«Wir setzen unsere Muskeln fair ein»

Nach einem Jahr im Amt lässt sich erahnen, wie Swisscom-Chef Urs Schaeppi den Konzern in die Zukunft steuern will. Er peilt Übernahmen an, doch Milliarden-Investitionen wie damals bei Fastweb schliesst er aus.

«Carsten Schloter war sicher direktiver, aber so verschieden sind wir gar nicht»: Swisscom-Chef Urs Schaeppi. Foto: Adrian Moser

«Carsten Schloter war sicher direktiver, aber so verschieden sind wir gar nicht»: Swisscom-Chef Urs Schaeppi. Foto: Adrian Moser

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Vor einem Jahr haben Sie definitiv die Swisscom-Führung übernommen. Jens Alder galt als guter Analytiker und Schnelldenker, Carsten Schloter als Visionär und Motivator. Für was stehen Sie?
Ich bin sicher einer, der versucht, ein Maximum aus der Organisation herauszuholen. Ein Unternehmen ist wie eine Fussballmannschaft. Erfolg haben wir dann, wenn wir nicht nur die richtigen Spieler haben, sondern auch einen ­guten Spirit. Entscheidend ist, ob das Team sich optimal entfalten kann. Als Chef gebe ich die Richtung vor und bin verantwortlich für die Umsetzung der Strategie.

Ihnen wird nachgesagt, Sie seien harmoniebedürftig und umgäben sich deshalb gerne mit langjährigen Weggefährten.
Sie würden bei uns einige Manager finden, die Ihnen bestätigen können, dass ich sehr unbequem sein kann. Wichtig ist mir, dass die Mitarbeiter Anerkennung spüren und den nötigen Freiraum haben.

War das unter Ihrem Vorgänger Carsten Schloter anders?
Da wird oft eine Gegensätzlichkeit suggeriert, die es so nicht gibt. Carsten war sicher direktiver, aber so verschieden sind wir gar nicht. Mir ist wichtig, dass die Swisscom dezentraler wird. Ich will und kann in den Details in vielen Be­reichen nicht mitreden. Ich vertraue meinen Leuten und gestehe ihnen zu, dass sie auch mal Fehler machen. In den letzten Monaten dachte ich oft: «Das müsste man doch anders machen.» Ich hielt mich aber bewusst zurück – teils wurde ich positiv überrascht, teils kam es nicht gut heraus.

Woran denken Sie?
Nehmen wir das Marketing. In der Werbung denkt jeder, er sei der Experte. ­Unsere Imagekampagne «Land der Möglichkeiten» mit diesem Baum fand ich persönlich nicht gut, das war mir zu esoterisch. Aber muss es mir gefallen? Die Kampagne hat polarisiert und kam ­insgesamt gut an. Auch bei Personalfragen würde ich mich manchmal anders entscheiden als die Linienverantwort­lichen, aber es ist nie gut, über zwei oder drei Hierarchiestufen mitzureden. Bei 20'000 Leuten können Sie sich nicht überall einmischen. Da müssen Sie Ihren Führungskräften vertrauen.

Sprechen wir über mobile Zahlsysteme. Die sind schon seit Jahren ein Thema. Ihre eigene Lösung namens Tapit brachten Sie aber erst im Sommer, kurz bevor Apple Pay auf den Markt kam. Wieso?
Unser Ziel ist es, mit den Schweizer ­Banken, den Kreditkartenfirmen und H­ändlern zusammenzuarbeiten, damit wir eine Schweizer Zahlungslösung ­aufbauen können. Das Problem ist momentan, dass alle versuchen, ihr eigenes System zu positionieren.

Sie doch auch.
Ja, weil ich glaube, dass wir etwas zu bieten haben. Einen sicheren Zugriff über die SIM-Karte. Und alle Schweizer Mobilnetzanbieter machen mit.

Orange und Sunrise werden froh sein, die Entwicklung nicht selber bezahlen zu müssen.
So teuer ist das nicht. Aber es geht doch auch um die Frage, wie wir das Schweizer Geschäft und die Industrie weiterentwickeln können, damit nicht alles von den grossen globalen Internet-Firmen dominiert wird. Wir werden es intern auch für die Zutrittskontrolle einsetzen. Wenn Tapit kein Erfolg wird, würde ich vor allem bedauern, dass wir als Land und Industrie nicht in der Lage waren, ein solches System zu entwickeln. Für Swisscom allein wäre es kein grosser Rückschlag.

Zu den Gerüchten um den Verkauf von Fastweb nehmen Sie keine Stellung. Aber käme eine vergleichbare Akquisition im Ausland nochmals infrage?
Wenn man in grössere Netze investiert, gehen die Beträge in die Milliarden. Das werden wir nicht mehr tun.

Warum nicht?
Die Telecombranche steht vor riesigen Investitionen. Allein wir investieren in der Schweiz jährlich über 1,7 Milliarden Franken. Das wird sich erst in 5 bis 10 Jahren rechnen. Ohne starke Position in einem Land erreicht man die Renta­bilität nicht. Deshalb glaube ich nicht an diese paneuropäischen Konsolidie­rungen, die jetzt laufen. Wir planen Übernahmen in der Schweiz, dafür geben wir nicht Milliarden aus, aber es wird uns helfen, in gewissen Geschäftsfeldern schneller Fuss zu fassen.

Der Bund schliesst Cablecom bei der Beschaffung aus, weil sie keine «inländisch beherrschte» Firma ist. Swisscom arbeitet bei den Telecomlösungen für die Botschaften ­ mit Verizon. Die US-Firma steht im Verdacht, bei der ganzen Überwachung aus den USA eine führende Rolle zu spielen. Finden Sie solche Regeln noch zeitgemäss?
Solange wir die Netze selbst betreiben, die Rechenzentren und Anwendungen kontrollieren, können wir mehr Sicherheit bieten als Anbieter von Internet­lösungen. Wir haben zwar auch Tech­nologien im Einsatz von ausländischen ­Firmen, können uns aber abschotten mit Firewalls, Zugriffsregelungen und dem Verschlüsseln der Übertragung.

Die US-Regierung kann sich aber Zugriff verschaffen . . .
Das Problem ist der Patriot Act. UPC Cablecom könnte über ihre Mutterfirma ­Liberty Global gezwungen werden, Daten rauszurücken. Uns kann das nicht passieren. Für uns gilt Schweizer Recht. Aber richtig ist auch, dass es in einer vernetzen Welt keine hundertprozentige Sicherheit gibt. Auch bei uns nicht.

Halten Sie an der Zusammenarbeit mit Verizon fest?
Ja, Verizon bleibt ein internationaler Partner für uns. Wenn man im Ausland ist, greift man automatisch auf ein ­ausländisches Netz zu. Es braucht die passende Sicherheitslösung.

Für Ihr TV-Angebot lancieren Sie noch dieses Jahr Video on demand zum Pauschaltarif. Wie wollen Sie sich von den Konkurrenzangeboten wie Netflix oder MyPrime von ­Cablecom abheben?
Indem wir unsere starke Schweizer Komponente in dieses Geschäft bringen.

Das versucht Cablecom auch, so gross ist die Schweizer ­Filmindustrie aber nicht . . .
Wir sind bereits heute neben SRF der grösste Produzent von TV-Inhalten, insbesondere im Schweizer Sport. Wir müssen uns gut überlegen, welche Rolle wir genau bei den Inhalten spielen wollen. Unser Ziel muss sein, dass wir mit Schweizer Inhaltsanbietern ein attrak­tives Angebot aufbauen können. Hier kann ich mir eine engere Zusammenarbeit beispielsweise mit dem Schweizer Fernsehen gut vorstellen. Netflix hat den Vorteil, dass sie ihr Geschäft global betreiben. Unser Vorteil ist, dass wir ­etwas typisch Schweizerisches bieten.

Im Mobilfunkgeschäft haben bereits zwei Drittel der Abonnenten ein Pauschalangebot. Stellen Sie die alten Abos bald ein?
Nein, das wäre überhaupt nicht kundenfreundlich. Wir bieten an, was der Kunde verlangt. Und Infinity ist eine Antwort auf den Always-on-Trend. Mit einem Smartphone wollen Kunden nicht mehr pro Minute oder Megabyte zahlen.

Und für Swisscom ist es ein Mittel, dem Preiszerfall entgegenzuwirken und mehr Umsatz pro Kunde ­rauszuholen . . .
Sicher, aber wir investieren auch mehr. Früher kostete eine Minute 50 Rappen, heute kann man für 59 Franken pro Monat grenzenlos telefonieren, im Internet surfen und SMS verschicken. Neun von zehn Kunden, die heute ein Handy kaufen, wählen ein Smartphone. Die nutzen dann das Internet. Selbst meine fast 80-jährige Mutter hat ein Smartphone und ein iPad. Meine 85-jährige Schwiegermutter liest am Morgen die Zeitung auf dem iPad. Für diese Anwendungen sind Pauschaltarife die beste Lösung.

Welche Geschäftsfelder werden in Zukunft wichtig für Swisscom?
Bei Branchenlösungen wird kurz- und mittelfristig das Geschäft mit den Banken für uns am wichtigsten bleiben. Generell konzentrieren wir uns auf Branchen, in denen die Digitalisierung viel Potenzial hat. Das ist der Energiemarkt, der heute allerdings für uns klein ist und sich nur langsam bewegt. Dann auch der Gesundheitsmarkt. Hier könnte man mit der ­Digitalisierung von nur zwei Prozessen 100 Millionen Franken pro Jahr sparen.

Das ist weniger als ein Jahr Prämienaufschlag bei den Krankenkassen...
Ja, aber an den Schnittstellen zwischen den Patienten, den Ärzten und Spitälern bieten Digitalisierung und Big Data ein enormes Potenzial. Hinzu kommen die Daten, die durch neue Geräte aufgezeichnet werden. So lassen sich zusehends ­bessere Gesundheitsprognosen erstellen. Ich muss nicht mehr zum Arzt, um zu ­erfahren, ob ich gefährdet bin, an Dia­betes zu erkranken. Das gesamte Einspar­potenzial ist also deutlich höher.

Bei solchen Geschäftsfeldern stellt sich die Frage, ob es richtig ist, dass der Staat über seine Swisscom-­Beteiligung Einfluss nimmt.
Wir sind privatisiert mit dem Bund als Hauptaktionär und stehen in einem ­intensiven Wettbewerb.

Der Bund hält jedoch die Mehrheit.
Ja, ganz knapp. Wir bewegen uns aber im globalen Markt. Es wäre das Dümmste, der Swisscom nicht die Gelegenheit zu bieten, sich da gut zu positionieren. Die Beteiligung würde an Wert verlieren.

Swisscom ist für die Schweiz, was Google für die Welt ist . . .
Wir setzen unsere Muskeln fair ein und gehen wo immer möglich Partnerschaften ein. Wir können nicht alles allein machen. Von unseren Investitionen ins Netz profitieren viele Schweizer KMU.

Das mit der Fairness sieht Cablecom anders. Bei vielen Live-Sport-Events haben Sie eine Monopolstellung.
Als vor zehn Jahren die Sportrechte neu ausgeschrieben wurden, hat Cablecom kein Angebot unterbreitet. Beim zweiten Mal haben sie dann mitgeboten, aber da hatten wir das Geschäft bereits so weit entwickelt, dass wir den Zuschlag er­hielten. Dank Swisscom ist dieses Geschäft überhaupt entstanden. Wenn wir investieren, wollen wir auch davon ­profitieren. Der Vorwurf, dass wir unsere Marktmacht missbrauchen, ist ­absurd. Wir sind gespannt auf den ­Weko-Entscheid.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.11.2014, 22:39 Uhr

Seit 1998 bei der Swisscom

Vor einem Jahr übernahm Urs Schaeppi die Führung der Swisscom definitiv, nachdem er das Amt aufgrund des Suizides seines Vorgängers Carsten Schloter im Juli 2013 zuerst interimistisch ausgeübt hatte. Zuvor war Schaeppi für das Schweizer Geschäft des Telecomkonzerns zuständig. Der Einstieg ins Unternehmen erfolgte 1998 bei Swisscom Mobile. Iveco, Ascom und die Papierfabrik Biberist waren frühere Etappen in seinem Berufsleben. Der 1960 geborene Schaeppi wohnt mit seiner Lebenspartnerin in ­Kehr­satz in der Nähe von Bern. (map)

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