Interview

«Wir wollen niemals von Banken abhängig sein»

Im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet klagt der König der Schweizer Uhrenindustrie, Nick Hayek, über die Gier der Banken. Trotz Krise soll das Jahr 2012 für seine Branche aber ein Rekordjahr werden.

«Wenn es mal hustet, dann geht es meistens beim Luxus schief»: Nick Hayek, Konzernchef der Swatch Gruppe.

«Wenn es mal hustet, dann geht es meistens beim Luxus schief»: Nick Hayek, Konzernchef der Swatch Gruppe. Bild: Keystone

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Herr Hayek, bereiten Ihnen als einem der letzten Schweizer Patrons die Ausläufer des Steuerstreits mit den USA und dessen Folgen für den Finanzplatz Schweiz Sorgen?
Banken sind ein wichtiger Teil der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Aber Banken waren in der Schweiz vor allem deshalb sehr wichtig, weil sie einen guten Service angeboten haben. Und nicht, weil sie anrüchige Geschäfte machen. Auf diesen Service muss man sich wieder konzentrieren. Wobei nicht nur die Privatbankenkundschaft zählt, sondern auch die Unternehmen. Der Werkplatz Schweiz braucht die Banken auch, aber mit einem bodenständigeren Geschäftssinn. Das heisst: weniger Spekulation und weniger kurzfristige Gewinne.

Apropos Gewinne: Welches Produkt ist Ihr stärkstes Pferd im Stall?
Wir sind in allen Segmenten vertreten. Das beginnt bei der Swatch-Uhr für 50 Franken und geht bis zu einer Breguet für 1 Million. Es ist eine unserer Stärken, dass wir uns nicht nur auf das oberste Luxussegment konzentrieren. Wenn Sie sich die Umsätze anschauen, sind Swatch, Tissot oder Longines ebenso stark am Umsatz beteiligt wie die exklusiveren Marken Omega, Breguet oder Blancpain. Je nach Region und Land haben alle Marken ein gesundes Wachstum.

Wie spüren Sie die Auswirkungen des «schwierigen Wirtschaftsumfelds»?
Wenn es mal hustet, dann geht es meistens beim Luxus schief. Das haben wir 2008 gesehen. Auch da hat die Swatch Gruppe in Zeiten der Hysterie relativ wenig verloren. Die grössten Einbrüche haben wir im obersten Top-Segment gehabt. Im Bereich der Marke Omega gab es zwar Einbrüche, diese waren aber nicht sehr ausgeprägt. Die Marken Tissot, Longines und Swatch sind während der Krise sogar gewachsen.

Das überrascht. Es heisst doch, gerade das Luxussegment beweise die grösste Krisenimmunität.
Was alle sagen, ist nicht immer wahr. Das Problem ist folgendes: Für eine Uhr für 100'000 Franken finden Sie immer einen Käufer. Aber wenn Sie ein kontinuierliches Wachstum haben möchten, wird es schon schwieriger. Die sogenannten Milliardäre sind das meist auf dem Papier und konsumieren sehr viel über Kredite. Wenn die Wirtschaft plötzlich schwächelt und diese Zielgruppe ihre Häuser und Güter nicht mehr belehnen kann, dann wird für die teuren Dinge weniger Geld ausgegeben. Die Mittelklasse, die gut Geld verdient, aber nicht einfach so 150'000 Franken für eine Uhr ausgibt, gibt das Geld trotzdem für den Geburtstag der Ehefrau oder die Kinder aus. Der Konsum dieser Zielgruppe ist viel stabiler.

Bei der Marge gibt es offenbar Probleme, diese stagniert nahezu.
Nein, von 23,5 auf 23,9 Prozent ist keine Stagnation. Die Marge ist bei uns von den Wechselkursen abhängig. Wir stellen ja 90 Prozent unserer Produktion in der Schweiz her. Unser Bruttoumsatz ist deswegen um 700 Millionen zurückgegangen. Das hat eine negative Auswirkung auf die Marge. Hinzu kommt, dass die Rohstoffe Gold und Diamanten teurer geworden sind. Parallel dazu haben wir nicht im selben Atemzug die Konsumentenpreise erhöht. Das heisst, wir geben den Margendruck nicht automatisch an die Kunden weiter. Wir wollen ja Marktanteile gewinnen und daher nicht das Risiko eingehen, dass die Konsumenten plötzlich nicht mehr bei uns kaufen. Ausserdem kenne ich nicht viele Industrie-Unternehmen, die eine operative Marge von 23,9 Prozent aufweisen.

Die Börse sieht das anders.
Einige Investoren wollen nur kurzfristige Profite. Ich erinnere an 2008: Wir haben keine Mitarbeiter entlassen und geringere Margen akzeptiert.

Sie verfügen über mehr als 8 Milliarden Eigenkapital. Was wollen Sie damit anstellen?
Wir wollen niemals von Banken abhängig sein. Auch wenn es wirtschaftlich schwieriger werden sollte, wollen wir unsere Freiheit behalten. Akquisitionen sind für dieses Jahr keine geplant. Sollte es eine interessante Gelegenheit geben, hätten wir aber genügend Cash, um sofort agieren zu können.

Was ist Ihr Umsatzziel für dieses Jahr?
Für die gesamte Uhrenindustrie sage ich ein Wachstum von 5 bis 10 Prozent in diesem Jahr voraus. Wie es derzeit aussieht, könnte das sogar am oberen Ende dieser 5 bis 10 Prozent sein. Diese Zahlen gelten auch für uns. Unter der Voraussetzung, dass die SNB weiterhin konsistent agiert, damit wir beim Wechselkurs nicht unter die Räder kommen. Aber davon gehen wir aus. Die Swatch Gruppe kann durch internes Wachstum in drei vier Jahren einen Umsatz von 10 Milliarden erreichen.

Swatch kann sich 2800 neue Jobs leisten und dennoch sinkt der Börsenwert um mehr als vier Prozent. Was läuft schief?
Hätten wir angekündigt, 3000 Mitarbeiter zu entlassen, dann wäre der Börsenkurs wohl nach oben gegangen. Wir arbeiten aber nicht für die Börse.

Aber wohl auch für die Investoren, die Swatch-Group-Aktien halten. Was dürfen diese an Investitionen für 2012 erwarten?
Unsere Investitionsausgaben werden sich auf bis zu 700 Millionen Franken erhöhen. 2011 haben wir 550 Millionen investiert. Das meiste davon fliesst in neue Fabriken in der Schweiz. Im Kanton Solothurn bauen wir eine neue Zifferblattfabrik. In Neuenburg haben wir ein Gelände gekauft, wo wir ab März neue Zifferblatt- und Zeigerfabriken bauen. In Biel bauen wir ein neues Hauptgebäude für die Marken Swatch und Omega und den Standort im Tessin erweitern wir ebenfalls. Alles in allem wird das einige Hundert Arbeitsplätze mehr in der Schweiz ergeben.

Erstellt: 07.02.2012, 18:12 Uhr

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