Affäre Vincenz: Raiffeisen-Präsident steht vor Abgang

Noch am Wochenende wies Johannes Rüegg-Stürm Rücktrittsüberlegungen von sich. Nun kommt es doch anders.

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Er wolle nochmals kandidieren, um bis 2020 als Präsident von Raiffeisen zu amten. Es sei seine Aufgabe, sich die Unterstützung der Delegierten durch «eine überzeugende Arbeit» zu sichern, sagte er der «NZZ am Sonntag».

Es folgte ein Umdenken, wie Recherchen dieser Zeitung zeigen. Rüegg-Stürm steht vor dem Abgang; er wird an der Delegiertenversammlung vom 16. Juni in Lugano nicht mehr kandidieren, wie mehrere Quellen übereinstimmend sagen. Grund ist die Verhaftung von Pierin Vincenz am Dienstag vor einer Woche. Gegen den langjährigen Raiffeisen-Chef und vier seiner Geschäftspartner laufen Ermittlungen wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung im Umfeld der Bank. Die mutmassliche Deliktsumme beläuft sich auf Millionen; Vincenz hat die Vorwürfe stets vehement bestritten.

Intensive Debatten

Seit der Festnahme von Vincenz stehen Präsident Stürm-Rüegg und CEO Patrik Gisel, die beiden mächtigsten Männer der drittgrössten Bankgruppe der Schweiz, unter massivem Druck. Der mutmasslichen Deliktszeitraum und ihre Führungsrollen überschneiden sich. Die Bank wird nun mit Kritik eingedeckt, von Öffentlichkeit und Politik; dazu kommt, dass seit letztem Jahr ein Verfahren der Finma wegen Corporate-Governance-Mängeln bei der Raiffeisen läuft.

Video: «Ich bin erschüttert»

Raiffeisen-Chef Patrik Gisel äussert sich zur Strafanzeige gegen Pierin Vincenz. (Video: Lea Koch, 2. März 2018)

Die Bank äussert sich auf Anfrage nicht zu der Personalie. Und Johannes Rüegg-Stürm war für diese Zeitung gestern nicht erreichbar. Mitglieder des Raiffeisen-Verwaltungsrats führten zu Beginn dieser Woche intensive Diskussionen. Offenbar besteht die Absicht, Rüegg-Stürms Verzicht noch diese Woche öffentlich bekannt zu geben. Mitgespielt haben dürfte die Überlegung, dass in naher Zukunft ein Präsident mit einem 100-Prozent-Pensum gefragt ist – Johannes Rüegg-Stürm füllte das Amt mit einem 50-Prozent-Pensum aus, weil er gleichzeitig als Professor bei der HSG angestellt ist. Er deutete im Interview am Sonntag selbst an, dass ein späterer Nachfolger womöglich Vollzeit für die Bank arbeiten würde.

Staatsanwälte durchleuchten Investnet

Der Abgang könnte bewirken, dass der Druck auf Patrik Gisel etwas abnimmt. Der CEO war bei den aufgedeckten Vincenz-Transaktionen zum Teil nahe dran. Beim Vehikel Investnet, das nun Staatsanwälte durchleuchten, amtierte Gisel zeitweise als Präsident des Verwaltungsrats. Sowohl Gisel wie auch Rüegg-Stürm argumentieren, sie seien getäuscht worden, und hätten erst am Tag von Vincenz’ Verhaftung das wahre Ausmass von dessen Privatgeschäften erfahren.

Mehrfach erhoben Spezialisten den Vorwurf an die Adresse des Verwaltungsrats und an Rüegg-Stürm, kein ausreichendes Gegengewicht zur starken Figur Pierin Vincenz gebildet zu haben. Der Gegensatz war offensichtlich: Hier der streitbare Banker Vincenz, der sich öffentlich als bodenständiger Bergler inszenierte, dort der zurückhaltende Professor, der öffentlich nur selten auftrat. Der 56-Jährige amtet an der Hochschule St. Gallen als Direktor des Instituts für ­Systemisches Management und ­Public Governance. Die Delegierten von Raiffeisen Schweiz wählten ihn 2008 in den Verwaltungsrat, als Präsident amtet er seit 2011.

Übergangslösung angedacht

In Rüegg-Stürms Amtszeit fällt ein enormes Wachstum der Bankengruppe, die Bilanzsumme vergrösserte sich von 2008 bis 2017 von 132 auf 228 Milliarden Franken. Während die Umsätze stiegen, gärten aber Governance-Probleme. So war bereits vor Weihnachten 2008 ein erster Artikel erschienen, der thematisierte, dass Pierin Vincenz’ Ehefrau Nadja Ceregato als Leiterin des Rechtsdienstes eine Kaderposition bekleidete, die zu Interessenkonflikten führen kann. Die Rolle Ceregatos führte danach zu einem steten Fluss von Kritik. Rüegg-Stürm sagte an diesem Wochenende: «Rückblickend betrachtet war das eine unglückliche Situation».

Raiffeisen selbst liess die eigenen Corporate-Governance-Regeln von Anwälten durchleuchten. Nachdem die Finma ein Enforcement-Verfahren eingeleitet hatte, trat Rüegg-Stürm Ende 2017 in allen Fragen rund um die Untersuchung der Finma in den Ausstand. Stattdessen wurde Pascal Gantenbein als sogenannten Independent Lead Director eingesetzt. Gantenbein ist Professor für Finanzmanagement an der Uni Basel. Er kam im Juni 2017 in den Raiffeisen-Verwaltungsrat; er sollte als Lead Director grösstmögliche Unabhängigkeit sicherstellen. Eine Option ist nun offenbar, dass Gantenbein übergangsweise als Raiffeisen-Präsident wirkt. Das hängt davon ab, wann genau Rüegg-Stürm sein Amt niederlegt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.03.2018, 22:01 Uhr

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