Pech und Pannen mit Megadeal

Die Abnahme des ABB-Milliardenprojekts Dolwin 2 ist über ein Jahr im Rückstand. Nun sorgen Probleme mit einem Starkstromkabel für Ärger.

Ein 22 000 Tonnen schwerer Koloss, der viele Sorgen macht: Dolwin 2 in der Nordsee. Foto: ABB

Ein 22 000 Tonnen schwerer Koloss, der viele Sorgen macht: Dolwin 2 in der Nordsee. Foto: ABB

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Es war der grösste Auftrag in der Geschichte der Division Stromübertragung. Für eine Milliarde Dollar sollte ABB als Generalunternehmer einen 22'000 Tonnen schweren, gelben Stahlkoloss mit sechs Standbeinen liefern, der den von 150 Windrädern produzierten Wechselstrom in der Nordsee in Gleichstrom umwandelt – und über armdicke Hochspannungskabel bis zu 900 Megawatt Leistung 135 Kilometer weit durchs Wattenmeer nach Norddeutschland hinein transportiert.

Der Auftrag kam 2011, vier Jahre sollte der Bau dauern. Mitte letzten Jahres war die Abnahme der Anlage geplant, bestätigt der deutsche Stromnetzbetreiber Tennet, der Besteller der Anlage, auf Anfrage. Diese soll im Endausbau über eine Million Haushalte mit Windstrom versorgen. Das Megaprojekt Dolwin 2 sollte für ABB die Krönung einer Reihe von Grossaufträgen zur Anbindung von Windparks in der Nordsee ans Festland werden. Stattdessen folgte eine Serie aus Pech und Pannen.

Am 12. Februar, also mit über einem halben Jahr Verspätung, wurde die Anlage zu Testzwecken angefahren und fiel mehrfach aus. Nach fünf «ungeplanten, automatischen Abschaltungen der Netzanbindung» hatte Tennet genug und schaltete das System ab. ABB wurde «aufgefordert, die Mängel zu beheben». Tennet vermutet die Ursache der Ausfälle in dem von ABB produzierten Kabelsystem und will geklärt haben, «ob ein Einzelfall oder ein systemischer Materialfehler vorliegt». Das könne indes dauern, da eine «zeitlich und technisch aufwendige Ursachensuche» nötig sei.

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Inzwischen ist ABB mit der Übergabe einer fehlerfrei funktionierenden Anlage über ein Jahr im Rückstand. Eine fehlerhafte Kabelstelle an Land hat ABB repariert und überprüft eine «defekte Kabelkomponente», die laut Tennet die ersten Abschaltungen verursachte. «Wir schauen uns das Thema Kabelkomponente an, eine detaillierte Untersuchung der Grundursache ist in Arbeit», sagte eine Sprecherin von ABB. Der Konzern betont die «inhärent komplexe Natur» von Offshore-Windprojekten und das mit Spitzentechnologie verbundene «Element der Unsicherheit». Anfang Juli wurde die Anlage für Tests erneut angefahren. Es geht laut ABB nun darum, «die Art und das Ausmass der notwendigen Reparaturarbeiten zu eruieren».

Das braucht Zeit. «Die Fehlersuche konzentriert sich auf den Landkabelbereich», sagt ein Sprecher von Tennet: «Wir können daher nicht ausschliessen, dass es im Rahmen der Reparaturarbeiten von ABB zu weiteren Grabungen an Kabelverlaufsstellen kommen könnte.» ABB sagt dazu bloss, man «arbeite unter Hochdruck an den Reparaturarbeiten» und mache «gute Fortschritte».

Die Kosten für die Ausbesserungen «müssten von ABB getragen werden», so Tennet. Die aus heutiger Sicht notwendigen «zusätzlichen Projektkosten» sind laut ABB im Ergebnis für das zweite Quartal enthalten. Wann die Anlage den regulären Betrieb aufnehmen kann, bleibt offen. «Wir arbeiten punkto Zeitplan eng mit dem Kunden Tennet zusammen, um den Gesamtplan unter Dach und Fach zu bringen», sagt ABB.

Schwer wie 15'000 Autos

Im schlimmsten Fall dauert es wieder Monate, bis Dolwin 2 abgenommen ist. Die Vorbereitung der Abnahme könne erst nach Abschluss der Nacharbeiten beginnen, betont Tennet. Als betriebsfertig will der ABB-Kunde die Anlage erst akzeptieren, wenn anschliessend die Netzanbindung während 28 Tagen ohne Unterbruch funktioniert hat.

Das Megaprojekt war zuvor schon mit Pannen belastet. Der für ABB in ­Dubai gebaute gelbe Riese wurde termingerecht nach Norwegen geschleppt. Dort stellten ABB-Ingenieure fest, dass ein Teil der Technik falsch verkabelt worden war, vieles musste neu verkabelt werden. Die leistungsstärkste Konverterplattform der Welt – so hoch wie der Turm des Big Ben, so gross wie ein Fussballfeld und schwer wie 15 000 Autos – konnte erst mit Verspätung im August 2015 zu den Windparks in der Nordsee geschleppt werden. Danach funktionierte die Kühlung mit Seewasser nicht richtig, berichtete Radio DRS.

Schon die 2009 fertiggestellte Pionierplattform Borwin 1 sorgte für Ärger. Jahrelang zankten ABB und der Besteller Tennet sich um die Abnahme. Einmal brannte es in der Konverterplattform in der Nordsee, dann wieder fiel die Anlage aus, die Windräder drehten ins Leere. Die Ursachenforschung kam nicht vom Fleck. Den zweiten Grossauftrag für eine Konverterplattform in der Nordsee plus Starkstromkabel bis an Land, Dolwin 1, sollte nach Angaben von ABB «den kommerziellen Betrieb im 2013» aufnehmen. Das Projekt verzögerte sich erheblich, die Übergabe fand im Juli 2015 statt.

Schon 2009 gab es bei der Pionierplattform Borwin 1 sehr viel Ärger und Zank zwischen ABB und Tennet.

Ulrich Spiesshofer, der 2013 Chef von ABB wurde, hatte bald genug davon, die Suppe auszulöffeln, die ihm der Vorgänger Joe Hogan mit solchen Megaprojekten eingebrockt hatte. Spiesshofer liess die für die Probleme verantwortliche Sparte Energietechniksysteme, die jahrelang rote Zahlen schrieb, restrukturieren. 2013 wechselte der Chef der Sparte, deren «finanziellen Turnaround» erreichte ABB aber erst 2015.

Die Risiken eines Generalunternehmers will ABB bei derart grossen, komplexen Stromprojekten jedenfalls nicht mehr stemmen, sondern dafür künftig Partner suchen. Kein Wunder, hat doch ABB laut Berechnungen des «Manager-Magazins» vom Februar 2015 allein für die erwähnten drei Megadeals in der Nordsee innert zwei Jahren 460 Millionen Dollar Zusatzaufwand verbucht. Darin sind seither angefallene und künftige Zusatzaufwände noch nicht enthalten.

Erstellt: 29.07.2016, 22:54 Uhr

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