«Wir stehen nicht nur unter amerikanischem Druck»

Im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet verteidigt Raiffeisen-Boss Pierin Vincenz den Wegelin-Deal und sagt, warum er hinter dem neuen Notenstein-Chef und Ex-Wegelin-Kadermann Adrian Künzi steht.

«Wir wissen nicht, ob und wie viele undeklarierte Gelder von Nicht-US-Kunden bei der Notenstein deponiert sind»: Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz versucht händeringend, den Wegelin-Deal in der Öffentlichkeit zu erklären.

«Wir wissen nicht, ob und wie viele undeklarierte Gelder von Nicht-US-Kunden bei der Notenstein deponiert sind»: Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz versucht händeringend, den Wegelin-Deal in der Öffentlichkeit zu erklären. Bild: Keystone

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Herr Vincenz, bereuen Sie den Wegelin-Deal bereits?
Diese Lösung macht absolut Sinn für uns. Und zur «alten» Wegelin konnte ein klarer Strich gezogen werden. Die Bank Notenstein hat einen guten Kundenstamm und ist für die Zukunft gut gerüstet. Im Weiteren konnten wir eine Lösung für eine Bank finden, die in Schwierigkeiten geraten war, und haben damit 700 Arbeitsplätze gerettet.

Halten Sie das Vorgehen der US-Justiz für Erpressungsversuche?
Fakt ist, dass wir zu lange unter dem Schutz des Bankgeheimnisses unversteuertes Geld bewirtschaftet haben. Wir haben zu lange gegenüber den USA und Europa mit einer aktiven Strategie zugewartet. Wir stehen nicht nur unter amerikanischem Druck, sondern auch unter dem Druck der europäischen Staaten, insbesondere Deutschlands.

Die Raiffeisen-Gruppe wolle die übernommenen Kunden der Bank Wegelin intensiv überprüfen. Was heisst für Sie intensiv?
Wir befinden uns in einer eingehenden Nach-Prüfungsphase des Deals (Anm.: Post Due Diligence), die in den nächsten Wochen abgeschlossen sein wird. Gewisse Kundenkategorien werden auf Risikoaspekte oder die Einhaltung der Compliance je Staat überprüft.

Rechnen Sie mit Problemkunden?
Ich gehe nicht davon aus, aber ausschliessen kann man das nicht.

Sollten welche auftauchen, was passiert dann mit diesen Kunden?
Sollten doch noch US-Kunden dabei sein, werden diese zu Wegelin verschoben. Allfällige andere problematische Fälle werden wir analysieren und bereinigen.

Werden Sie diese Fälle melden oder werden Sie das Wegelin überlassen?
Ich gehe davon aus, dass es keine US-Kunden mehr bei Notenstein gibt. Ausserdem betrifft die gesamte Frage der US-Kunden ausschliesslich Wegelin.

Müssten Sie sich dann nicht die Frage der US-Justiz gefallen lassen, warum Sie diese Kunden nicht von sich aus gemeldet haben?
Nein, dies ist ausschliesslich Sache von Wegelin, das war der Deal. Ich wäre erstaunt, wenn wir überhaupt noch US-Kunden entdecken würden, aber eine Garantie gibt es dafür nicht. Im Übernahmeverfahren haben wir dieses Thema bereits vor der Transaktion eingehend geprüft. Und jetzt, in der Nach-Prüfungsphase, wird das nochmals eingehend angeschaut.

Nicht alle US-Kunden müssen schlecht sein. Wollen Sie die «Guten» nicht behalten?
US-Kunden werden in jedem Fall an Wegelin zurückgeführt.

Wie verhält es sich mit Kunden, die zwar keine US-Bürger sind, aber dennoch undeklarierte Gelder bei Notenstein deponiert haben?
Wir wissen nicht, ob und wie viele undeklarierte Gelder von Nicht-US-Kunden bei der Notenstein deponiert sind. Die meisten Nicht-US-Kunden kommen aus den Nachbarländern Deutschland, Österreich und Italien. Hier diskutiert die Schweiz eine Abgeltungssteuer wie etwa mit Deutschland. Vorauseilende Meldungen gegenüber den Steuerbehörden gibt es von uns aus nicht, aber die gesetzlichen Bestimmungen der Domizilländer sind selbstverständlich einzuhalten.

Befürchten Sie, dass die US-Justiz auf Notenstein und Raiffeisen durchgreifen könnte, weil Wegelin neuerdings auch als juristische Person angeklagt ist?
Durch den marktgerechten Preis, den Raiffeisen den Teilhabern von Wegelin für die Übernahme der Notenstein bezahlt hat, befindet sich genügend Haftungssubstrat bei Wegelin. Die Bank und die Personen, die von der US-Justiz zur Verantwortung gezogen werden, gehören zu Wegelin und auch die US-Kundendaten liegen bei Wegelin. Sie werden dieses Verfahren nun durchstehen und ihre Verantwortung wahrnehmen. Es hat ein absoluter und endgültiger Eigentümerwechsel stattgefunden.

Der Marktpreis war also so marktgerecht, dass allfällige Geldbussen von den verantwortlichen Wegelin-Personen selbst beglichen werden können?
Ja, aber zum Preis äussern wir uns nicht.

Raffeisen hat 220 US-Kunden mit einem Vermögen von 58 Millionen Franken in den Büchern. Wie steht es um diese Kunden?
Wir haben schon im vergangenen Jahr entschieden, uns von diesen Kunden zu trennen. Das Verfahren dazu läuft noch.

Werden für diese US-Kunden dieselben Prüfverfahren angewandt wie für möglicherweise problematische US-Kunden von Wegelin?
Davon gehe ich aus.

Können wir etwa nicht davon ausgehen, dass diese US-Raiffeisen-Kunden sauber sind?
Wir reden hier von 0,1 Promille der gesamten Raiffeisen-Gruppe und möglicherweise sind diese Kunden sogar «sauber». Im Zusammenhang mit der Steuergeschichte ist das aber ohnehin kein wesentliches Kundensegment. Wir haben insgesamt 3,5 Millionen Kunden.

Adrian Künzi war ehemals unbeschränkt haftender Teilhaber bei Wegelin und Chef der Onlineprivatbank Nettobank, die ebenfalls zu Wegelin gehörte. Jetzt ist Künzi Chef der Notenstein samt Onlinegeschäft. Ist das nicht problematisch?
Die Nettobank wurde umfirmiert und in die Bank Notenstein überführt. Von Nettobank haben wir nur einige hundert Kunden geerbt, die in Zukunft möglicherweise direkt von Raiffeisen betreut werden. Bezüglich Künzi haben wir gemeinsam mit der Finanzmarktaufsicht alles sehr genau abgeklärt (siehe Stellungnahme der Finma links). Herr Künzi war in die US-Geschäfte nicht involviert. Daher muss das auch bei der Frage der Haftung differenziert gesehen werden.

Offshore-Geschäfte können auch online abgewickelt werden. Aus der Klageschrift von Anfang Februar geht hervor, dass sich einige Kundenberater bemüht haben, die Geschäfte möglichst auf elektronischem Weg zu erledigen. Werden die Prüfverfahren auch auf die Onlinekunden der vormaligen Nettobank ausgeweitet?
Diese Kunden werden derzeit noch von Notenstein geführt und werden daher genauso mitgeprüft.

Ist es Ihrer Ansicht nach glaubwürdig, dass Herr Künzi von den US-Geschäften der Wegelin als unbeschränkt haftender Teilhaber keine Ahnung hatte?
Geschäftsleitungsmitglieder bringen unterschiedliche Grade der Verantwortung mit. Ich halte das für durchaus glaubwürdig.

Was versprechen Sie sich von der Wegelin-Kundschaft? Wollen Sie diesen Kunden allenfalls anbieten, ihr Vermögen grenzüberschreitend woanders hin zu transferieren, wo die Steuergesetzgebung weniger rigide gehandhabt wird?
70 Prozent der Kunden sind Schweizer, 30 Prozent sind Ausländer. Die 30 Prozent werden wir weiterhin von den 13 Schweizer Filialen aus betreuen. Die Bank Notenstein soll sich selbständig weiterentwickeln und gleichzeitig der Raiffeisen-Gruppe als Kompetenzzentrum zur Verfügung stehen.

Bei der UBS in den USA wurden 16 Millionen US-Dollar beschlagnahmt, weil es sich um angeblich undeklarierte Kundengelder der Bank Wegelin handeln könnte. Unterhält auch die Bank Notenstein solche Korrespondenzkonten in Dollar bzw. in den USA?
Die Bank Notenstein unterhält wie jede andere Bank Korrespondenzkonti für den Zahlungsverkehr in den verschiedenen Währungen. Das ist Teil vom Tagesgeschäft einer Bank.

Sind weitere Akquisitionen im Private Banking geplant?
Ich möchte im Moment keine weiteren Akquisitionen vornehmen, wir haben jetzt genug Arbeit mit der Neuausrichtung der Bank Notenstein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.02.2012, 12:14 Uhr

Zur Person

Pierin Vincenz (56) ist seit 1999 Vorsitzender der Geschäftsleitung von Raiffeisen. Von 1996 bis 1999 war er Leiter des Departements Finanz der Geschäftsleitung der Raiffeisen-Gruppe. Er sammelte langjährige Praxis- und Führungserfahrung in verschiedenen Funktionen bei der Schweizerischen Treuhandgesellschaft in St. Gallen, beim Schweizerischen Bankverein in der Generaldirektion des Bereichs Global Treasury in Zürich und anschliessend als Vizedirektor in Chicago sowie als «Vice President» und «Treasurer» beim Baukonzern Hunter Douglas in Luzern.

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Die Finma nimmt Stellung


  • Beide Banken, Wegelin und Notenstein, müssen im Wesentlichen ihre Operationsfähigkeit sicherstellen.

  • Bei der Raiffeisen gehören hier Punkte wie die konsolidierte Überwachung oder Organisation dazu, die sich naturgemäss bei einer solchen Transaktion erst bilden muss.

  • Für die Wegelin bedeutet Operationsfähigkeit insbesondere auch, dass sowohl operationell als auch finanziell sichergestellt wird, dass allfälligen Konsequenzen aus dem US-Geschäft begegnet werden kann.

  • Dabei wurden verschiedene Risikoszenarien erwogen. Etwa die Anklage der Bank Wegelin durch das Department of Justice – das hat sich zwischenzeitlich realisiert.

  • Dabei gilt: Die Bank Wegelin ist keine «leere Hülle». Die Bank verfügt über genügend Eigenkapital und Liquidität, um die reduzierte Geschäftstätigkeit weiterzuführen.

  • Die Bank verfügt über die finanzielle Substanz, um ein Verfahren in den USA zu tragen.

  • Die unbeschränkt haftenden Teilhaber verbleiben ausschliesslich und umfassend sowohl operationell als auch finanziell für die Regelung allfälliger rechtlicher oder finanzieller Konsequenzen aus dem US-Geschäft verantwortlich.

  • Es sind Vorkehrungen zur Sicherung allfälliger finanzieller Ansprüche Dritter gegen die Bank Wegelin gemacht worden.

  • Die amerikanischen Kunden, Kundendaten und Gelder bleiben weiterhin in der Bank Wegelin.

  • Die Transaktion sieht vor, dass nur Mitarbeitende in die Bank Notenstein übergehen dürfen, die nicht oder nur unwesentlich mit dem US-Geschäft in Bezug standen.

  • Insbesondere verbleiben die mit dem US-Geschäft besonders verbundenen Mitarbeitenden und die unbeschränkt haftenden Teilhaber in der Bank Wegelin.


  • Zur Rolle von Notenstein-Chef Adrian Künzi heisst es von der Finma: «Wir haben die bewilligungspflichtigen Aspekte der Transaktion geprüft und diese mit Auflagen bewilligt.» Darüber hinaus heisst es weiter: «Zu einzelnen Gewährsträgern äussern wir uns nicht.»

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