«Wir überlegen uns Designs, die nach der Krise gefallen sollen»

Er hat den Kindle mitentworfen und arbeitet für Nike und Kodak. Mit den Handys von HTC fordert der Schweizer Designer Claude Zellweger nun Apple heraus.

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San Francisco ist das Zentrum des industriellen Designs in den USA. Mittendrin hat sich Claude Zellweger zusammen mit zwei Geschäftspartnern eine beneidenswert starke Position aufgebaut. Seine Designfirma One & Co hat sich prestigereiche Aufträge von Firmen wie Amazon, Kodak, Nike, Microsoft und Google gesichert und dank der starken Bindung an diese Kunden die Krise unbeschadet überstanden.

«Wir haben die Rezession schon 2006 gespürt. Deshalb haben wir uns angepasst und mehr Aufträge unserer etablierten Kunden angenommen», erklärt Zellweger in den sonnendurchfluteten Büros in San Francisco, die in einem früheren Industriebetrieb untergebracht sind. Das Design musste der gedrückten Konsumentenstimmung Rechnung tragen, gefragt waren schlichte Farben und vertraute Formen, vieles musste einfach in Schwarz und Weiss gehalten werden. «Doch heute denken wir bereits an den nächsten Aufschwung und überlegen uns Designs, die nach dem Ende der Krise gefallen sollen.» Alle Pläne will Zellweger nicht verraten, nur so viel: «Der Aufschwung beginnt mit einer Rückkehr zu den lebhaften Farben der 1980er-Jahre und einer wagemutigeren Formsprache.» Durchgestartet wird, so hoffen die Designer von One & Co, «2012 oder 2013».

Viel Freiheit trotz Übernahme

Für das Studio setzte der grosse Umschwung schon vor zwei Jahren ein. Der taiwanesische Smartphone-Hersteller HTC übernahm das Unternehmen zu 100 Prozent, liess aber Zellweger und dem 20-köpfigen Team weiterhin viel Freiheit. One & Co entwirft für HTC zwar die ganze Modellpalette, wird damit aber gemäss der Vereinbarung nur zur Hälfte ausgelastet. Die zweite Hälfte können die Designer für eigene Projekte und andere Kunden einsetzen. «Die Zusammenarbeit mit HTC hat sich erstaunlich gut entwickelt, obwohl es zu Beginn etwas chaotisch zu- und herging», so Zellweger.

Dabei kommt One & Co die erklärte Absicht der Taiwanesen zugute, HTC als internationalen Konzern bekannt zu machen und in direkte Konkurrenz zu Apple zu treten. Ähnliches versucht auch der taiwanesische Computerhersteller Acer, der Dell herausfordert. Die globalen Pläne von HTC sind auch am Co-Sponsoring des Radrennteams rund um den Sprinter Mark Cavendish sichtbar, der letztes Jahr einen seiner Siege auf dem Zielstrich mit dem symbolischen Griff zum HTC-Handy durchtelefonierte.

Suche nach Firmenidentität

«Apple war mit dem iPhone stilbildend», so Zellweger. «Doch dem setzen wir jetzt unser eigenständiges, das industrielle Ethos betonende Design entgegen.» Heissen kann dies beispielsweise, das Gehäuse mit Konturen zu versehen, die das Innere des Smartphones nachzeichnen. Und ein anderes Modell wird vollständig aus einem Alublock gefräst. Ein drittes Gerät erhält einen angewinkelten Knick, der den traditionellen Telefonhörer erahnen lässt. In den USA sorgte HTC diesen Sommer für Schlagzeilen, als das von One & Co entworfen EVO 4G auf den Markt kam. Es war das erste Smartphone, das die vierte Generation des Datenübertragungsnetzes nutzt. Am ersten Wochenende wurde über 300 000 der vom Telecomkonzern Sprint vertriebene EVOs verkauft, worauf Branchenexperten erstmals Vergleiche mit Apple anstellten und HTC als starken Konkurrenten der Zukunft sahen.

Das Finden einer firmeneigenen Identität hat für Zellweger nicht nur im Fall von HTC Priorität, der Anspruch gilt allen Kunden. So entwarf One & Co in Zusammenarbeit mit Amazon den Kindle, das bisher erfolgreichste digitale Lesegerät. Der Auftrag lautete, ein Gerät zu entwerfen, das leicht in der Hand liegt und so schlicht daherkommt wie ein Buch. «Wir haben den Kindle in Analogie zu einem Blatt Papier entworfen», so Zellweger, «die Form darf den Inhalt nicht überstrahlen.» Diese Vorgabe soll für künftige Kindle-Modelle eingehalten werden, auch wenn denkbar ist, dass Amazon einen Touchscreen einsetzt. Für Microsoft entwarf One & Co eine zusammenklappbare Computermaus und eine leicht durchgebogene Tastatur.

Ausbildung im Waadtland

Ein grosser Auftrag von Kodak reizt Zellweger nach eigenen Worten besonders stark. Es geht darum, das verblasste Image des Konzerns wieder aufzupolieren und mit einer neuen Generation von Kameras «bei den Kunden wieder die Leidenschaft an der Fotografie zu wecken». Offiziell wurden die neuen Kodak-Geräte noch nicht vorgestellt, ein Fachmagazin publizierte aber vorab Bilder der superschmalen, schlichten Kameras im Format eines Smartphones. «Ich finde dieses Mandat besonders spannend, weil ich mit einem ganz neuen Design die lange industrielle Geschichte von Kodak wieder aufleben lassen kann.»

Die enge Zusammenarbeit mit einigen der führenden Hightechfirmen ist kein Zufall. Zellweger kam vor 13 Jahren nach einer Ausbildung an der Art Center Designschule in La Tour-de-Peilz VD nach Kalifornien, um sich weiterzubilden. Daraus ergaben sich erste Kontakte ins Silicon Valley und schliesslich zusammen mit zwei Geschäftspartnern die Gründung des eigenen Studios. Wie für viele Unternehmer gab auch für den 38-jährigen gebürtigen Luzerner die einmalige Mischung von Kreativität, Risikobereitschaft und Weltoffenheit den Ausschlag, sich im Grossraum San Francisco niederzulassen. «Auf diese Werte legen wir auch im Studio Gewicht. Wir funktionieren wie ein grosse Familie und sprechen die gleiche Sprache, ohne dass wir dazu immer Worte brauchen.»

Erstellt: 13.09.2010, 23:29 Uhr

Claude Zellweger hat sich in der kalifornischen Designszene etabliert. (Bild: PD)

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