Mit der CS-Aktie verspekuliert

Warum das Papier der Credit Suisse an der Börse derart absackt und wie das den Druck auf den CEO erhöht.

Steht vor der Frage, wie er dem Kursrutsch begegnen soll: CS-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner (rechts) mit Konzernchef Tidjane Thiam. (19. November 2015)

Steht vor der Frage, wie er dem Kursrutsch begegnen soll: CS-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner (rechts) mit Konzernchef Tidjane Thiam. (19. November 2015) Bild: Keystone

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Die CS-Aktie näherte sich heute Mittag rasch der 10-Franken-Grenze. Diese wurde von Beobachtern schon vor ein paar Wochen als jener Punkt genannt, an dem der Verwaltungsrat des Finanzmultis intervenieren würde. Möglich wäre ein nochmaliger Chefwechsel, da Tidjane Thiam nach nur einjähriger Regentschaft bereits spürbar angeschlagen ist. Die massiven Kursverluste deuten auf ein rasch wachsendes Misstrauen der Investoren gegenüber Thiam und seiner Strategie hin.

Die Credit Suisse wollte eine Anfrage zum erneuten Kurszerfall und einer möglichen Reaktion des Verwaltungsrats nicht kommentieren. Ein Zürcher Banker mit engen Beziehungen zum Londoner Finanzplatz meinte, dass hinter dem Kurszerfall eine Fehlspekulation grosser angelsächsischer Investoren stecke. Diese hätten mehrmonatige Put-Optionen veräussert. Die Empfänger dieser Optionen bezahlten eine Prämie für das Recht, den Investoren die Aktie zu einem Preis zwischen 10 und 17 Franken zu verkaufen. Die Rede ist von Laufzeiten bis September.

Abgesackt: Der Börsenkurs der CS in den letzten Handelstagen.

Nun stünden die Investoren – darunter zwei grosse Investmentbanken – mit grossen Positionen im Regen. Weil die CS-Aktie nach dem Brexit von letzter Woche bereits am Freitag rund 14 Prozent und heute bis 13 Uhr zeitweise gegen 10 Prozent verloren hatte, mussten diese Profis die angebotenen Titel zu einem überhöhten Preis erwerben und sie sodann rasch im Markt weiterverkaufen. «Das hat zu einem massiven Verkaufsdruck auf den Titeln geführt», sagt die Quelle.

Bei 10 Franken kein Halten mehr

Ein zweiter Gesprächspartner meinte, dass die CS-Aktie um 10 Franken herum Boden finden sollte. Doch der Brexit habe eine neue Ausgangslage für viele Grossbanken geschaffen, sodass nun diese Grenze bei der CS durchbrochen werden könnte. Danach gebe es vorerst kein Halten mehr.

Ebenfalls stark unter die Räder gerieten die Titel der Deutschen Bank, die wie die CS lange am schwierig gewordenen Zinsgeschäft festgehalten hatte, sowie jene der Uni Credit. Die italienische Bank wird von traditionell grossen Kreditpositionen in Osteuropa sowie einer Führungskrise zusätzlich belastet. In der Schweiz mussten auch die UBS und Julius Bär an der Börse Federn lassen, allerdings weniger stark als die CS. Bei dieser zeigten sich Analysten besonders skeptisch. Die US-Bank J. P. Morgan stufte die CS-Titel von «neutral» auf «untergewichten» herunter, andere senkten das Kursziel.

Problematisch sind die immer noch riesigen und zum Teil steigenden Positionen in der CS-Bilanz, deren Werthaltigkeit von aussen schwer zu beurteilen ist. Die CS hat 2015 ihre Investments in Staatsobligationen von 77 Milliarden auf 88,2 Milliarden Franken erhöht. Ebenfalls ausgeweitet hat sie den Bestand an Engagements in ausgewählten Ländern des Euroraums, darunter viele in Süd- und Osteuropa. Diese Positionen stiegen im letzten Jahr um rund eine Milliarde auf 18,7 Milliarden Franken. Bei der UBS sanken die Engagements in Euroländern von 22,2 auf 21,3 Milliarden Franken.

Besonders undurchsichtig sind sogenannte Level-3-Papiere. Dabei handelt es sich um Investments, deren Wert schwer einzuschätzen ist, weil sie weder einen Kurs haben noch andere klare Indikatoren dafür. Vielmehr müssen bei diesen Positionen Annahmen getroffen werden, die von internen Spezialisten stammen. Dass solche riskanten Papiere in einer Krise zum Problem werden können, erlebte die UBS vor acht Jahren mit ihren Dutzenden von Milliarden Supbrime-Investments im US-Hypothekenmarkt.

Die CS wies letztes Jahr 35,7 Milliarden Franken an Level-3-Investments aus. Das waren zwar rund 4 Milliarden weniger als im Vorjahr. Doch im Vergleich zur UBS waren es immer noch sehr viel. Diese hatte nämlich «nur» 9 Milliarden in ihren Büchern, und der Abbau verlief bei ihr deutlich schneller.

Interne Kandidaten stehen bereit

Der Verwaltungsrat der CS unter Führung von Präsident Urs Rohner steht vor der Frage, wie er dem anhaltenden Kursrutsch begegnen will. Bei der UBS reagierte das oberste Lenkungsgremium scharf, als die Aktie Anfang 2009 unter 10 Franken gefallen war. Oswald Grübel, der bis 2007 die CS geleitet hatte, übernahm den Chefposten, während Alt-Finanzminister Kaspar Villiger Peter Kurer, der zur alten Garde gehörte, auf dem Präsidiumsstuhl der UBS ablöste.

Bei der CS würde ein Präsidentenwechsel wohl mehrere Monate in Anspruch nehmen. Ein neuer Chef könnte hingegen sofort die operative Führung übernehmen. Er würde Thiams Set-up mit einem Mix aus geografischen Bereichen und divisionalem Investmentbanking vermutlich überarbeiten oder sogar rückgängig machen. Ebenfalls könnte der Nachfolger den Börsengang der CS Schweiz stoppen, weil er allenfalls nicht daran interessiert wäre, den Kern der Bank zu veräussern.

Wer das Steuer übernehmen könnte, ist schwer zu sagen. Intern würde Finanzchef David Mathers bereitstehen, der seit Jahren die Zahlen und weite Teile des Backoffice verantwortet und das Vertrauen der Investoren geniesst. Ebenfalls könnte der VR Gael de Boissard zurückholen, der aus London heraus das grosse CS-Zinsgeschäft geleitet hatte, bis er letzten Oktober von Thiam abgesetzt wurde. Von aussen kämen Jürg Zeltner und Ulrich Körner von der UBS infrage oder dann die Nummer 2 von einer der grossen englischen Banken wie Barclays, HSBC oder Standard Chartered.

Erstellt: 28.06.2016, 08:03 Uhr

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