ABB kauft an der falschen Stelle zu

Anleger und Analysten reagieren skeptisch auf den milliardenschweren Zukauf der Elektrokomponenten-Sparte von GE.

ABB-Chef Ulrich Spiesshofer muss sich kritische Fragen zu seinem jüngsten Deal gefallen lassen.

ABB-Chef Ulrich Spiesshofer muss sich kritische Fragen zu seinem jüngsten Deal gefallen lassen. Bild: Keystone

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ABB-Chef Ulrich Spiesshofer ist ein erfahrener Verkäufer. Und so bot er gestern sein gesamtes Können auf, um Investoren seinen neuesten Zukauf schmackhaft zu machen: die Übernahme der Elektrokomponenten vom US-Rivalen General Electric (GE) für 2,6 Milliarden Dollar. ABB würde damit «einen weitreichenden Schritt machen», der Deal sei «ein exzellenter Match», warb Spiesshofer.

Doch Analysten und Anleger teilen seine Begeisterung nicht. Zusammengefasst lautet die Kritik, dass ABB sich quasi an der falschen Stelle verstärke. «GE entwickelt sich in Richtung Software-Unternehmen. ABB stärkt mit dem Kauf das traditionelle Produktgeschäft», sagt Panagiotis Spiliopoulos, Leiter des Research von Vontobel. Er betont, dass ABB auch gleichzeitig den Kulturwandel vorantreiben müsse: «Weg vom reinen Produkt-, hin zum Verkauf individueller Lösungen», so der Experte. «ABB kauft sich mit der Sparte etwas Wachstum ein, aber die Transaktion wird ABBs Wachstumsaussichten nicht grundlegend verändern», meint auch Richard Frei von der Zürcher Kantonalbank (ZKB).

Marge wird belastet

ABB kämpft seit längerem darum, neues Wachstum zu erzielen. Hier dürfte das von GE übernommene Geschäft mit Schaltern, Steuerungsanlagen, Telecomausrüstung aber nicht den erhofften Durchbruch bringen. «Denn der nordamerikanische Markt für diese Produkte wächst nur mit rund zwei Prozent pro Jahr», erklärt ZKB-Experte Frei.

Zudem ist die GE-Sparte nicht in Topform: 2016 wies sie einen Umsatz von 2,7 Milliarden Dollar aus, die operative Marge erreichte sechs Prozent. Mit einer Marge von 15 Prozent ist ABBs eigene Elektrifizierungssparte mehr als doppelt so profitabel. ABB räumte daher auch ein, dass der Zukauf die Gewinnmarge zunächst belasten wird. Dank Einsparungen von geplant 200 Millionen Dollar – etwa beim Einkauf – soll die Gewinnspanne im Jahr 2020 wieder im Zielband von 15 bis 19 Prozent liegen, verspricht Spiesshofer. «Hier steht einiges an Arbeit für ABB an», meint ZKB-Experte Frei.

Der Milliardenübernahme der GE-Sparte haftet indes der Beigeschmack der Vergangenheit an. Konkurrenten wie Siemens und GE investieren Milliarden, um im Bereich Software und Services zu den ganz Grossen zu zählen. Siemens zum Beispiel hat in den vergangenen zehn Jahren rund zehn Milliarden Dollar in die Übernahme diverser Software-Unternehmen gesteckt. Und GE will bis 2020 zu den zehn grössten Software-Herstellern der Welt gehören und baute im Silicon Valley dafür eine eigene Software-Schmiede.

Kritische Fragen

Vor diesem Hintergrund haben sich die Amerikaner von den klassischen Elektrifizierungsprodukten getrennt, die nun ABB kauft. Spiesshofer musste sich daher die Frage gefallen lassen, warum er ausgerechnet ein Geschäft kauft, das sein Konkurrent loswerden will. Der ABB-Chef entgegnete, dass der US-Markt für diese Produkte sehr attraktiv sei und ABB mehr aus dem Geschäft werde machen können.

Auch ABB investiert in Software: Im April kaufte der Konzern den österreichischen Spezialisten Bernecker & Rainer, der auf die Automatisierung und Steuerung von industrieller Fertigung, zum Beispiel Abfüllanlagen, spezialisiert ist. ABB betont daher, nunmehr die gesamte Bandbreite im Bereich Automatisierung abdecken zu können.

Doch noch sind Investoren offenbar nicht davon überzeugt, dass ABB zu den Gewinnern des Trends der «Industrie 4.0» zählen wird. Unter diesem Schlagwort wird die komplette Vernetzung und Digitalisierung der Industriefertigung verstanden. In diesem Geschäft winken höhere Margen, weil der Anteil an Service und Software höher ist als beim Verkauf von reiner Hardware, wie einer Schalteranlage.

Der Kauf des GE-Geschäfts hat aber auch positive Seiten: So hilft er ABB, im wichtigen US-Markt seine Stellung zu stärken. «ABB darf die Marke GE behalten und gewinnt an Vertriebspower, das ist enorm wichtig, um im schwierigen US-Markt zu punkten», sagt Vontobel-Analyst Spiliopoulos. Als besonders interessant gilt GEs Angebot von Lösungen für eine unterbrechungsfreie Stromversorgung für Data-Center. Aber um Begeisterung auszulösen, reicht das offenbar nicht aus. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2017, 16:28 Uhr

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