Hintergrund

Zwischen Allmacht und Ohnmacht

Von einer Verpflichtung zur nächsten rennen, unter permanentem Leistungsdruck stehen, keine Ansprechpartner haben. Coachs erkennen im Suizid von Carsten Schloter bekannte Muster.

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«Man kann Stress nicht abbauen, indem man nur darüber spricht», sagt Claude André Ribaux. Es ist ein Schlüsselsatz im Gespräch, das Tagesanzeiger.ch/Newsnet nach Bekanntwerden des Todes von Swisscom-Chef Carsten Schloter mit dem Zürcher Management-Coach geführt hat. Polizeilichen Angaben zufolge hat sich Schloter das Leben genommen, nähere Umstände sind nicht bekannt. Dokumentiert ist allerdings, wie Schloter zuletzt über seinen eigenen Zustand dachte. «Das schnürt Ihnen die Kehle zu», sagte der verstorbene Manager jüngst in einem Interview. Gemeint war der Dauerstress, dem sich Schloter im Job, aber auch in der Freizeit ausgesetzt sah.

Claude André Ribaux kennt das Syndrom aus zahllosen Gesprächen, die er mit Topmanagern in seiner zwanzigjährigen Beratertätigkeit geführt hat. «Da ist diese Mischung aus Allmacht und Machtlosigkeit», sagt er, «die viele Führungskräfte empfinden.» Ribaux erkennt in den vorhandenen Bildern und Aussagen des verstorbenen Swisscom-Chefs ein charakteristisches Muster. «Auf der einen Seite fühlt sich der Manager mächtig», sagt Ribaux, «weil alle Entscheidungen von ihm abhängen und alle mit ihren Anliegen zu ihm kommen.» Auf der anderen Seite empfänden viele Führungskräfte ein Ohnmachtsgefühl.

Die Einsamkeit an der Spitze

Ein Gefangener des Systems zu sein, sich nicht verstecken zu können, nur noch als Motor zu funktionieren: Dies sind laut Ribaux die Schattenseiten des Lebens vieler Manager. Carsten Schloters überlieferte Aussagen lassen erahnen, dass diese Elemente auch in seinem Alltag präsent waren. «Als Schüler habe ich früher mal den Unterricht geschwänzt, legte mich in ein Feld auf den Rücken, schaute in den Himmel und war glücklich», sagte Schloter in einem Interview vom November, «das kann ich heute nicht mehr.» Im Nachhinein können solche Aussagen auch als Hilferuf interpretiert werden, sagt Claude André Ribaux. Laut dem Zürcher Coach kommt es sehr selten vor, dass Manager öffentlich über die Schattenseiten ihres Berufs sprechen.

«Ich stelle bei mir fest, dass ich immer grössere Schwierigkeiten habe, zur Ruhe zu kommen», sagte Schloter vor zwei Monaten in einem Interview. Auch der Unternehmensberater André Pahud war zunächst über die Offenheit der Aussage überrascht, als er den Satz las. «Im Privaten sagen viele Manager genau dasselbe», sagt er. Eine grosse Schwierigkeit besteht laut Pahud darin, dass Führungskräfte auf CEO-Stufe keine Schwächen zeigen dürfen. Gegenüber den Untergebenen nicht, weil sie sich an einem starken Chef orientieren wollen. Gegenüber dem Verwaltungsrat nicht, weil sie sonst unter Umständen bald den Job los sind. Und gegenüber der Familie nicht, weil man die Angehörigen nicht mit beruflichen Problemen belasten will.

«An der Spitze herrscht grosse Einsamkeit», sagt André Pahud, dessen Beratungsbüro in Buchs, St. Gallen, domiziliert ist. Unterstützung zu suchen, sei bei Spitzenkräften nach wie vor verpönt. Eher seien Sätze zu hören wie: «Ich kann das.» «Ich bin stark genug.» Claude André Ribaux macht in seinem Alltag ähnliche Erfahrungen. «Wenn man einem Manager eine Auszeit vorschlägt, wird man als Coach auch mal abserviert», sagt er. Es fällt der Name von Pierin Vincenz, der als Chef der Raiffeisen angekündigt hat, diesen Herbst ein zweimonatiges Time-out zu nehmen. Ob Carsten Schloter jemals eine ähnliche Auszeit oder professionelle Hilfe in Anspruch genommen hat, ist nicht bekannt. Möglicherweise liess seine eigene, körperliche und mentale Stärke dies trotz grosser Offenheit gegenüber dem Publikum nicht zu.

Erstellt: 24.07.2013, 08:08 Uhr

Der Manager vor dem Kabelnetz der Swisscom: Carsten Schloter. (Bild: Keystone )

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