Hintergrund

Zeit, aus dem Schatten zu treten

In Zeiten von Banken-Bashing und Steuerstreit wandeln sich Versicherungen im Schweizer Finanzsektor zu den heimlichen Stars. Etwa die Zurich, von der ein Quartalsgewinn von einer Milliarde erwartet wird.

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Er wolle die Zurich zu einer langweiligen Versicherungsgesellschaft machen, sagte James Schiro im September 2002. Gerade hatte er als neuer CEO einen Konzern am Abgrund vorgefunden. Fortan galt die Devise, dass Risiken zu minimieren seien und Kapital konservativ und diszipliniert anzulegen sei. Zehn Jahre später steht die Zurich nicht nur mit einem neuen Chef, sondern auch als solider Konzern da: Quartal für Quartal werden Gewinne verbucht, die knapp unter der Milliardenschwelle liegen. Oder auch mal darüber, wie zuletzt mit 1,14 Milliarden Dollar im ersten Quartal 2012.

Schiros Bild aber blieb haften. Schuld daran ist auch die Presse: Damit eine Versicherungsstory aufgegriffen wird, muss schon ein Ackermann zum Präsidenten ernannt werden. An der mangelnden Bedeutung der Branche liegt dies kaum, immerhin arbeiten 50'000 Personen in der Schweiz im Versicherungsgewerbe. Bei den Banken, deren Medienpräsenz um ein Vielfaches höher liegt, sind es 130'000. Im Vergleich zu den Banken fristen die Schweizer Versicherer medial ein Mauerblümchendasein.

Sichere Steuermedizin

Dabei laufen Versicherungen den Banken etwa auf dem Arbeitsmarkt zunehmend den Rang ab. «Bei den Versicherungen geht es ab», sagt eine Basler Personalvermittlerin. Nach der Abkühlung im Frühling erwartet sie für den Herbst einen weiteren Jobboom im Versicherungsbereich. Bei den Stellensuchenden gelten Versicherungen als sicherere und deshalb attraktive Arbeitgeber. Laut Stephan Breitenmoser werden aktuell vor allem Schaden- bzw. Leistungsspezialisten sowie Vorsorge- und Finanzberater gesucht. Im Jobdirectory-Index, den er betreut, wurden seit letzten September konstant mehr offene Jobs in der Versicherungsbranche als im Bankengewerbe registriert.

So wandeln sich Versicherungen im Schatten von Banken-Bashing und Steuerstreit zu den heimlichen Stars des helvetischen Finanzhimmels. Der Fiskus weiss dies schon lange zu schätzen: Auch während der Finanzkrise konnte er auf konstante Steuererträge seitens der Versicherer bauen. Anders bei den Banken, die wegen Verlusten vom Staat Steuergutschriften im Milliardenbereich erhielten. Für 2013 erwartet etwa die Zürcher Steuerverwaltung von ihnen bloss Abgaben in «homöopathischer Dosis». Über die nächsten fünf Jahre hinweg soll sich das Guthaben der UBS bei einer Milliarde Franken jährlich belaufen – es wäre in etwa derselbe Betrag, den die Zurich 2010 und 2011 global an Steuern bezahlt hat.

Wie wachsen?

Dabei schiffen die Versicherungen nur vermeintlich auf ruhiger See. «Der Optimismus bei der Gewinnentwicklung ist mit Vorsicht zu geniessen», sagt Vontobel-Analyst Stefan Schürmann. Zwar sind Versicherungen strukturell im Vorteil: Wegen den längerfristig angelegten Bilanzen und den verhältnismässig konstanten Geldzuflüssen aus Prämien haben sie den längeren Atem am Finanzmarkt und können auch in Krisenzeiten Cash generieren. Zudem legen die Schweizer Versicherer das Geld auch im Ausland an: Die Anlage- und Währungsrisiken aus der Eurokrise sind auch für sie nicht vernachlässigbar.

Hinzu kommt der steigende Kapitalbedarf. Wie im Banking ziehen die Schweizer Regulatoren auch im Versicherungsgeschäft die Schrauben an. Gleichzeitig ist das Umfeld schwierig. «Die niedrigen Zinsen sind eines der grössten Probleme für Versicherer», sagt Stephan Kalb, Analyst für Versicherungen bei Fitch Ratings. Kalb zufolge stehen die Schweizer Erstversicherungen finanziell gut da – doch der hiesige Markt gilt mit Prämienvolumen im Umfang von knapp 10 Prozent des BIP als gesättigt. Expansion ist aus dieser Perspektive Pflicht, um weiteres Wachstum zu erzeugen.

Erstellt: 15.08.2012, 21:49 Uhr

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