Interview

«Zentrale Bankenaufsicht ist reine Alibiübung»

Um in Zukunft keine maroden Banken mehr retten zu müssen, wollen die EU-Staaten eine zentrale europäische Bankenaufsicht schaffen. Der Schweizer Bankenprofessor Manuel Ammann weiss, was mehr Sinn machen würde.

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Würde eine zentrale Bankenaufsicht, beispielsweise durch die EZB, europäische Banken strenger überwachen, als das bisher der Fall war?
Da sollte man sich keine Illusionen machen. Wenn ich mir die bisherige europäische Politik anschaue, kann ich mir nicht vorstellen, dass eine europäische Bankenaufsicht strenger durchgreifen würde, als dies bisher der Fall war. Das Regulierungsniveau würde sich eher nach unten nivellieren. Aus politischen Gründen wird es einer zentralen Aufsicht auch nicht möglich sein, marode Institute zu schliessen, wie das eigentlich passieren müsste.

Warum wäre das so schwierig?
Wenn eine EU-Troika aus Brüssel anrückt, um den Bankrott einer spanischen Bank einzuleiten, würden die nationalen Gefühle hochkochen. Aus Rücksichtnahme auf die Interessen des jeweiligen Landes würde auch eine europäische Behörde vor solchen harten Massnahmen zurückschrecken. Man sieht ja schon jetzt, wie bei EU-Gipfeln nationale Interessen immer wieder die Oberhand gewinnen.

Was halten sie von einer zentralen Aufsicht durch die Europäische Zentralbank EZB?
Eine Ansiedlung bei der EZB wäre hochproblematisch. Sie geriete in einen Zielkonflikt zwischen Bankenaufsicht und Geldpolitik. Müsste sie zum Beispiel angesichts einer drohenden Inflation die Zinsen anheben, brächte sie damit möglicherweise schwache Banken in Gefahr. Viele Banken im europäischen Raum sind bisher nur deswegen nicht zusammengebrochen, weil ihnen die EZB grossen Mengen an billigem Geld zur Verfügung stellte.

Warum setzen die Teilnehmer am EU-Gipfel auf eine zentrale Bankenaufsicht?
Das ist eine reine Alibiübung, um den südeuropäischen Banken den Zugang zu Geld aus den Rettungsschirmen der EU zu ermöglichen. Weil faktisch spanische Banken mit deutschem Geld gerettet werden, wollten die Gipfelteilnehmer signalisieren, dass von den Banken auch etwas gefordert wird. In der jetzigen Krise wird eine neue Aufsicht ohnehin nicht mehr greifen. Der Aufbau einer zentralen Aufsichtsbehörde dauert einige Jahre.

Wie würden strengere Regelungen konkret aussehen?
Da gäbe es eine Vielzahl von Massnahmen wie beispielsweise eine vorsichtigere Kreditvergabepolitik oder höhere Eigenkapitalanforderungen. Doch schon bei der Ausarbeitung der Regelungen von Basel III ist es nicht gelungen, wirklich strenge Regeln durchzusetzen. Die Banken haben ein grosses Interesse an laxen Regeln. So können sie in guten Zeiten hohe Gewinne machen und in schlechten Zeiten ihre Verluste dem Steuerzahler aufhalsen.

Was hätte Ihrer Meinung nach in dieser Krise passieren müssen?
Insolvente Banken hätten so früh wie möglich geschlossen oder restrukturiert werden müssen. Und zwar auf Kosten der Gläubiger und Aktionäre, die in guten Zeiten auch die Gewinne einstreichen. Stattdessen werden die Banken mit dem Geld der europäischen Steuerzahler und der Sparer gerettet.

Hätte es nicht viel schlimmere Folgen, wenn Banken bankrott gehen würden?
Diese Folgen werden gerne übertrieben. Das Argument wird missbraucht, um die Investoren zu retten und die Lasten auf die breite Bevölkerung zu verteilen. Die amerikanische Einlagensicherung demonstriert seit Jahren, wie man mit insolventen Banken auf Kosten ihrer Aktionäre und Gläubiger umgeht, ohne dass die Kleineinleger zu Schaden kommen oder das Bankensystem zusammenbricht. Aber wenn man aus lauter Angst vor einer möglichen Ansteckung anderer Banken oder Börseneinbrüchen alle Banken immer rettet, schaltet man den Sanktionsmechanismus des Marktes aus. So stolpern wir von einer Krise in die nächste.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.07.2012, 11:00 Uhr

Manuel Ammann ist ordentlicher Professor für Finanzen an der Universität St. Gallen und Leiter des Master of Arts in Banking and Finance.

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