«Wir sind nicht in einer Lage, wo wir darüber nachdenken können»

Banken könnten es sich nicht leisten, auf ihre Kredite in Athen zu verzichten, sagte Josef Ackermann in einer Talkshow. Ausserdem versuchte er, das schlechte Image der Banker zu glätten.

Einziger Gast: Josef Ackermann bei «Maybrit Illner».

Einziger Gast: Josef Ackermann bei «Maybrit Illner». Bild: ZDF

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Retten wir den Euro oder die Spekulanten, Herr Ackermann?» lautete der Titel des Polittalks «Maybrit Illner» auf ZDF, und zu Gast war, eben Josef Ackermann. Der Chef der Deutschen Bank sass als Einziger Illner gegenüber, normalerweise hat die Journalistin mehrere Gäste bei sich. Ackermann war gekommen, um über die Griechenland-Hilfe zu sprechen – und um «mit Argumenten die Feindbilder zu entkräften», wie er gegen Ende der Sendung selber einräumte.

Die Staatshilfe für Athen hält Ackermann, wie er an mehreren Stellen deutlich machte, für unabdingbar. Würde Griechenland fallen gelassen, so könnte dies seiner Ansicht nach zu «einer Art Kernschmelze» auf den europäischen Märkten führen. Das entschlossene Handeln sei wichtig gewesen, damit die Krise nicht auf weitere Staaten übergreife, sagte Ackermann – obwohl er, wie er später in der Sendung sagte, nicht sicher sei, ob Griechenland die Kredite wirklich zurückzahlen könne.

Hunderte Milliarden Euro

Ackermann schloss gegenüber Illner einen weitgehenden Schuldenverzicht der Gläubigerbanken gegenüber Athen aus. Dass deutsche Banken – ausser seiner eigenen, die nur wenig in Athen investiert habe – auf das Geld verzichteten, ist nach Ackermanns Darstellung unmöglich. «Wir sind nicht in einer Lage, wo wir über solche Dinge nachdenken können», so der Bankchef. Es gehe um hunderte Milliarden Euro. Müssten die beteiligten Banken dieses Geld abschreiben, so würde dies laut Ackermann zu einer zweiten Bankenkrise führen, die wesentlich grösser wäre als jene vor zwei Jahren.

Deutsche Banken haben Griechenland insgesamt 34 Milliarden Euro ausgeliehen. Ackermanns Deutsche Bank selber hat letzte Woche angekündigt, ihre Kredite gegenüber Griechenland zu verlängern. Das hat ihr jedoch die Kritik eingebracht, es gehe doch nur darum zu warten, bis diese wieder mehr Geld einbrächten. Illner konfrontierte ihren Gast mit diesm Einwand. Ackermann sagte dazu lediglich, dass es eben auch ein Ausfallrisiko gebe, falls Griechenland tatsächlich nicht zur Rückzahlung fähig wäre.

«Das ist rechte Tasche, linke Tasche»

Ausserdem, so Ackermanns nächstes Argument, seien es vor allem die bereits staatlich gestützten Banken, die in Deutschland Kredite nach Griechenland vergeben hätten. Die Kosten müssten also letztlich doch wieder die Steuerzahler übernehmen. «Das ist rechte Tasche, linke Tasche, das bringt nicht viel.» Für die Bürger hatte der Bankchef aufmunternde Worte: Es sei durchaus möglich, dass die Staaten mit Gewinn aus dem Einsatz gingen. «Wenn man Krisen so löst, kann es in der Regel sein, dass man ohne grössere Verluste aus dem Engagement kommt.»

Insgesamt versuchte Ackermann, der während des ganzen Gesprächs gelassen wirkte, die öffentliche Kritik an den Banken zu entkräften. Oft zeigte er in einem ersten Halbsatz Verständnis, um dann im zweiten seinen Standpunkt zu erläutern.

Es stimme nicht, dass man aus der Krise nichts gelernt habe, sagte Ackermann beispielsweise. «Wir haben die Bilanzsumme reduziert, das Eigenkapital gestärkt, die Risikokontrollen ausgebaut, das Vergütungssystem geändert und vieles mehr – das stimmt einfach nicht.» Weiter: Die verteufelten Kreditausfallversicherungen würden einen wichtigen Beitrag leisten, um Unternehmen vor Währungsausfällen zu schützen. Und: Diejenigen Kunden, die sich jetzt über verlorenes Geld beklagen, hätten selber genau jene Produkte nachgefragt, die sie nun kritisieren, um möglichst viel Rendite zu bekommen. «Da muss ich auch eins sagen, über viele Jahre haben die Leute viel Geld verdient, da hat auch nie einer angerufen und gesagt, ich habe zu viel Geld verdient, ich will das zurückgeben.» Für diese Aussage gab es Applaus aus dem Publikum.

«Staatswirtschaft»

Zweimal wurde Ackermann ideologisch. Als es um Boni ging, wandte er ein, man diskutiere heute teilweise so, als ob man nicht in einer sozialen Marktwirtschaft lebe, sondern in einer «Staatswirtschaft». Und zu stärkeren Risikokontrollen bemerkte er: «Zu viel an Regulierung heisst auch, dass die Banken nicht mehr ihre Aufgabe, die Finanzierung der Wirtschaft, wahrnehmen können.»

Sympathien sicherte sich Ackermann mit seiner offenen Art. So gab er unumwunden zu, es helfe der Deutschen Bank, dass viele Konkurrenten in der Krise geschwächt wurden. Erfolgreich seien ausserdem jene Banken, die wie «eine schwäbische Hausfrau – ein Verweis auf ein Zitat der deutschen Bundekanzlerin – kontrolliert agierten. Die Schlussbemerkung der Journalistin, Ackermanns angekündigtes Engagement für das Gemeinwohl nach einem Rückzug im Alter könne ja in einem Mitwirken an neuen Regulierungen bestehen, nahm er an – das sei durchaus möglich.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.05.2010, 00:37 Uhr

Staatshilfe für Athen unabdingbar: Ackermann und Maybrit Illner. (Bild: ZDF)

Artikel zum Thema

Erste Finanzspritze nach Athen überwiesen

Heute hat die griechische Regierung die ersten Milliarden aus dem Rettungspaket erhalten – während die Menschen weiter demonstrieren. Mehr...

Das deutsche Verfassungsgericht lehnt Stopp der Griechenland-Hilfe ab

Das Bundesverfassungsgericht hat einen Eilantrag abgewiesen. Ein Termin für eine endgültige Entscheidung steht noch offen. Mehr...

Griechenland-Hilfe: Beiträge der Euro-Staaten

Am Sondergipfel in Brüssel geht es um die Bestätigung des 110 Milliarden Euro schweren Griechenland-Hilfspakets. So viel bezahlen die einzelnen Länder. Mehr...

Blogs

Geldblog Was taugt die digitale Vermögensverwaltung?

Tingler Moden des Geistes

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Zylinder und PS: Ein Besucher des Royal-Ascot-Pferderennens beobachtet das Geschehen von einer Parkbank aus. (18. Juni 2019)
(Bild: Mike Egerton) Mehr...