«Wir wollen kein instabiles System mit zu hohen Löhnen und Boni»

Konrad Hummler, Chef der Bank Wegelin und des Verbands der Privatbanken, will, dass die Grossbanken das Investmentbanking abspalten. Sonst drohten «extreme Risiken».

«Der Anreiz eines Schweizer Bankmanagers, Investmentbanking zu betreiben, ist, dass der eigene Lohn steigt»: Konrad Hummler.

«Der Anreiz eines Schweizer Bankmanagers, Investmentbanking zu betreiben, ist, dass der eigene Lohn steigt»: Konrad Hummler. Bild: Keystone

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Herr Hummler, letzte Woche wurde die UBS von der Börse gebüsst, weil sie im Jahr 2007 nicht richtig über die Risiken informiert hat. Sollte man jetzt nicht doch noch versuchen, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen?
Ich weiss nicht, ob das möglich ist. Aber als ich im September 2007 im Anlagekommentar schrieb, es gebe einen hohen Klärungsbedarf, wurde ich fast an die Wand genagelt. Dass die Börse es drei Jahre später genauso sieht, gibt mir etwas Genugtuung.

Nach der Finanzkrise wurde die Bankenaufsicht viel strenger. Von den neuen Regeln sind auch kleine Banken betroffen. Sind Sie ein Opfer von Überregulierung?
Das kann man so sagen. Nach der Krise haben nun die Regulatoren weltweit angefangen, strenge Regeln aufzustellen. Das ist bei den systemrelevanten Grossbanken richtig, die die Krise verursacht haben und durch Steuergelder gerettet wurden. Aber bei den Kleinen sollte man andere Massstäbe anlegen.

Sie haben sich immer für eine Abspaltung des Investmentbankings von den Schweizer Grossbanken ausgesprochen. Ist das noch aktuell?
Aktuell ja, realistisch nein, denn vor allem in den USA gab es zwangsweise Fusionen von Investment- mit Retailbanken – mit dem Ziel, deren Erträge zu stabilisieren. Meine Kritik ist und bleibt, dass das Investmentbanking hoch volatil ist mit extremen Risiken.

Risiko ist nicht per se schlecht . . .
Nein, aber es ist problematisch, wenn Banken, die zum Rückgrat der Wirtschaft gehören, damit kombiniert sind. Die Mär, man brauche Investmentbanking, um bei der Vermögensverwaltung Kunden richtig bedienen zu können, ist haltlos. Wegen der billigen Finanzierungsbasis aus dem Retailgeschäft und der Vermögensverwaltung werden zu hohe Risiken eingegangen, vor allem im Eigenhandel. Klar kann man sagen: Nun verlangen wir hohe Eigenmittelunterlegung, und das System wird sicherer. Doch das ist für mich nur zweite Wahl.

Sind die Risiken noch immer gross?
Im Rahmen dieser zweitbesten Lösung hat die Schweiz im internationalen Vergleich die strengsten Massnahmen ergriffen. Solche Veränderungen brauchen Zeit für die Umsetzung und sind im Prinzip richtig. Trotzdem bleibt das Grundsatzproblem, dass das Investmentbanking in systemrelevanten Banken geführt wird. Solange das nicht gelöst ist, wird das System instabil bleiben.

Betrifft das Sie als Privatbank?
Wir probieren natürlich, daraus einen Vorteil zu machen. Wir wollen kein instabiles Finanzsystem mit falschen Anreizen. Die faktische Staatsgarantie für die Grossbanken ist eine Subventionierung, die zu einer Überdimensionierung führt. Das ist kausal verbunden mit den zu hohen Löhnen und Boni. Die direkte Auswirkung für uns sind höhere Lohnvorstellungen in der Finanzbranche. Das ist sozialpolitisch auf die Dauer nicht haltbar. Es können doch nicht bei den Banken doppelt oder dreimal so hohe Löhne wie in der Realwirtschaft gezahlt werden. Das geht doch nicht.

In der Lohnfrage gibt es unzählige Ideen, etwa die Abzocker-Initiative oder den Gegenvorschlag des Parlaments. Taugen sie etwas?
Die Debatte ist eigentlich richtig, nur die Mittel sind die falschen. Es herrschen in einem Bereich der Wirtschaft keine Marktverhältnisse, denn das Investmentbanking wird subventioniert, statt dass man es abtrennt. Wenn man anfängt mit Symptombekämpfung, dann kommt ein Rattenschwanz von Regulierungen hinterher.

Was sagen Sie zum Vorwurf, dass die Grossbanken ihr Investmentbanking auch darum aufgebaut hätten, um die hohen Löhne der obersten Manager zu rechtfertigen?
Die Behauptung stimmt schon. Der Anreiz eines Schweizer Bankmanagers, Investmentbanking in London und New York zu betreiben, ist, dass sein eigener Lohn steigt. Denn im Vergleich mit den Millionenboni, die an diesen Orten üblich sind, hat er dann plötzlich einen anderen Referenzwert.

Sind Sie für die Minder-Initiative?
Nein, für mich ist der Eingriff zu gross. Die Aktionäre sollten frei sein, das Lohnsystem zu wählen.

Eine Folge der Krise ist die Lockerung des Bankgeheimnisses. Wie gehen Sie damit um?
Künftig wird es fünf Spielarten des Bankgeheimnisses geben. Einerseits das inländische Bankgeschäft, das bleibt, wie es ist. Dann gibt es das Geschäft mit den Ländern, die eine Abgeltungssteuer haben. Drittens werden wir hoffentlich Zugang zu ausländischen Märkten erhalten. Viertens gibt es die Vermögensverwaltung mit OECD-Ländern nach dem Art. 26 mit Informationsaustausch bei Verdacht der Steuerhinterziehung und fünftens das Geschäft mit dem Rest der Welt, bei dem sich nichts ändert. Darum muss sich jede Bank strategisch entscheiden, mit wem sie künftig geschäften will, und die Finma muss sich entscheiden, was genau sie überwachen will. Alles ist nicht möglich.

Vergessen haben Sie sechstens die Amerikaner – bei denen ist alles nochmals anders . . .
Bei den Amerikanern ist das Problem, dass man nicht weiss, wer für die Steuerbehörde Amerikaner ist und was mit den Doppelbürgern passiert. Zu befürchten ist, dass das alles so schwammig reguliert wurde, damit man hinterher wieder sagen kann: «Ihr hättet anders reagieren müssen, und darum müsst ihr jetzt zahlen.» Den Mechanismus kennen wir langsam.

Was ansteht, ist die Einigung mit Deutschland und England auf die Abgeltungssteuer. Wie verhindern Sie, dass ausländisches Geld noch rasch verschoben wird, um die Steuer zu umgehen?
Wer das macht, ist dumm, und noch dümmer ist der Berater, der zu einem solchen Verhalten rät. Denn so angenehm kommt man nie wieder zu einer Steueramnestie. Trotzdem braucht es einen Code of Conduct von der Bankiervereinigung, der klar regelt, was man darf. Der kommt auch schon bald.

Erstellt: 17.01.2011, 23:16 Uhr

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