirkung immer ein bisschen später kommt. Der Einbruch bei uns durch den ungünstigen Wechselkurs ist seit Anfang Jahr bis Juni immer schlimmer geworden. Wenn das so bleibt, werden wir das noch mehr zu spüren bekommen.

Ihr Rezept dagegen?
Wir sind sehr kostenbewusst. Wir führen keine Privatflugzeuge und bauen nicht mit Marmor. Und wir haben im Jahr 2009 keine Jobs abgebaut. Das bedeutet, dass unsere Fabriken jetzt, wo wir so viel Kapazität brauchen, auf Vollauslastung laufen. Wir haben keine Kosten gehabt, um Leute zu entlassen und haben daher auch keine Kosten für Neueinstellungen im Nachhinein. Das ergibt unterm Strich eine gute Marge bei 100 Prozent Auslastung in all unseren Werken. Und das, obwohl wir aus dem Ausland wegen dem Schweizer Franken weniger zurückbekommen.

Wollen oder können Sie auf den starken Franken nicht reagieren?
Alle Unternehmen, vor allem die börsenkotierten, sind wie der Ziehharmonika-Effekt auf drei bis sechs Monate ausgerichtet. Wir hingegen sind Teil einer traditionellen Industrie, die Börse interessiert uns nicht. Wir behalten unsere Strategie bei, auch wenn es mal schlechter geht. Wir werden deswegen nicht plötzlich unsere Mitarbeiter auf die Strasse setzen. So haben wir in 2009 trotz der Krise gute Resultate gehabt und das ist auch heute wieder so.

Wie soll es denn weitergehen?
In den Lokalwährungen wird das Wachstum weitergehen wie bisher. Wir sehen derzeit, dass der Juli besonders stark ist. Es zeigt sich, dass es ein Vorteil ist, nicht nur im Luxus- sondern auch im unteren und mittleren Segment tätig zu sein, wie etwa mit den Marken Swatch und Tissot.

Und im teuren Franken?
Wir haben im Grunde nur zwei Probleme, die Luxusprobleme sind: Wir kommen mit der Produktion nicht nach, obwohl wir hunderte neue Leute eingestellt haben. Wir bauen ständig neue Fabriken im Inland trotz dem starken Franken. Es ist schon jetzt so, dass wir die Nachfrage nicht zu 100 Prozent für alle Marken decken können. Das zweite Problem ist natürlich sehr wohl der starke Franken.

Kann die Schweiz, kann Swatch sich dagegen wehren?
Meine Meinung dazu ist, dass wir in Wahrheit den Spekulanten Tür und Tor geöffnet haben. Was mit dem Franken passiert, ist viel Währungsspekulation. Die Spekulanten können auf Kosten der Schweiz Casino spielen, und keiner tut was. Die Spekulanten können in der Schweiz offenbar ohne Risiko schalten und walten. Der damalige Nationalbankpräsidenten Fritz Leutwiler hatte es vorgemacht: Er definierte ein Wechselkursziel des Frankens zur D-Mark und erteilte damit den Spekulanten eine Absage. Das hat abschreckend gewirkt. Aus heutiger Sicht ist klar, der Franken muss dringend sinken, weil er masslos überbewertet ist. Das Problem ist ja nicht einmal mehr, dass er insgesamt gestiegen ist, sondern, dass er noch weiter steigen wird.

Wo wird die Swatch Gruppe zum Jahresende stehen?
Wenn die Wechselkurse sich nicht ändern, dann werden wir im Gesamtjahr bis zu einer Milliarde an potenziellem Umsatz verlieren. Was nicht heisst, dass wir in absoluten Zahlen nicht mehr Umsatz machen werden als im Vorjahr. Das zweite Halbjahr ist für uns das wichtigere als das erste, und zwar wegen des Weihnachtsgeschäfts. Für dieses Jahr peilen wir einen Umsatz von sieben Milliarden Franken an, nach 6,4 Milliarden im Jahr 2010.

Wie wollen Sie das erreichen?
Durch Innovation und indem wir darauf schauen, wie wir noch effizientere Herstellungsprozesse in unseren 160 Fabriken in der Schweiz einführen. Darüber hinaus vergrössern wir unser Distributionsnetz im Ausland und wollen neue Produkte lancieren. Preiserhöhungen sind das allerletzte Mittel. Der Konsument in China oder den USA würde nur schwer verstehen, warum er mehr bezahlen soll, nur weil der Franken wegen Spekulanten so stark gestiegen ist.

Keine Überlegungen, dem starken Franken durch Standortverlagerung auszuweichen?
Nein, das Swiss-Made-Label ist für die Uhrenindustrie zu wichtig. Wir bauen in diesem Jahr fünf neue Fabriken im Inland, zum Beispiel eine Zifferblattfabrik in Grenchen, und stellen über 1000 neue Mitarbeitende ein. Wir haben auch Grundstücke in La-Chaux-de-Fonds gekauft, wo wir Zeiger herstellen werden. Für das untere und mittlere Segment erweitern wir die Kapazitäten ebenfalls. Wir bauen in fast allen Kantonen aus, nur nicht im Kanton Zürich, der gehört den Banken (lacht). Wir investieren pro Jahr rund 150 bis 200 Millionen Franken in die industrielle Fertigung und dieses Jahr werden es sogar mehr als 200 Millionen sein.

Wollen sie damit in einem zyklischen Geschäft antizyklisch agieren?
Dieses Wort haben wir nicht gerne. Wir fahren eine langfristige Strategie und die wird vom wirtschaftlichen Auf und Ab zwischendurch nicht gestört. Unser Bekenntnis gilt bei allen Produkten der Herstellung in der Schweiz. Auch wenn die Nachfrage im Ausland schwankt, sind wir immer noch weit davon entfernt, die Gesamtnachfrage mit den derzeitigen Kapazitäten vollständig befriedigen zu können.

Keine Vorsichtsmassnahmen für den Fall, dass es anders kommt?
Die Frage betrifft nicht nur Unternehmen, sondern den gesamten Standort Schweiz. Wir dürfen nicht mit der Idee flirten, ins Ausland zu gehen, sonst verlieren wir die industrielle Basis, die die Schweiz dringend braucht. Die Wirtschaftskraft kommt vor allem aus der Industrie und nicht nur aus der Finanz. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass die Nationalbank ihren Joker ausspielt und den Franken verteidigt.

Kann das die Nationalbank eines so kleinen Landes überhaupt?
Ja, das kann sie. Die Schweiz ist zwar klein, aber sie ist auch ein starkes und unabhängiges Land.

Der Gewinn der Swatch Gruppe ist deutlich gestiegen, was macht Swatch mit dem vielen Geld?
Glücklicherweise sind wir auf Kapital von aussen nicht angewiesen. Wir wissen derzeit nicht, wohin mit dem Geld, wir haben fast drei Milliarden Cash. Die Swatch Group hat keine Schulden und einen Eigenkapitalisierungsgrad von mehr als 80 Prozent. Wir sind ein kerngesundes, unabhängiges Unternehmen.

Weshalb investieren Sie es nicht?
Die beste Investition ist die Swatch Group selbst. Unser Fokus bleibt unser Kerngeschäft. Ich habe vor einiger Zeit bei uns intern die Vorgabe geäussert, mit organischem Wachstum zehn Milliarden Umsatz und mehr zu erreichen. Akquisitionen sind natürlich immer möglich, aber wir verlieren keine Zeit mit Fantasien. Sollte es etwas Interessantes geben, dann können wir schnell agieren, weil wir mit unseren Barmitteln auf keine Bank angewiesen sind. Wenn Sie intern wachsen, zeigt das die Qualität eines Unternehmens, weil das Wachstum von der eigenen Mannschaft, dem eigenen Know-how und den eigenen Maschinen kommt. Wenn Sie eine externe Akquisition machen, dann brauchen Sie eigentlich nur einen Anwalt und einen Investmentbanker. Wenn es eine für uns interessante Marken gäbe, würden wir zuschlagen, das sehe ich derzeit aber nicht, wir sind keine Jäger.

Sie könnten sich mit dem Geld absichern, indem Sie in ein diversifizierteres Produkportfolio investieren…
Da kann ich nur sagen, Schuster, bleib bei deinem Leisten.

Erstellt: 28.07.2011, 15:15 Uhr

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