Erste europäische Airline wiegt ihre Passagiere

Was das für Fluggäste und Ticketpreise bedeutet.

Finnair will wissen, wie schwer ihre Kunden sind: Flughafen in Helsinki.

Finnair will wissen, wie schwer ihre Kunden sind: Flughafen in Helsinki. Bild: Lehtikuva

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Künftig könnten sich Flugpassagiere zweimal überlegen, ob sie sich vor Abflug ein dickes Sandwich im Café genehmigen: Finnair bittet als erste europäische Airline ihre Passagiere vor Abflug auf die Waage. Dabei ginge es nicht darum, die Kunden zu schikanieren, so das Unternehmen. Man wolle vielmehr Daten zum durchschnittlichen Gewicht von Reisenden und Handgepäck sammeln. So sollen Kerosinverbrauch und Beladung optimiert werden.

Aus diesem Grund dürfen Kunden auch mit ihrem Gepäckstück auf die Waage: So sollen Rückschlüsse auf das persönliche Körpergewicht verhindert werden. Dennoch wird diese Rechnung leichtfallen: «Airlines wissen, was das Handgepäck wiegt, aber nicht, wie schwer der Passagier ist», sagt Finnair-Kommunikationschefin Päivyt Tallqvist zu BBC. Zieht man also das Handgepäck ab, bleibt das Körpergewicht.

Männer in erster Klasse wiegen mehr

Kunden sollen zu verschiedenen Jahreszeiten gewogen werden: Schliesslich schlagen Winterjacken und Stiefel schwerer zu Buche als Flipflops und Shorts. Grund für die Datensammlung ist, dass Finnair – wie viele andere Airlines – bislang mit Gewichtsdaten der European Aviation Safety Agency (Easa) arbeitet. Diese Angaben sind zum einen nicht mehr ganz aktuell und zum anderen nicht auf die Kundschaft einzelner Fluggesellschaften zugeschnitten.

Die Easa rechnet etwa mit einem durchschnittlichen Gewicht männlicher Passagiere von 84,6 Kilogramm, Frauen bringen es auf 66,5 Kilogramm. Da die Weltbevölkerung aber immer schwerer wird, dürfte das auch den Luftverkehr zunehmend belasten. Hinzu kommt, dass viele Angaben der Behörde stark variieren: Männer wiegen in der ersten Klasse mehr als jene in der Economyclass, bei Frauen ist das Gegenteil der Fall. Männer schleppen laut Easa zudem oft schweres Gepäck mit sich herum.

Swiss: Verwenden Industriestandards

Finnair ist nicht die erste Airline, die ein Auge auf die Körperfülle ihrer Kunden wirft. Die US-Gesellschaft Hawaiian Airlines hatte im letzten Jahr damit begonnen, Kunden auf den Routen von und nach Samoa zu wiegen. Man wolle neben der Sprit-Planung auch das Gewicht in der Kabine besser tarieren, hiess es.

Schweizer Kunden müssen vorerst wohl nicht mit einer Gewichtskontrolle vor Abflug rechnen. Bei der Swiss sind solche Erhebungen nicht geplant: «Wir verwenden die Industriestandards, die durch die Easa vorgegeben sind», sagt Sprecherin Meike Fuhlrott. Sollte allerdings eine «grössere Gruppe mit abweichender Physis mit signifikantem Einfluss auf das Gesamtgewicht eintreffen», verfüge die Swiss über ein entsprechendes Verfahren. So könnte etwa Fracht oder Gepäck zurückgelassen werden. Vorgekommen sei dies noch nicht.

Leichteres Geschirr

Für Airlines ist die Planung des Gewichts und des benötigten Treibstoffs dennoch wichtig. Fluggesellschaften stehen unter enormem Preisdruck – zuletzt musste Air Berlin Insolvenz anmelden, Alitalia ist pleite, und auch die Schweizer Airline Skywork entkam nur knapp dem Grounding. Nur: Kann durch weniger Gewicht an Bord wirklich genug gespart werden?

«Für Fluggesellschaften ist das eine gute Möglichkeit, Kosten zu drücken», sagt «Tages-Anzeiger»-Luftfahrtexperte Stefan Eiselin. «Airlines optimieren an allen Enden: Nicht nur werden die Flugzeuge selbst immer leichter. Auch das Geschirr ist heutzutage leichter, Sitze werden immer mehr optimiert.» Die Fluggäste einzubeziehen, ergibt also Sinn.

Teurere Tickets für dickere Kunden

Umstritten ist bei der Gewichtsdebatte auch die Frage, ob Airlines künftig die Ticketpreise dem Gewicht anpassen könnten. Einen ersten solchen Fall gibt es bereits – im pazifischen Inselstaat Samoa. Samoa Air schickt seine Kunden seit 2013 auf die Waage, dickere und grössere Passagiere zahlen mehr.

Bei Finnair soll dies nicht der Fall sein. Auch bei der Swiss ist eine Kopplung der Ticketpreise an das Körpergewicht kein Thema. Eine solche Verbindung ist für Aviatikexperte Eiselin ohnehin problematisch: «Nach dem Gewicht bezahlen zu müssen, ist diskriminierend.»

Erstellt: 03.11.2017, 11:48 Uhr

Artikel zum Thema

Fluggesellschaften in Turbulenzen

Die Berner Skywork hat den Betrieb eingestellt. Der Verkauf der Belair ist geplatzt. Dafür hat Easyjet im Ringen um Slots in Berlin-Tegel noch den Durchbruch geschafft. Mehr...

Entschädigung für Frustflug – Airlines im Vergleich

Recht & Konsum Verspätet oder abgesagt, dafür gibt es Geld. Wer sperrt? Wir haben bei Inkassofirmen nachgefragt. «Zeitschinderin» heisst es zur Swiss. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...