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ABB-Frau unter Spionageverdacht

Der Industriekonzern wirft einer Ex-Mitarbeiterin wirtschaftlichen Nachrichtendienst vor. Die Entlassene bestreitet die Vorwürfe.

Hightech in der ABB: Ein Spezialist bei der Arbeit in der Halbleiterproduktion. Foto: Urs Flüeler (Keystone)
Hightech in der ABB: Ein Spezialist bei der Arbeit in der Halbleiterproduktion. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Gab es bei einem Schweizer Grossunternehmen einen Diebstahl von Geschäftsgeheimnissen? Oder geht es nur um leichtsinniges Weiterleiten von Informationen vom Arbeitsplatz an einen Freund, von dem man sich einen guten Rat erhoffte? Gravierend oder eher harmlos? Diese Frage beschäftigt die Bundesanwaltschaft (BA) seit Monaten. Doch publik geworden ist der Fall mutmasslicher Wirtschaftsspionage bislang nicht – obwohl er sich um einen der wichtigsten Industriekonzerne der Schweiz dreht.

Bereits am 20. Januar 2017 hatte ABB Strafanzeige eingereicht. Der Verdacht des Konzerns: wirtschaftlicher Nachrichtendienst und Verletzung des Geschäftsgeheimnisses. ABB nannte der BA eine Verdächtige: eine Angestellte mittleren Alters in eher tiefer Funktion. Die Frau aus Osteuropa, im Aargau ­verheiratet, soll vertrauliche Daten einem Komplizen in Deutschland ver­raten haben.

Sprengstoffspezialist ermittelt

Bei der BA landete der Fall auf dem Pult des Sprengstoffspezialisten: bei Hansjörg Stadler von der Staatsschutzabteilung, die auch den illegalen Nachrichtendienst bekämpft. Staatsanwalt Stadler selber beschäftigt sich seit Jahren vor allem mit gefährlichen Gegenständen, die detonieren. Das Spektrum reicht von Chaoten, die im grossen Stil im Fussballstadion mit Knallern hantieren, bis zu Terroristen. Diese Woche hat Stadler beispielsweise erreicht, dass das Bundesstrafgericht einen Mann zehn Jahre ins Gefängnis schickt, weil er eine Paketbombe auf die Zürcher Redaktion einer kosovarischen Zeitung versandt hatte.

Doch der ABB-Fall könnte sich als weniger explosiv entpuppen als ursprünglich angenommen. Gesicherte Erkenntnisse zum Stand gibt es zwar wenige. Die BA bestätigt einzig, dass sie ein Strafverfahren führt und dass – wie immer – die Unschuldsvermutung gelte.

Ein anonymisierter Beschwerdeentscheid des Bundesstrafgerichts macht darüber hinaus deutlich, dass Staatsanwalt Stadler den Fall zu Beginn sehr ernst nahm. Er liess die ABB-Mitarbeiterin am 27. März verhaften. Die Aargauer Wohnung der Beschuldigten wurde durchsucht. Wirtschaftsermittler beschlagnahmten Daten, vorab elektronische. Nach einer ersten Einvernahme beantragte die BA drei Monate Untersuchungshaft. Das Berner Zwangsmassnahmengericht hiess den Antrag gut.

Der Vorwurf sei falsch

Es kam zu einer zweiten Befragung. Die Verdächtige bestritt die Anschuldigungen. Ihre Verteidigerin, die Zürcher Anwältin Tanja Knodel, ist überzeugt: «Der Vorwurf des wirtschaftlichen Nachrichtendiensts ist falsch.»

Das Verfahren wurde trotzdem schnell auf einen mutmasslichen Komplizen ausgedehnt. Dem Bekannten der Beschuldigten aus Deutschland wurde freies Geleit versprochen. So konnte er zur Einvernahme in die Schweiz reisen, ohne fürchten zu müssen, ebenfalls verhaftet zu werden. Auch ihm wird wirtschaftlicher Nachrichtendienst vorgeworfen. Nachgewiesen werden konnte, dass der Mann aus Deutschland von der ABB-Angestellten Informationen aus dem Unternehmen erhielt. Gemäss mehreren Quellen ist es aber unklar, ob die Daten zu jemandem gelangten, der sie hätte missbrauchen können. Ferner ist bisher nicht bekannt, welche Informationen abgeflossen sind. Laut Informationen von Redaktion Tamedia geht es aber nicht um Pläne oder konkrete Projekte, die für Konkurrenten von grossem Interesse sein könnten.

ABB wollte sich zu dieser Frage und zum potenziellen Schaden nicht äussern. Der Konzern entliess die Beschuldigte trotzdem fristlos. Aus der Untersuchungshaft kam die Frau aber nach zwei der angeordneten drei Monate frei. Im Sommer musste sie sich wöchentlich bei der Aargauer Kantonspolizei melden. Mittlerweile ist diese Auflage hinfällig geworden.

Beschuldigte erhob Vorwürfe

Selbst wenn sich der Vorwurf der Wirtschaftsspionage nicht erhärten lässt, droht der Entlassenen eine Bestrafung wegen Verletzung von Geschäftsgeheimnissen. Am Anfang ihres Strafverfahrens stand – wie oft bei Fällen von mutmasslichem Datendiebstahl in Unternehmen – ein Konflikt am Arbeitsplatz. Er wird bis heute auch zivilrechtlich ausgetragen. Die ABB-Mitarbeiterin selber hatte ursprünglich intern Anschuldigungen gegen andere Angestellte erhoben. Diese Vorwürfe – so schreibt die ABB – hätten in einer «umfassenden Untersuchung» nicht nachgewiesen werden können. Dabei seien aber Fragen zum Verhalten der nun Entlassenen aufgetaucht, was zur Strafanzeige geführt habe.

Die Beschuldigte brachte sich also selbst ins Visier der Sprengstoffexperten der BA. Es bleibt die Frage: Ist der Fall hochexplosiv oder ein Blindgänger?

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