Wo die Bananen gelb werden

Im luzernischen Dierikon befindet sich eine der grössten Bananenreifereien der Schweiz. Der Prozess der meistgegessenen Frucht der Welt ist Schwerstarbeit. Jetzt hält die Automatisierung Einzug.

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Kari und Ruedi stehen eng beieinander. Kari hievt Bananenkisten von Paletten auf das Förderband, Ruedi öffnet die Kartons und schneidet die Plastikbeutel auf, in denen die Bananen liegen. 800 Kartons schaffen die beiden jeden Tag. Das ist Schwerstarbeit – jede Kiste wiegt um die 18 Kilos.

Kari und Ruedi sind die neuste Gross-Anschaffung der Migros Genossenschaft Luzern. Sie sind zwei Roboter in der Bananenreiferei in Dierikon LU. Hier befindet sich eine der grössten Drehscheiben für Bananen in der Schweiz. Von Luzern aus werden neun der zehn Migros-Genossenschaften beliefert. Auch Le Shop und Denner sowie migrosfremde Firmen beziehen gereifte Bananen aus Luzern.

Migros ist wie Coop stark vertreten im Geschäft mit den krummen Früchten. Die Banane ist das wichtigste Produkt in der Früchte- und Gemüseabteilung der Detailhändler. Beide verarbeiten je rund 25 Millionen Kilo Bananen pro Jahr. Das sind etwa zwei Drittel des gesamten Schweizer Bananenkonsums. Die Frucht wird am zweithäufigsten gegessen in der Schweiz. Heuer wird der Konsum wohl noch etwas ansteigen. Der übliche Rückgang in den Sommermonaten von rund 10 Prozent fällt nämlich weg – dem kühlen Sommer sei Dank.

Hohe Kunst

Darum laufen Kari und Ruedi auch jetzt auf Hochtouren. In Luzern kommen 16 Millionen Kilo grüne Bananen im Jahr rein, um gelb zu werden. Die Büschel haben bei der Ankunft drei Wochen Fahrt hinter sich. Per Schiff, Bahn und Lastwagen gelangen sie in die Zentralschweiz. Geerntet wurden sie in Costa Rica, Ecuador, Panama und Peru – in Plantagen der beiden weltweit grössten Bananen­exporteure Chiquita und Fyffes.

Ohne Licht und Sauerstoff läuft die Reise ab. Denn gelb werden sollen die krummen Früchte nicht. Die Reifung beginnt erst in den speziellen Zellen in der Luzerner Lagerhalle. Während vier bis acht Tagen lagern dort die Bananen in Kisten bei 14 bis 18 Grad hinter einer Art Garagentor. Der Prozess ist eine hohe Kunst. Die Bananenspezialisten der ­Migros arbeiten mit einer Farbskala von zwei (grün) bis sieben (braune Flecken). Mit Farbstufe zwei kommen die Früchte an, mit Farbstufe vier, also mehr gelb als grün, gehen sie raus in die Filiale. «Die Kunden kaufen die Bananen am liebsten in der Farbstufe fünf und sechs», sagt Aurelius Wespi, Leiter Frischelogistik der Migros Luzern. Das heisst, die Früchte müssen beim Verkauf gelb mit grünen Spitzen sein. «Die Farbe ist eine ewige Diskussion», sagt Wespi.

Auch die Mengenplanung ist ein ständiges Abstimmen, wegen des langen Wegs von der Plantage in den Laden. «Die Mengenplanung muss man gut im Griff haben», sagt Wespi. Zu Engpässen kommt es trotzdem ab und zu. «Bio-­Bananen sind manchmal Mangelware.»

Eng kann es für das Bananenangebot insgesamt werden. In Asien bedroht ein Pilz die Stauden der Sorte Cavendish. Diese ist die einzige, die es im Schweizer Detailhandel zu kaufen gibt. Die sogenannte Panama-Krankheit befällt die Wurzeln der Bananenstauden und bedroht die weltweite Versorgung. Bereits hat sich die Krankheit auf den Nahen ­Osten und Afrika ausgebreitet. Mit welchen Folgen, ist laut Wespi jedoch unklar. Zwar sind Wissenschaftler daran, neue Bananensorten zu entwickeln, die resistent sind gegen den Pilz. Doch drohende Ernteausfälle dürften die Preise der Früchte in die Höhe treiben. Das wäre neu für Bananenkonsumenten. Im Endverkauf blieben die Preise in den letzten Jahren sehr stabil, um die drei bis vier Franken pro Kilo. Ob und wie schnell es eine Steigerung geben wird, will niemand sagen.

Fair Trade im Trend

Detailhändler sprechen aber auch so bereits von erhöhten Einstandspreisen, die man bisher nicht auf den Kunden abgewälzt habe. Gründe dafür seien gestiegene Transportkosten und der Trend hin zu Bananen, die nach nachhaltigen Standards produziert werden. Heute trägt jede zweite verkaufte Banane in der Schweiz das Max-Havelaar-Label. Laut Frischelogistik-Chef Wespi gibt es eine Polarisierung des Konsums hin zu hochwertig oder günstig. «Der Anteil von Bio und Budgetbananen hat in der letzten Zeit zugenommen», sagt er.

Automatisierung mit Robotern kann im aktuellen Umfeld mit knapper werdendem Angebot und höheren Kosten also willkommene Einsparungen bringen. Kari und Ruedi, die Namen haben sie von Logistik-Kadern, übernehmen manuelle Arbeit. «Stellen haben wir deshalb nicht abgebaut», sagt Felix Meyer, Chef der Migros Luzern. «Es ging uns nicht um Einsparungen, sondern um ergonomische Gründe.» Die Kisten von den Paletten zu heben, sei eine Verschleiss-Arbeit. «Diese wollten wir ersetzen.» Wie viele Kisten die Roboter pro Stunde mehr schaffen als früher die Mitarbeiter, sei schwierig zu beziffern.

Der Prozess von der grünen ­Banane bis in den Laden ist aber längst nicht automatisiert. Zwar werden Migros-Budget-Bananen auf dem Förderband automatisch in Beutel geschweisst, gewogen und etikettiert. Bei Bio-­Bananen ist dagegen praktisch jeder Schritt Handarbeit, vom Griff in die Bananenkiste über die Portionierung bis zum Festmachen der Preisetikette am Strunk.

Diese Handarbeit ist laut Logistik­spezialist Wespi auch nicht zu leicht zu automatisieren. Zu sensibel ist dafür das grün-gelbe Früchtchen.

Erstellt: 28.08.2014, 08:11 Uhr

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Automatisierung: Migros Luzern ist zurückhaltend

Trotz Robotereinsatz in der Bananenreiferei will die Migros Luzern die Automatisierung nicht gross vorantreiben, wie deren Chef Felix Meyer sagt. «Ich habe noch kein Automatisierungsprojekt gesehen, in dem die Ziele auch wirklich erreicht wurden.» Auf gigan­tische Investitionen folgten oft grosse technische Probleme, sodass sich die Projekte kaum rechneten. «Man muss sehr genau abwägen, ob sich eine Automatisierung wirklich lohnt, sonst hat man am Schluss hohe Kosten und keine Jobs.» Es komme stark auf die Mengen an, die man verarbeite. Auf dem Laufenden bleiben die Luzerner trotzdem. Die Logistikchefs der Genossenschaften Zürich, Aare und Ostschweiz treffen sich einmal im Monat zum Ideenaustausch. Und einige sind schon weit fortgeschritten. Die Genossenschaft Ostschweiz zum Beispiel stellt Früchte, Gemüse und gekühlte Produkte automatisch zusammen. (bv)

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