«Wir verkaufen die Schweiz unter Wert»

Der Unternehmer und Investor Michael Pieper spricht über Wirtschaftsstandorte und Winzerambitionen – und über eine neu gewachsene Leidenschaft.

Möchte ein Segelboot mieten und um die Welt segeln: Michael Pieper.

Möchte ein Segelboot mieten und um die Welt segeln: Michael Pieper. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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Herr Pieper, gab es auch in Ihrer Agenda eine «quiet period», in der das Geschäft ruhte?
Ja, zwischen Weihnachten und Neujahr mache ich stets Ferien.

Im Engadin, Ihrer zweiten Heimat?
Ja.

Dann ist das ein angedichtetes Image, wonach Sie keine Ferien machen.
Ich habe immer Ferien gemacht, aber nie lang. Nach drei, vier Tagen bin ich jeweils erholt.

Vor einem Jahr haben Sie die operative Verantwortung für Franke an den neuen CEO Alexander Zschokke übergeben. Ist Ihnen das leichtgefallen?
Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich das zu spät gemacht habe. Ich hätte das schon vor fünf Jahren tun sollen. Ich war in den letzten Jahren zeitweise in andere geschäftliche Angelegenheiten involviert und die Franke kam zu kurz. «Denkt frühzeitig daran und nicht erst mit 65», lautet mein heutiger Rat.

Wie fühlen Sie sich heute?
Viel besser.

Sind Sie ruhiger geworden?
Wahrscheinlich nicht. Das müssten Sie meine Mitarbeiter fragen. Aber man wird ja älter und ist eher gestresst, weil man alles schneller erledigt haben will.

Die Altersmilde hat sich noch nicht eingestellt?
Davon spüre ich noch nichts.

Haben Sie 2013 weniger Flugmeilen gemacht?
Bedeutend! Ich war mehr hier, aber ich habe mir auch ein paar Dinge näher angeschaut. In Costa Rica und Nicaragua habe ich endlich einmal unsere Teakholzplantagen besucht …

… die Sie von der Firma Precious Woods übernommen haben?
Ja, zusammen mit einer anderen Familie. Privat bin ich schon länger daran beteiligt. Nächstens fliege ich nach Mexiko, wo wir eine Fabrik für Dunstabzugshauben eröffnen. Das verbinde ich mit dem Besuch von zwei, drei anderen Firmen.

Haben Sie für 2014 auch Reisepläne ohne geschäftlichen Hintergrund?
Ein Segelboot möchte ich mieten und um die Welt segeln. Aber vorher muss ich mich noch in Sachen Winde und Hurrikane schlaumachen.

Sagten Sie mieten?
Ja, Segelboote sind relativ teuer.

Aber das wäre doch ein gutes Investment, das Sie im Übrigen dereinst vererben könnten.
Aber dann müsste ich regelmässig für mehrere Wochen segeln gehen, und diese Zeit habe ich nicht.

Sie haben die Firma Franke geerbt. «Mach etwas daraus», soll Ihr Vater gesagt haben. Sind Sie zufrieden mit Ihrer Gruppe?
Mit grossen Teilen sind wir sehr zufrieden. Aber in der Kitchen Systems Division wurden wir wie die ganze Branche durch die konjunkturelle Entwicklung geschlagen – vor allem in Südeuropa. In Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und Griechenland verfügen wir nach wie vor über starke Positionen, aber der Markt hat sich mehr als halbiert und der Margendruck ist enorm.

Wo haben Sie restrukturiert?
In Spanien, Portugal und Italien mussten wir Standorte schliessen. Eine Besserung der Nachfrage ist allerdings noch nicht in Sicht. Hingegen läuft das Geschäft in Deutschland, der Schweiz, in Belgien, Grossbritannien und Polen gut, Skandinavien ist stabil, Nordamerika zieht an, China/Asien bleibt positiv.

Wie beurteilen Sie die Dynamik der Brics-Staaten?
Brasilien und Russland sind deutlich am Abkühlen, nachdem diese Länder wegen der Exporte von Öl, Gas und Erzen geboomt haben. Dieser Rückschlag hängt auch damit zusammen, dass China viel weniger einkauft und mehr für den eigenen Bedarf produziert. Für Indien, wo wir zwei Werke haben, waren unsere Vorhersagen viel optimistischer, aber es läuft immer noch gut. Wir müssen einfach schneller und innovativer sein als die Konkurrenz, dann wird es uns auch in schwierigen Märkten gut gehen.

Verdient Ihre Gruppe genug?
Die Rentabilität ist insgesamt gut. Aber in der grössten und traditionell ertragsstärksten Division Kitchen Systems ist sie zu verbessern.

Sie sind wohl nicht mehr um halb fünf im Büro und schauen sich neueste Umsatzzahlen aus Fernost an. Welches sind heute Ihre Prioritäten?
Oberste Priorität hat für mich, dass der Bereich Franke weiter wächst. Das unterstützen wir auch mit Akquisitionen wie jener der KWC oder einer Armaturenfabrik in China. Mit Franke haben wir ja jenes Geld verdient, mit dem wir die anderen Bereiche aufbauen konnten.

Wie gross ist das Risiko, dass Sie als Patron dem CEO zu stark dreinreden?
Ich glaube nicht, dass ich das tue. Das läuft extrem sportlich zwischen uns. Der CEO ruft mich auch mal an einem Freitagabend oder an einem Sonntag an. Einmal pro Woche haben wir ein Meeting, einmal im Monat steht eine ganztägige Sitzung des Verwaltungsrats auf dem Programm.

Bleibt Artemis der grösste Mischkonzern im Land?
Ich sehe uns nicht als Mischkonzern, eher als Family Office mit Franke als Kerngeschäft. Wir haben vier CEO, die durch mich geführt werden. Das Immobiliengeschäft wollen wir stark ausbauen. Für dieses Jahr haben wir vier, fünf grössere Projekte aufgegleist, eines davon mit langfristigem Potenzial von 300 Wohnungen hier in Aarburg. In den letzten zwei Jahren haben wir auch an der amerikanischen Ostküste von Newark bis Virginia investiert.

Allein oder mit Partnern?
Wir haben drei Partner, ausschliesslich Unternehmerfamilien.

Sie sind als passiver Investor dabei?
Ja, wobei wir uns die Projekte natürlich schon ansehen. Meine Familie ist seit mehr als drei Jahrzehnten dort drüben engagiert.

Könnten Sie sich vorstellen, an der US-Ostküste zu leben?
Ich habe ja sechs Jahre dort gelebt!

Das war in einer anderen Lebensphase.
Ich bin jedes Jahr zwei-, dreimal drüben und ich fühle mich dort wirklich heimisch. Amerika ist unternehmerischer als die Schweiz, mehr «challenging». Dort ergeben sich schneller und leichter Opportunitäten – und jeder kann etwas erreichen.

Wie sind Sie mit den Rahmenbedingungen in der Schweiz zufrieden?
Die Bedingungen in der Schweiz – Logistik, Finanzplatz, politische Sicherheit – sind gut, die Ausbildungsmöglichkeiten sogar super. Unser bester Exportartikel sind die Lehrlinge. Diese sind überall gesucht, wobei wir möglichst alle behalten. Den Steuerwettbewerb zwischen den Kantonen finde ich das Beste. Ich glaube, wir verkaufen die Schweiz unter ihrem Wert.

Wir haben Sie punkto Wirtschaftspolitik schon kritischer gehört.
Das ist jetzt vielleicht die Altersweisheit (schmunzelt). Risiken sehe ich bei gewissen Regulierungsversuchen …

… wie bei der 1:12-Initiative?
Ich habe dagegen gestimmt. Aber es brauchte eine solche Aktion, um gewisse Übertreibungen mal in die Zeitung zu bringen. Die Erbschaftsbesteuerung wäre für uns aber eine Katastrophe, ich müsste die Firma wahrscheinlich verkaufen.

Im Klartext?
Bei einem Eigenkapital von 1,7 Milliarden Franken entsprächen 20 Prozent Erbschaftssteuer 340 Millionen Franken. Um das bezahlen zu können, müsste ich zusätzlich etwa eine Milliarde einnehmen – und müsste diese zweifach versteuern. Dazu wäre ich gar nicht in der Lage.

Sie investieren weiterhin auch in den Wachstumsmärkten?
In den bestehenden Märkten müssen wir unseren Anteil halten oder ausbauen. Gleichzeitig bauen wir in boomenden Ländern wie Kolumbien, Ecuador, Peru oder Chile aus. Und für Asien haben wir eine extrem ehrgeizige Mittelfristplanung verabschiedet.

Ein Börsengang ist kein Thema?
Nein. Franke ist eine sehr wertvolle Firma, die man noch viel wertvoller machen kann. Ein Börsengang böte keinerlei Vorteile.

Die Nachfolgelösung im Familienkreis gilt als Ihre Wunschoption. Ihr Sohn arbeitet seit einigen Jahren in der Firma. Was macht er gegenwärtig?
Von den Vereinigten Arabischen Emiraten aus leitet er ein Werk und ist für die Marktregion Middle East zuständig, also unter anderem Irak, Saudiarabien, Oman, Katar und Bahrain. Der Franke-CEO ist sein Coach.

Machen Sie am 1. Juli 2014 ein Fest? Immerhin haben Sie vor 25 Jahren die Leitung der Firma übernommen.
Das nehmen wir ins Protokoll. Übernimmt die Basler Zeitung die Einladung?

Im Ernst: Was für Learnings würden Sie im Rückblick hervorheben?
Ich beschränke mich auf drei Punkte. Erstens: Man kann aus allem etwas machen – aus einem Bauernhof, einem Motorschiff oder einer Firma wie Franke. Das habe ich in Amerika gelernt.

Das setzt aber voraus …
… dass man optimistisch ist und nicht immer alles infrage stellt. Zweitens: Von einer bestimmten Grösse an sind Sie auf ein gutes Team angewiesen, dem Sie vertrauen können – denn: «People make the difference.» Der dritte Punkt: Das Bauchgefühl ist sehr wichtig. Einige Male habe ich auf Dritte gehört und mich trotz schlechtem Bauchgefühl an einem Projekt beteiligt – und alles ging bachab.

Sie waren 1978 Crossair-Gründungsaktionär. Verfolgen Sie heute als Risikokapitalgeber eine Strategie oder handeln Sie mehr opportunistisch?
Bis jetzt opportunistisch. In den letzten zwei, drei Jahren wurden uns bestimmt hundert Projekte vorgeschlagen. Aber letztlich sind wir bloss ein, zwei Engagements eingegangen. Investiert haben wir vor allem in reife Firmen.

Ihr Hauptkriterium bei neuen Anlagen?
Ich muss die Geschäftsidee verstehen und möchte die Branche kennen. Das hat mich die Erfahrung gelehrt.

Gibt es in der Schweiz genügend Risikokapital?
Ich glaube schon, es schwimmt viel Geld herum. Mit guten Ideen finden Sie heute immer einen Financier.

Sie möchten dereinst mit einem Bauernhof oder einem Weingut selber eine nächste Wachstumsgeschichte schreiben. Wie reif ist dieser Plan?
Zwei Bauernhöfe besitzen wir bereits, einen Rebberg nicht. Aber ich habe mir schon Güter angesehen.

Wo schauen Sie sich um, in der Bündner Herrschaft oder im Nappa Valley in Kalifornien?
Der Rebberg müsste innert normaler Frist erreichbar sein. Das könnte Italien oder auch Frankreich sein. Die Bündner Herrschaft ist fast zu nah und im Winter zu kalt. Dann schon eher die Toskana oder Umbrien. Ideal wäre eine gute Lage – mit Meersicht. (Basler Zeitung)

Erstellt: 06.01.2014, 19:12 Uhr

Seit 25 Jahren bei Franke am Drücker

Unternehmer-Gen: Die Artemis-Gruppe mit dem Küchentechnik Spezialisten Franke als industriellem Pfeiler setzte 2012 mit 10 300 Beschäftigten in mehr als 40 Ländern rund 2,5 Milliarden Franken um und wies einen Reingewinn von 116 Millionen Franken aus. Michael Pieper hatte die Gruppe ab 1989 stark auf Wachstum getrimmt. Zu Artemis im Alleinbesitz von Pieper gehört auch ein stattliches Portefeuille mit Immobilien im In- und Ausland sowie eine Reihe von substanziellen Beteiligungen an börsenkotierten Schweizer Firmen wie Feintool, Forbo, Rieter, Autoneum und Adval Tech. Michael Pieper ist verheiratet, Vater zweier erwachsener Kinder und wohnt in Hergiswil (NW).

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