Zuckerberg hat alles unter Kontrolle

Facebook-Chef Mark Zuckerberg muss keine einschneidende Regulierung seines Beinahe-Monopols in den USA fürchten.

«Im Allgemeinen stimme ich Ihnen zu»: Mark Zuckerberg vor seiner Anhörung in Washington. Video: Tamedia/Reuters

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Angesagt war ein Kreuzverhör des mächtigen Facebook-Chefs, es blieb bei einer unverbindlichen und etwas enttäuschenden Show. In seinem ersten Hearing im US-Kongress bekannte sich Mark Zuckerberg zwar zu einer überfälligen Regulierung, aber ein klares Ja zur vollen und kostenlosen Datenkontrolle durch die Nutzer blieb er schuldig. Daneben verpasste der Kongress die Gelegenheit, die Gründe für den Vertrauensverlust in die traditionellen Medien zu erläutern; ein Versäumnis, das Zuckerberg helfen kann.

Gegen 100 Parlamentarier drängten sich am Dienstag und Mittwoch in das Capitol, um sich am gross angekündigten Grillfest vor laufenden Kameras zu beteiligen. So wie die Anhörungen geplant waren, spielten sie allerdings nur eine Statistenrolle. Der Star war Zuckerberg – und er spielte seine Rolle als leicht zerknirschter, aber wohlwollender Firmenchef gut. Die Senatoren hatten gerade fünf Minuten, um ihn zu befragen; im Abgeordnetenhaus mussten sich die Parlamentarier sogar mit nur vier Minuten begnügen. Für kritisches Nachhaken blieb dabei wenig Zeit, und auch für eine klare Linie in der Fragestellung gab es kein Drehbuch. Offensichtlich war auch, dass den meisten das technische Wissen fehlte und sie wenig Interesse an der ­dominanten und fragwürdigen Rolle von Facebook in Ländern wie Burma, ­Pakistan oder Indonesien hatten.

Eine Ein-Mann-Show

Der Fokus auf die USA ist nachvollziehbar, wurde aber der Verantwortung des globalen Beinah-Monopols von Facebook nicht gerecht. Dafür konnte sich Zuckerberg oft auf kurze und einstudierte Erklärungen beschränken. Forderungen nach verbindlichen Aussagen umging er mit Plattitüden: «Die Idee ist es wert, studiert zu werden.» «Ich werde gerne mit Ihnen zusammenarbeiten.» «Im Allgemeinen stimme ich Ihnen zu.» Einige Parlamentarier verstanden sehr gut, dass sie mehr an einer Show teilnahmen als an einer fundierten Prüfung von Facebook. «Ihre Nutzerbestimmungen stinken zum Himmel», sagte Senator John Kennedy. Cory Booker und Frank Pallone, beide aus New Jersey, machten ihrer Frustration Luft. «Ich fürchte, dass dies einmal mehr nur eine Anhörung bleibt und sich nichts verändern wird», so Pallone.

Seine Furcht ist berechtigt, aber nicht die alleinige Schuld von Facebook. Der Kongress hätte in den letzten zehn Jahren die Chance gehabt, ein umfassendes Datenschutzgesetz zu erlassen und damit die Nutzerdaten gegen die hemmungslose Ausbeutung durch Facebook und andere Konzerne wie Google und Twitter abzusichern. Getan hat der Kongress exakt das Gegenteil. Er schwächte die ohnehin nicht gerade starken Aufsichtsbehörden der Branche nach den Wahlen 2016 weiter ab. Er unterliess bisher eine offene Debatte über die Unterminierung der Wahlen durch russische Agenten und sah dem Desavouieren der etablierten Medien durch den Präsidenten tatenlos zu. Das vergiftete politische Klima liess es zu, dass Facebook erst jetzt, drei Jahre nach dem Entdecken des Datenmissbrauchs durch Cambridge Analytica, Rechenschaft ablegen muss.

Diese Umstände verdecken indessen, worum es wirklich geht. Zuckerberg selber war es, der das klarmachte. «Passen Sie auf, dass Sie mit einer Regulierung nicht zu weit gehen. Die Details sind wichtig. Wir wollen nicht, dass unsere Innovationskraft geschwächt wird und wir hinter die chinesischen Konkurrenten zurückfallen.»

Nichts für Unterhaltungsfanatiker: Mark Zuckerberg vor seiner Anhörung vor den gemeinsamen Senatskomitees aus Wirtschaft, Wissenschaft, Justiz und Wirtschaft. Foto: Keystone

Die Macht von Facebook, Google und Twitter ist letztlich gewollt; sie sichert dem Land eine unerhörte Kontrolle über den globalen digitalen Kommunikationsmarkt. Dazu passt, dass sich Zuckerberg im Unternehmen eine einmalig starke Position gesichert hat. Es ist nicht nur sein Haarschnitt und sein starrer Blick, der an einen römischen Feldherrn erinnert. Bei Facebook kontrolliert er fast 60 Prozent der Stimmen und stützt sich auf einen wohlgesinnten Verwaltungsrat ab. Das erleichtert ihm die Führung, macht aber offenkundig auch blind für Missstände.

Zuckerberg hat keine finanziellen Anreize, das Erfolgsmodell Facebook mit mehr als zwei Milliarden Nutzern und einem Reingewinn von 16 Milliarden Dollar, zu ändern. Deshalb war seine Antwort auf die Frage, ob er gewillt sei, das Geschäftsmodell zu ändern, weniger unschuldig, als sie schien. «Ich habe keine Ahnung, was Sie damit meinen.» Natürlich weiss er, dass eine Umstellung in Richtung einer europäischen Opt-in-Klausel für die Nutzer an die Substanz ginge. Schätzungen zufolge stehen für Facebook wegen der neuen EU-Norm sieben Prozent der Werbeeinnahmen auf dem Spiel. Gemessen am Marktanteil in den USA, könnte die Einbusse hier mindestens dreimal höher sein.

«Idealistisch», «optimistisch»

Zuckerberg hat sich nicht ganz aus seiner Studentenzeit vor 14 Jahren gelöst, als er mit Facebook begann. Noch immer klammert er sich an sein Mantra, wonach Facebook ein «idealistisches und optimistisches Unternehmen» sei. Der Kongress hat ihm diese Überzeugung noch einmal abgenommen. Will er aber dieses Vertrauen rechtfertigen, muss er sein Werk tiefer überdenken, als es die Show im Kongress zeigte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2018, 22:17 Uhr

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