«Wir müssen die ganze Wahrheit erfahren»

Die Kleinen kontrollieren die Risiken besser als die Grossen, sagt Anne-Marie de Weck, Präsidentin der Genfer Privatbankiers. Sie wollen nun nicht dafür büssen, dass die UBS zu gross war, um zu sterben.

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Frau de Weck, interessiert Ihre Kunden das Ringen um den UBS-Staatsvertrag in Bern?
Der Vertrag betrifft unsere Kunden nur wenig. Unser Land muss sich mehr Sorgen machen als unsere Kunden. Diese verfolgen die Diskussionen aus grosser Distanz.

Hat Ihre Bank Lombard Odier wegen des UBS-Vertrags amerikanische Kunden verloren?Nein. Die USA waren für uns nie ein Hauptmarkt. Unsere Kunden stammen hauptsächlich aus Europa, Asien und dem Mittleren Osten.

Genfer Politiker der Liberalen Partei forderten die eidgenössischen Räte auf, den Vertrag abzulehnen. Teilen Sie deren Ansicht?
Die Angelegenheit stellt ein dunkles Kapitel in der Schweizer Geschichte dar. Im Grunde genommen hat man nur die Wahl zwischen zwei schwerwiegenden Verletzungen des Rechts. Im einen Fall würde der Bundesrat Verpflichtungen, die er gegenüber einem anderen Land eingegangen ist, nicht einhalten. Im andern Fall verletzt die vereinbarte Lieferung von Bankkundendaten nationales Recht. Ich hoffe, das Parlament findet eine Lösung, die im Interesse der Schweiz liegt.

Im UBS-Bericht der Geschäftsprüfungskommissionen wird ein Beamter zitiert, der ehemaligen Spitzenleute der Bank Landesverrat vorwirft, weil sie in den Verhandlungen mit den US-Behörden das Bankgeheimnis preisgaben, um ihren Kopf zu retten. Stimmen Sie dem zu?
Ich würde es nicht so sagen. Die UBS war stets die Bannerträgerin der Schweizer Finanzindustrie. Aber man sollte nicht vergessen, dass 329 der 330 Schweizer Banken der weltweiten Finanzkrise gut widerstanden haben. Die UBS stand unter Zwang, mit den US-Behörden eine Vereinbarung zu treffen.

Soll eine Strafklage gegen die früheren UBS-Chefs eingereicht werden?
Das müssen die Aktionäre der UBS und nicht die Privatbankiers entscheiden. Für mich hat die Frage der Verantwortung grosse Bedeutung. Wir Privatbankiers haften unbeschränkt mit unserem Vermögen für Fehler im Geschäft.

Braucht es eine Parlamentarische Untersuchungskommission?
Am Ende der laufenden Debatte wird man zum Schluss kommen: Wir müssen die ganze Wahrheit erfahren.

Das Bankgeheimnis wird nicht mehr sein, was es einmal war, falls der UBS-Vertrag umgesetzt wird und die neuen Doppelbesteuerungsabkommen in Kraft treten. Ist das Vertrauen ausländischer Kunden in den Finanzplatz Schweiz erschüttert?
Man muss zwischen dem Staatsvertrag und den Doppelbesteuerungsabkommen unterscheiden. Im Fall des UBS-Vertrags ist tatsächlich zu bedauern, dass Kunden dem Schweizer Rechtssystem nicht mehr vertrauen, weil ihre Daten ohne vorgängige Information den Behörden ausgeliefert wurden.

Wie verhält es sich mit den neuen Doppelbesteuerungsabkommen, die bei der Amtshilfe nicht mehr zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung unterscheiden?
Der rechtliche Rahmen dieser Abkommen ist viel klarer als beim Staatsvertrag. Eine Amtshilfe der Schweiz in Steuersachen setzt voraus, dass im ersuchenden Land eine Untersuchung gegen einen dort ansässigen Kunden einer Schweizer Bank läuft. Wir Privatbankiers befürworten, dass das Parlament die neuen Doppelbesteuerungsabkommen ratifiziert. Aber wir fordern, die Anwendung dieser Abkommen müsse in einem Bundesgesetz festgelegt werden.

Warum in einem Gesetz?
Eines steht fest: Internationales Recht kommt vor nationalem Recht. Aber nur ein Gesetz bindet das Bundesgericht. Bei einer Verordnung des Bundesrats ist das nicht der Fall.

Mit welcher Strategie wollen die Privatbanken verhindern, dass der Bundesrat dem Druck der EU nachgibt und den automatischen Informationsaustausch in Steuersachen einführt?
Die europäischen Länder erwarten nicht, dass wir uns ihrem System des automatischen Informationsaustausches anschliessen. Die von den Banken vorgeschlagene Quellensteuer auf den Erträgen ausländischer Geldanlagen ist immer noch in Diskussion. Sie hat den Vorteil, dass sie die Privatsphäre respektiert und für die Herkunftsländer der Bankkunden Steuereinnahmen generiert. Diese erhalten sofort Geld und nicht bloss ellenlange Computerlisten wie im Fall des automatischen Informationsaustausches.

EU-Länder wie Deutschland und Frankreich reagierten kühl auf den Rubik-Vorschlag.
Die Tür ist noch offen. Ich bin zuversichtlich, dass der Bundesrat in dieser Sache vorankommt.

Ist das Vertrauen in den Finanzplatz auch wegen des Diebstahls von Kundendaten durch einen früheren Informatiker der HSBC angeschlagen und durch den Ankauf von Steuer-CDs anderer Banken durch deutsche Bundesländer?
Das schadet vor allem der betroffenen Bank, deren Daten entwendet und verkauft worden sind. Die Privatbanken sind klein. Daher können sie wahrscheinlich besser als Grossbanken solche Risiken unter Kontrolle halten.

Die Privatbankiers befürchten eine übertriebene Reglementierung als Folge der globalen Finanzkrise. Wovor haben Sie Angst?
Gemäss einer Zürcher Studie kostet die Reglementierung Grossbanken 1 bis 2 Prozent der Gesamtkosten. Eine mittelgrosse Bank wie wir wendet 4 bis 5 Prozent auf; eine kleine Bank kostet die Reglementierung dagegen 9 bis 10 Prozent. Es ist paradox, dass man nach einer strengere Reglementierung wegen der Problematik des «Too big to fail» ruft und dadurch die Existenz der kleinen Banken gefährdet, die keine Schuld an der Finanzkrise trifft. Bei den Privatbanken ist die grundsätzlich unbeschränkte Haftung der Teilhaber viel wirksamer als jede Reglementierung.

Lehnen Sie Massnahmen des Bundes ab, die verhindern sollen, dass der Staat in einer nächsten Finanzkrise erneut eine grosse Bank retten muss?
Wir sind nicht grundsätzlich gegen jede zusätzliche Reglementierung. Aber man muss die Banken je nach ihrer Grösse unterschiedlich behandeln. Neue Massnahmen sollen von der Höhe des Risikos abhängen. Sie dürfen nicht einheitlich allen 330 Banken in der Schweiz auferlegt werden.

Müssen die Bonus-Zahlungen an Bankmanager gesetzlich begrenzt werden?
Die Boni müssen in einem Verhältnis zur Verantwortung stehen. Ich verstehe die Leute, die schockiert sind, dass es möglich ist, nicht nur für ein gutes Geschäftsjahr einen Bonus zu erhalten, sondern auch dann, wenn die Geschäfte schlecht laufen. Bei den Teilhabern von Privatbanken hängt die Höhe ihres Verdienstes unmittelbar vom Geschäftsgang ab.

In den letzten Monaten war oft davon die Rede, die Schweizer Banken müssten eine «Weissgeldstrategie» verfolgen. Was halten Sie davon?
In unserem Europageschäft verfolgen wir seit Jahren ein Strategie, wonach die Anlagen mit der Steuergesetzgebung konform sein müssen. Das gilt auch für unsere Niederlassungen in Paris, Brüssel, London und Amsterdam. Wir haben einzig ein Problem mit Vermögen von einigen Familien, die uns schon vor dem Zweiten Weltkrieg aus Sicherheitsgründen zur Verwaltung anvertraut wurden. Nun suchen wir mit den Nachkommen der dritten und vierten Generation einen Weg, um diese Anlagen nachträglich in Ordnung zu bringen.

Wie wollen Sie das tun?
Die Abgeltungssteuer kann eine Lösung sein. Demnach würden diese Gelder versteuert, aber die Privatsphäre der Kunden bliebe gewahrt.

Gemäss einer Genfer Finanzberatungsfirma lagen Ende März 900 Milliarden Franken von Kunden aus Europa auf Schweizer Konten, 80 Prozent davon unversteuert. Verniedlichen Sie nicht das Problem der unversteuerten Gelder?
Das kann nicht stimmen. Man weiss es nie genau. In unserer Bank sollte der Anteil der unversteuerten Gelder unter 10 Prozent liegen.

Die von Ihrer Bank verwalteten Anlagen nahmen letztes Jahr um fast 16 Prozent auf 147 Milliarden Franken zu. Haben Sie seither wegen der Schuldenkrise in Griechenland und der Schwäche des Euro neue Kunden gewonnen?
Die Attraktivität des Finanzplatzes ist wegen der Stärke des Frankens und der Krise in der Eurozone tatsächlich gestiegen. Neue Kundengelder fliessen uns nicht speziell aus Griechenland, sondern aus Europa allgemein zu. Die Kunden sehen nicht nur die aktuelle Höhe der Verschuldung in ihren Ländern, sondern auch die langfristigen Folgen auf ihre Altersvorsorge. Gegenwärtig suchen namentlich Anleger aus Spanien und Deutschland die Stabilität der Schweiz. Viele italienische Kunden haben sich nach der Steueramnestie in ihrem Land entschieden, ihr Geld auf Schweizer Banken zu belassen.

Sie haben es als erste Frau in die Führungsschicht der Genfer Privatbankiers geschafft. Brachten Sie eine Kompetenz in dieses männliche Milieu, die dort früher zu kurz kam?
Ich glaube nicht. Wir ergänzen uns im Kollegium der Privatbankiers sehr gut. Jeder bringt seine Persönlichkeiten und seine Eigenheiten ein.

Sagen Sie bei Sitzungen mit den anderen Teilhabern der Bank: Aufgepasst, meine Herren, gehen Sie nicht zu grosse Risiken ein?
Es gibt in unserem Kreis Teilhaber, die risikobewusster sind als ich. Es sind Partner, die seit 30 Jahren in diesem Geschäft sind und manche Krisen gemeistert haben. Sie haben ihre Lehren daraus gezogen und wissen, welche Dummheiten man nicht machen sollte. Obschon ich früher bei KPGM Buchprüfungen durchführte, lehrten mich diese Partner, Gefahren noch besser einzuschätzen. Privatbankiers haben die Geschichte der Risiken im Finanzgeschäft in ihren Genen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.06.2010, 23:02 Uhr

«Die Attraktivität des Finanzplatzes Schweiz ist gestiegen»: Privatbankière Anne-Marie de Weck. (Bild: Keystone )

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Präsidentin der Privatbankiers

Anne-Marie de Weck, die 55-jährige Genferin mit Anwaltpatent, leitet das Privatkundengeschäft von Lombard Odier und ist seit 2002 Teilhaberin. Sie präsidiert die Gruppe Genfer Privatbankiers und ist im Vorstand der nationalen Vereinigung, die heute in Lausanne tagt. (di)

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