«Wir sprechen hier von einem Volumen von 1500 Milliarden Franken»

Die SVP-Initiative gegen die Masseneinwanderung polarisiert. Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer sagt im Interview, was gegen das Volksbegehren spricht – und wofür er der SVP dankbar ist.

«Wir haben grundsätzlich ein sehr gutes Verhältnis zur SVP, und wir sind dankbar für den guten Job, den die Partei bei der Bekämpfung der 1:12-Initiative gemacht hat»: Heinz Karrer.

«Wir haben grundsätzlich ein sehr gutes Verhältnis zur SVP, und wir sind dankbar für den guten Job, den die Partei bei der Bekämpfung der 1:12-Initiative gemacht hat»: Heinz Karrer. Bild: Keystone

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Herr Karrer, welches ist der Grund für die Phalanx von Wirtschaftsverbänden, die Macht gegen die SVP-Initiative demonstriert?
Wir zeigen damit auf, dass wirklich die gesamte Wirtschaft gegen diese Initiative ist. All diese Verbände demonstrieren Einigkeit in dieser Frage. Wir wollen in dieser Breite darstellen, welche negativen Konsequenzen ein Ja zur Initiative hätte.

Wie lauten diese?
Es geht bei diesem Volksbegehren nicht nur um die Kündigung der Personenfreizügigkeit, sondern um die bilateralen Verträge I mit der EU als Gesamtes. Beispielsweise könnten wir nicht mehr an den EU-Forschungsprogrammen teilnehmen und an den öffentlichen Ausschreibungen auch nicht. Wir sprechen hier von einem Volumen von 1500 Milliarden Franken. Die Schweizer Wirtschaft hat letztes Jahr für 120 Milliarden Franken Waren in die EU verkauft, jeder dritte Arbeitsplatz in der Schweiz hängt direkt oder indirekt vom Verhältnis mit der Europäischen Union ab. Dies haben wir mit unserem Auftritt heute deutlich gemacht.

Welche Rolle spielen die berühmten Ingenieure in Ihrer Argumentation, die Sie bei einem Ja zur Initiative angeblich nicht mehr zur Verfügung hätten?
Die spielen selbstverständlich eine ganz grosse Rolle. Allein in der Unternehmung, in der ich arbeite – der Axpo – sehen wir, wie viele solcher Experten für uns unabdingbar sind. Wir beschäftigen auch sehr viele Grenzgänger in diesen Expertenbereichen, weil wir in der Schweiz zu wenig Fachspezialisten haben. Eine absolut zentrale Rolle spielen diese auch in der Chemie- und in der Pharmabranche.

Wenig einleuchtend erscheint, weshalb bei 5000, vielleicht 10'000 Ingenieuren, Experten und Spezialisten jährlich rund 80'000 Menschen wegen der Personenfreizügigkeit in die Schweiz einwandern.
Wenn wir nur von Ingenieuren sprechen, trifft ihre Zahl ungefähr zu. Wir sprechen aber von rund 50'000 Arbeitskräften aus dem EU-/Efta-Raum, die wir jährlich benötigen. Dazu gehören auch Fachkräfte, die über keinen Universitätsabschluss verfügen, auf die wir aber in nicht geringerem Ausmass angewiesen sind. Zum Beispiel im Pflegebereich.

Der grösste Teil der Einwanderung betrifft den Familiennachzug mit 23'000 Personen, der zweitgrösste «nicht bestimmbare Berufstätigkeiten» mit knapp 10'000.
Wir sind auf Fachkräfte angewiesen und können nicht erwarten, dass sie alle bereit sind, ohne Familie in die Schweiz zu kommen. Die 10'000 beziehen sich auf Berufsleute wie Werftarbeiter, technische Installateure oder Spitalangestellte, die in keine gängige Kategorie passen. In der Mehrzahl handelt es sich auch hier um Fachkräfte.

Welches wären die wirtschaftlichen Folgen in der Schweiz, wenn die Initiative eine Mehrheit fände?
Mit einem Kontingentssystem wächst die Wirtschaft weniger, und wir würden an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Dies brächte letztlich weniger Steuereinnahmen und weniger Einnahmen für unsere Sozialwerke wie die AHV. In den letzten zehn Jahren wurden in der Schweiz 600'000 neue Arbeitsplätze geschaffen, davon 250 000 für Schweizer. Bei einer Annahme wären dies deutlich weniger neue Arbeitsplätze. Die Folgen insgesamt wären sehr negativ.

Bemerkenswert erscheint ein gewisses SVP-Bashing, das Sie in Ihrem politischen Kampf betreiben. Gibt es ein grundsätzliches Zerwürfnis zwischen Economiesuisse und der SVP?
Wir haben grundsätzlich ein sehr gutes Verhältnis zur SVP, und wir sind dankbar für den guten Job, den die Partei bei der Bekämpfung der 1:12-Initiative gemacht hat. Wir bedauern ausserordentlich, dass wir in dieser Europafrage unterschiedlicher Auffassung sind. Von einem Zerwürfnis kann von unserer Seite her keine Rede sein.

Erstellt: 07.01.2014, 09:02 Uhr

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