Zweiklassengesellschaft bei der Post

Die Postkommission schreitet gegen Lohndumping bei ausländischen Paketdiensten ein. Doch dass die Mitarbeiter von Postagenturen weniger verdienen als Postangestellte, will sie nicht ändern.

Das Postgeschäft im Lädeli soll für den Ladenbetreiber lediglich ein ergänzendes Standbein sein. Bild: Christian Beutler (Keystone)

Das Postgeschäft im Lädeli soll für den Ladenbetreiber lediglich ein ergänzendes Standbein sein. Bild: Christian Beutler (Keystone)

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Eine Postangestellte wird entlassen, weil ihre Poststelle schliesst. Sie findet einen neuen Job im Laden, der die Dienstleistungen der Post übernimmt. Dort verdient die Frau ein Viertel weniger. Über diesen Fall berichtete das Westschweizer Fernsehen RTS.

Solche Fälle gebe es immer wieder, sagt Edith Graf-Litscher, Thurgauer SP-Nationalrätin und Präsidentin der Verkehrskommission. «Wenn Leute von einer Poststelle zu einer Postagentur wechseln müssen, kann das drastische Lohnreduktionen zur Folge haben», sagt sie. David Roth von der Pöstler-Gewerkschaft Syndicom kritisiert dieses Lohngefälle zwischen Postangestellten und Verkaufsmitarbeiterinnen, die auch Pakete entgegennehmen und Briefmarken verkaufen. «Es kann nicht sein, dass Postdienstleistungen zu Tiefstlöhnen erbracht werden», sagt er.

Immer mehr Unternehmen steigen ein

Die Postcom, die staatliche Aufsichts­behörde der Post, gab gestern bekannt, dass sie gegen Lohndumping im Paketmarkt vorgehen will. In das wegen des Onlinehandels boomende Geschäft steigen immer mehr Unternehmen ein. 172 Firmen bieten derzeit in der Schweiz Postdienstleistungen an – 7 mehr als noch vor einem Jahr. Dazu zählen die Post selbst, Kurierdienste wie DHL oder Fedex, aber auch Velokuriere und andere kleine Anbieter.

Wegen der wachsenden Konkurrenz steigt der Druck auf Löhne und Arbeitsbedingungen. Die Postcom will daher auf Anfang nächsten Jahres rechtlich verbindliche Mindeststandards erlassen. Ob das bedeutet, dass Mindestlöhne in einer kritischen Höhe vorgeschrieben werden, ist noch offen. Das wird sich nächste Woche zeigen, wenn die Vorschläge in die Vernehmlassung gehen. Klar ist aber: Die Standards sollen für Unternehmen gelten, die im Postsektor tätig sind und keinen Gesamtarbeitsvertrag abgeschlossen haben.

Lohngefälle bleibt bestehen

Auch manche Angestellten von Postagenturen unterstehen keinem Gesamtarbeitsvertrag. Von den Mindeststandards werden sie dennoch nicht profitieren. Zwar gälten diese auch für Sub­unternehmen, sagte Postcom-Präsident Hans Hollenstein gegenüber dieser Zeitung. Aber nur, sofern diese mehr als 50 Prozent ihres Umsatzes mit postalischen Leistungen erzielten. Doch: «Im Fall der Postagenturen ist es so, dass diese kaum die Schwelle der 50 Prozent erreichen», räumt Hollenstein ein. Bei Syndicom heisst es: «Uns ist keine Agentur bekannt, die mehr als 50 Prozent ihres Umsatzes mit Postdienstleistungen erzielt.» Das wird sich kaum ändern, denn Postsprecher Oliver Flüeler sagt, das Postgeschäft müsse für den Partner ein «zweites, ergänzendes Standbein» sein und dürfe nicht das fehlende Hauptgeschäft ersetzen.

Das Lohngefälle zwischen Angestellten in Poststellen und in Postagenturen bleibt also bestehen. Es beträgt mehrere Hundert Franken pro Monat: Im Detailhandel, etwa bei Volg oder Valora, lägen die Mindestlöhne unter 50'000 Franken jährlich, sagt Syndicom-Vertreter Roth. Ein Angestellter in einer Postfiliale verdient gemäss Gesamtarbeitsvertrag mindestens 56'400 Franken jährlich, wie Postsprecher Flüeler sagt.

«Die tieferen Löhne im Detailhandel sind ein wesentlicher Treiber der Umwandlung von Poststellen in Agenturen.»David Roth, Syndicom

Spart die Post dank der tieferen Löhne in den Agenturen Kosten? Roth ist der Ansicht, dass dies der Fall sei. «Die tieferen Löhne im Detailhandel sind ein wesentlicher Treiber der Umwandlung von Poststellen in Agenturen», sagt er. Die Post bestreitet das: Nicht die Lohnfrage sei der Grund, das Postnetz neu aufzustellen, so Sprecher Flüeler, sondern die Tatsache, dass immer weniger Briefe geschrieben und Einzahlungen am Schalter vorgenommen würden.

Fakt ist, dass es nicht die Post ist, die den Lohn oder Teile des Lohns der Agenturangestellten bezahlt. Sie entschädigt die Postagenturen über eine fixe Basisvergütung. Hinzu kommt eine variable Vergütung, die sich nach dem Umsatz und der Zahl der getätigten Postgeschäfte richtet. Und schliesslich wird ein Bonus ausgeschüttet, sofern die Agentur gewisse Qualitätskennzahlen erreicht.

Agenturen sind unzufrieden

Die Gesamtentschädigung, welche die Agenturen von der Post erhielten, hänge aber wohl schon in irgendeiner Form von den Löhnen und vom Aufwand ab, sagt Felix Bischofberger, Geschäfts­leiter des Postagenturverbands. Mit dieser Gesamtentschädigung sind viele Agenturen nicht zufrieden. Auch deshalb haben sie sich im vergangenen Jahr in einem Verband zusammengeschlossen und tragen nun Zahlen zusammen, um ihre Forderungen gegenüber der Post untermauern zu können.

Laut dem Zürcher SP-Nationalrat Thomas Hardegger ging die Post bislang davon aus, dass die Agenturen wegen der zusätzlichen Laufkundschaft sowieso ein Interesse an den neuen Aufgaben haben. «Nun zeigt sich, dass sie eine faire Abgeltung ihrer Kosten benötigen», sagt er.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2018, 21:30 Uhr

Post von Verdacht befreit

Keine Unregelmässigkeiten

Nach der Subventionstrickserei bei der Postauto AG hat die eidgenössische Postkommission (Postcom) die Finanzierung der Grundversorgung auf dem Postmarkt durchleuchtet. Das Fazit: Es gebe keine Anzeichen für verbotene Quersubventionierungen. «Wir haben keine Anhaltspunkte für Unregelmässigkeiten seitens der Post festgestellt», sagte Postcom-Präsident Hans Hollenstein gestern bei der Veröffentlichung seines Jahresberichts. Es sei Aufgabe der Postcom, zu kontrollieren, dass die Post keine verbotenen Quersubventionierungen mit Erträgen aus dem Briefmonopol (unter 50 Gramm) an Dienstleistungen tätige, die nicht zur Grundversorgung gehörten. Dazu prüfe und genehmige sie die Berechnungen der Kosten für die Grundversorgung sowie deren Abgeltung. Die Berechnungen werden laut Postcom zuvor durch ein Revisionsunternehmen kontrolliert. Dieses habe nach vertieften Abklärungen bestätigt, dass die Post die gesetzlichen Bestimmungen einhalte. Im Februar war bekannt geworden, dass die Tochterfirma Postauto durch langjährige Buchhaltungstricks 78 Millionen Franken an Subventionen unrechtmässig bezogen hatte.(SDA/Red)

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