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Wirtschaftsexponenten fürchten um Standortvorteile

Nach dem Ja zur Abzockerinitiative rechnet der Standortförderer von Zürich damit, dass börsenkotierte Gesellschaften abwandern.

Bangt um den Standortvorteil: Rechtsanwalt Balz Hösly warnt vor einem Reputationsschaden. Im Bild die Altstadt von Zürich am 23. Januar 2013.

Bangt um den Standortvorteil: Rechtsanwalt Balz Hösly warnt vor einem Reputationsschaden. Im Bild die Altstadt von Zürich am 23. Januar 2013. Bild: PD

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Balz Hösly, Verwaltungsratspräsident der Standortmarketingorganisation Greater Zurich Area, hegt keine Zweifel an den negativen Auswirkungen der Abzockerinitiative: «Ich rechne mittelfristig mit einer Abwanderung von börsenkotierten Gesellschaften.» Grosse Firmen würden ihren Standort alle drei bis fünf Jahre einer strategischen Überprüfung unterziehen, erklärt der Zürcher Anwalt. Dabei spielten Faktoren wie Rechtssicherheit und ein liberales Aktienrecht eine grosse Rolle bei diesen Überlegungen. Beide Voraussetzungen seien nun durch die Umsetzung der Initiative beeinträchtigt.

Höslys Angst wird genährt durch einen Artikel im «Wall Street Journal», der Pflichtlektüre in den weltweiten Führungsetagen. Vor wenigen Tagen schrieb das Blatt, die Abzockerinitiative sei die Geschichte einer Coporate-Governance-Reform, die «Amok läuft». Titel des Artikels: «Vorsicht bei Ihrem Schweizer Geschäft». Es brauche nur zwei oder drei Verlegungen von Unternehmensstandorten ins Ausland, dann werde die internationale Presse das ausschlachten, befürchtet Hösly. «Das wäre ein verheerender Reputationsschaden für unseren Standort.»

«Am Schluss entscheiden die Leute, die persönlich von der Abzockerinitiative betroffen sind», ist Hösly überzeugt. Ein ausländischer Topmanager müsse sich überlegen, ob er sein Salär samt leistungsorientierten Vergütungskomponenten jedes Jahr von der Generalversammlung absegnen lasse wolle.

Längerfristige Arbeitsverträge

Eine Konsequenz davon könnten laut Hösly längerfristige Arbeitsverträge sein. Statt mit Kündigungsfrist von sechs Monaten oder einem Jahr würden Topmanager für fünf Jahre verpflichtet. Das Salär für diese fünf Jahre werde der Generalversammlung zur Genehmigung vorgelegt. Wird der Manager schon nach einem Jahr freigestellt, erhält er sein Salär vier Jahre weiter. Und das sei teurer als eine Abgangsentschädigung, meint Balz Hösly.

Das Potenzial an verunsicherten Chefs, die der Schweiz wieder den Rücken kehren könnten, ist durchaus da. Laut dem Zürcher Headhunter Guido Schilling sassen 2011 rund 45 Prozent Ausländer in den Geschäftsleitungen. In den Verwaltungsräten liegt der Ausländeranteil mit 34 Prozent etwas tiefer, ist jedoch am Steigen.

«Europas grösster Abzocker»

Höslys Bedenken werden nicht überall geteilt. Ernst Landolt, Volkswirtschaftsdirektor des Kantons Schaffhausen, rechnet nicht damit, dass Firmen wegziehen. Dem nördlichen Kanton, der ebenfalls unter dem Dach von Greater Zurich Area vertreten ist, gelang es in den letzten Jahren, eine ganze Reihe von Unternehmen anzulocken – unter anderem den US-Konzern Tyco, dessen Chef 2012 beim Wechsel in den Verwaltungsrat mit einem Vergütungspaket von über 150 Millionen Dollar beglückt wurde, was ihm noch kurz vor der Abstimmung den Titel «Europas grösster Abzocker» eintrug. Die Schaffhauser Stimmbürger sagten mit fast 76 Prozent Ja zur Abzockerinitiative. Das ist die zweithöchste Zustimmung in der Schweiz.

Landolt erachtet die Umsetzung der Initiative als leichte Trübung im Gesamtbild der Standortvorteile seines Kantons. Bei Beratungsgesprächen mit ausländischen Firmen sei die Initiative kein Thema gewesen. Dafür macht ihm der Streit mit der EU um die Unternehmensbesteuerung bei den Holdinggesellschaften Sorgen. «Ausländische Firmen wollen hier mehr Klarheit, bevor sie sich länger als fünf Jahre bei uns niederlassen.»

Initiative neutralisieren

Klaus Endress, CEO der Endress+Hauser-Gruppe in Reinach BL, die Sensoren herstellt, erachtet die negativen Folgen der Abzockerinitiative als «reine Schwarzmalerei». Das erstaunt, weil er sich in der Kampagne gegen das Volksbegehren stark engagiert hatte. «Ich bin nicht für Abzocker, aber gegen die Initiative», erklärt Endress den scheinbaren Widerspruch. Und bringt einen dritten Faktor ins Spiel, der für die Zu- oder Abwanderung von Firmen wichtig ist: der starke Franken.

Standortförderer Hösly und Volkswirtschaftsdirektor Landolt machen sich erwartungsgemäss stark für eine attraktive Unternehmenssteuerreform, um die Abzockerinitiative etwas zu neutralisieren. Hösly möchte auch prüfen, ob sich bei der Steuerprogression für Managersaläre «etwas machen lässt». Die Realisierungschancen erachtet er selber als gering. Zumal die SP die Bonussteuer wieder auf den Tisch bringen will. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.03.2013, 10:03 Uhr

Balz Hösly, Präsident des Verwaltungsrats der Standortorganisation Greater Zurich Area. (Bild: PD)

In Schaffhausen sagten 76 Prozent Ja zur Abzockerinitiative: Ernst Landolt, Volkswirtschaftsdirektor des Kantons Schaffhausen. (Bild: Keystone )

Für ihn sind die negativen Folgen der Abzockerinitiative «reine Schwarzmalerei»: Klaus Endress, Chef der Endress+Hauser-Gruppe. (Bild: Keystone )

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