Interview

«Wir sind in einer schwierigeren Situation, als viele denken»

Er liess den neuen CEO «sauber und gründlich» durchleuchten. Und äussert sich zu seinem Abgang und zur Finanzkrise: Der scheidende UBS-Verwaltungsratspräsident Kaspar Villiger im Interview.

«Kein Mann der Gratwanderung»: Verwaltungsratspräsident Kaspar Villiger (links) über den neuen CEO Sergio Ermotti (an der Pressekonferenz vom 15. November 2011).

«Kein Mann der Gratwanderung»: Verwaltungsratspräsident Kaspar Villiger (links) über den neuen CEO Sergio Ermotti (an der Pressekonferenz vom 15. November 2011). Bild: Keystone

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Sie treten früher als vorgesehen zurück. Dies war Ihr letztes Amt. Was werden Sie tun, wenn Sie im nächsten Juni bei der UBS abtreten?
Verschwinden. «Servir et disparaître», das war immer mein Motto.

Keine Verwaltungsratsmandate mehr?
Nein. Bei fast allen Firmen gilt sowieso eine Alterslimite von 70 Jahren. Ich hatte diesen Termin fast vergessen – doch wer diesen Geburtstag sicher nicht vergisst, ist die Motorfahrzeugkontrolle! Sie schrieb mir einen Brief und forderte mich auf, zum Arzt zu gehen, um meine Fahrtüchtigkeit untersuchen zu lassen.

Aber deshalb sind Sie doch jetzt nicht zurückgetreten?
Nein, nein, natürlich nicht! Der VR und ich dachten ursprünglich, dass es sinnvoll wäre, wenn nach dem CEO-Wechsel der Verwaltungsratspräsident noch ein Jahr im Amt bliebe, um die Kontinuität sicherzustellen.

Man wollte auch bis zu sechs Monate zuwarten, bis man entscheidet, ob Sergio Ermotti definitiv CEO bleibt. Haben Sie die Unsicherheit in der Übergangsphase unterschätzt?
Der Zeitdruck entstand durch den morgigen Investorentag. Wir haben sogar überlegt, ihn zu verschieben. Doch dann wäre sofort die Frage aufgekommen, ob wir unsicher über unsere Strategie seien. Dabei war die Arbeit ja bereits im vollen Gang. Darum sagten wir: Die Institutionen bleiben, die Menschen wechseln, und entschlossen uns zu einer Interimslösung. Die Investoren wollten aber wissen, wer definitiv neuer CEO wird. Sonst drohte die Gefahr, dass unsere Strategie am Investor’s Day mit einem Interims-Chef als Provisorium betrachtet würde. Für die Investoren hätte das bedeutet: «let’s wait» mit Investieren in die UBS. Das wollten wir natürlich verhindern.

Warum haben Sie Ermotti dann nicht gleich zum Chef gemacht?
Weil das die einhellige Meinung des Verwaltungsrats war. Wir kannten Sergio Ermotti zu diesem Zeitpunkt zu wenig, und er war zu wenig durchleuchtet. Dieser Prozess musste sauber und gründlich durchgeführt werden. Zudem bewährte sich Sergio Ermotti dann in der schwierigen Ad-interims-Rolle. Der VR bevorzugte übrigens von Anfang an eine interne Lösung – aber sie musste mit guten Gründen vertretbar sein.

In verschiedenen Medien wurde Kritik an Ermottis Nebentätigkeiten laut, namentlich wegen Gesellschaften mit Sitz in Panama.
Wir haben diese Nebentätigkeiten gründlich analysiert und fanden keine besorgniserregenden Tatbestände. Vielleicht kann man Ermotti vorwerfen, dass er die Mandate nicht sofort abgegeben hat. Ich muss aber ehrlich sagen, dass Sergio Ermotti mit gutem Grund nicht annehmen konnte, welche Verdachtsmomente diese Nebentätigkeiten auslösen würden. Deshalb haben wir alle Mandate von einer externen Anwaltskanzlei prüfen lassen. Das Ergebnis war: Alle diese Mandate sind vertretbar. Die Panama-Gesellschaften wollte er schon lange in die Schweiz bringen, doch die Steuerverwaltung hat für diesen Prozess so lange gebraucht. Erst als dieses Problem in allen Zeitungen diskutiert wurde, ging es plötzlich schnell.

Die Steuern sind das eine. Aber wer steckt hinter den Vehikeln?
Diese Personen wollen nicht genannt werden. Sie wollen keine Öffentlichkeit. Das kann ich verstehen. Ich kenne diese Personen, weil Sergio Ermotti mir die Namen genannt hat. Ich liess sie überprüfen: Das sind vernünftige Investoren! In diesem Sinne ist es durchaus gut, dass die Medien das Thema aufgegriffen haben und wir es abklären konnten.

Vorgestern wurde bekannt, dass die Unicredit 10 Milliarden abschreiben muss. Ermotti war bis vor einem Jahr die Nummer zwei der Bank. Was sagen Sie dazu?
Wenn eine Bank ein Jahr nach dem Abgang eines Managers eine Goodwillabwertung in dieser Grössenordnung beschliesst, dann stellt sich die Frage, wer verantwortlich ist. Wir haben an der richtigen Stelle nachgefragt: Sergio Ermotti hat gute Arbeit bei Unicredit geleistet. Deshalb kann man ihm keine Verantwortung anlasten. Mit dieser Prüfung sind wir unserer Sorgfaltspflicht nachgekommen.

Wie hat Ermotti die Angriffe gegen seine Person wahrgenommen?
Bei ihm entsteht der Eindruck, dass es Vorurteile gegen das Tessin gibt. Selbstverständlich gibt es im Tessin Erscheinungen, die man kritisieren kann. Das wollen wir nicht leugnen. Das hat aber nichts mit Sergio Ermotti zu tun: Alle von uns befragten Kenner der Persönlichkeit und des Bankers Ermotti haben seine Ehrlichkeit und seine moralischen Grundsätze gerühmt. Er ist kein Mann der Gratwanderung. Das ist mir wichtig.

Sie bleiben noch bis Mitte 2012 UBS-Präsident. Wie lautet Ihre Prognose: Wie wird das nächste Jahr für die UBS aussehen?
Ich muss Ihnen sagen, dass ich die Situation der Märkte sehr ernst nehme. Ich glaube, wir sind in einer schwierigeren Situation, als viele denken – das gilt nicht spezifisch für die UBS, sondern für ganz Europa und die USA.

Was heisst das für die UBS?
In einer solchen Zeit ist es schwierig für eine Bank, Geld zu verdienen und Risiken zu managen. Hinzu kommt der Druck des Markts auf alle Banken zur Verkleinerung des Investmentbankings. Die Voraussetzungen der UBS sind aber gut; die Marke ist ausgezeichnet. Natürlich hat die Reputation wieder gelitten nach dem Betrugsfall in London, vor allem in der Schweiz. Hier steht uns viel Arbeit bevor. Ich verstehe die Wut von Mitarbeitern und Kunden, die sich fragen: Warum kann so etwas passieren bei einer Bank, die vom Steuerzahler gerettet werden musste? Grundsätzlich gilt es aber anzumerken, dass wir heute eine der bestkapitalisierten Banken sind. Es ist uns gelungen, diese Bank wieder erfolgreich zu machen – umso bedauerlicher ist der Fall von London.

Wie sehen Sie die Aussichten für die Schweizer Volkswirtschaft und den Finanzplatz?
Die Sparpolitik unserer Nachbarn hat einen Schrumpfungseffekt. Wenn gleichzeitig die Kapitalaufnahme der Banken zu teuer wird und die Margen gedrückt werden, muss das Risiko reduziert werden, das spüren die Firmen bei der Kreditvergabe. Das dämpft die Aussichten.

Kommt es zur Rezession?
Ich glaube nicht an die grosse Krise – aber wir werden den Abschwung deutlich spüren. Zudem sprechen wir in der Schweiz bereits von Arbeitslosigkeit, wenn in anderen Ländern noch von Vollbeschäftigung die Rede ist.

Was soll man tun?
Mein Hauptanliegen ist politisch. Es ist mir wichtig, dass die Politik erkennt, dass wir vom Austausch mit dem Ausland leben. Wir müssen attraktiv bleiben und darum an der Personenfreizügigkeit festhalten. Wir können nicht von der Schweiz aus die Regeln für unsere Wirtschaftspartner diktieren; das gilt auch für das Lohnniveau von Managern. Deshalb ist die Minder-Initiative keine Lösung.

Thomas Minder wurde gerade zum Ständerat gewählt. Ist seine Abzockerinitiative wirklich so schlimm? Eine Mehrheit der Bevölkerung glaubt offensichtlich, er habe recht.
Klar, Thomas Minder ist gewählt und hat eine starke demokratische Legitimation. Ich habe viel Verständnis für den Unmut im Volk: viele Manager haben viel verdient, ohne es wirklich verdient zu haben – dies im doppelten Sinn. Das gilt nicht nur für die Banken, sondern auch für die Pharma- und die Versicherungsbranche. Wir dürfen das Kind jetzt aber nicht mit dem Bade ausschütten und die internationale Konkurrenzfähigkeit unseres Landes gefährden. Ich habe, was die Vergütung betrifft, persönlich ein Beispiel gegeben und erlaube mir deshalb auch eine klare Meinung abzugeben: Letztlich entscheidet in einer globalisierten Wirtschaft nicht die Schweiz über die Höhe der Saläre. Ich bin nicht dagegen, wenn die Aktionäre mitbestimmen können, aber es soll so sein, dass wir weiterhin Mitarbeiter ohne Rechtsunsicherheit engagieren können.

Wäre ein Ja zur Abzockerinitiative verheerend für den Standort?
Nein, das nicht – zudem gibt es einen Gegenvorschlag. Die Initiative gegen die Personenfreizügigkeit ist hingegen wirklich gefährlich. Eine Annahme wäre dramatisch für die Zukunftsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.11.2011, 22:44 Uhr

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