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Aktionäre richten über König der Wallstreet

Jamie Dimon galt bis vor Kurzem als Verkörperung des redlichen Bankers. Mehrere Ereignisse machten den J.-P.-Morgan-Chase-Chef zum Buhmann der Wallstreet. Morgen richten die Aktionäre über seine Zukunft.

Hat viele Freunde und ebenso viele Feinde: Jamie Dimon. (Archivbild)
Hat viele Freunde und ebenso viele Feinde: Jamie Dimon. (Archivbild)
AFP

An diesem Dienstag könnte sich das Schicksal des erfolgreichsten und gleichzeitig wohl umstrittensten Bankchefs der USA entscheiden: Jamie Dimon von J. P. Morgan Chase. Auf der Hauptversammlung wollen Aktionäre seine Macht beschneiden. Die Wall Street hält den Atem an.

Eigentlich sind Hauptversammlungen in den USA fade Veranstaltungen. Aktionäre geben dem Management bei diesen Treffen einmal jährlich ihren Segen. Alles reine Formsache. Nicht so jedoch an diesem Dienstag bei der grössten US-Bank J. P. Morgan Chase.

Heikle Doppelfunktion

Mehrere Investmentfonds wollen die Macht von Bankchef Jamie Dimon beschneiden, dem ungekrönten «König der Wallstreet». Der Vorschlag Nummer sechs auf der Tagesordnung erregt die Gemüter in der Finanzszene seit Wochen: Trennung der Ämter von Firmenchef und Verwaltungsratsvorsitzenden. Dimon ist seit dem Jahr 2006 beides: der Lenker der Bank und der oberste Kontrolleur. Letzteren Posten soll der 57-Jährige nun verlieren, wenn es nach den rebellischen Aktionären geht.

Obgleich die anstehende Abstimmung nicht bindend ist, hätte sie eine Signalwirkung. Laut «Wall Street Journal» hat Dimon bereits die Möglichkeit seines Rücktritts ins Spiel gebracht, wenn die Mehrheit der Anteilseigner gegen ihn votieren sollte. Es wäre das jähe Ende einer glanzvollen Karriere.

Schadlos durch die Krise geführt

Dimon hatte J. P. Morgan ohne ein einziges Verlustquartal durch die Finanzkrise gesteuert, strauchelnde Rivalen geschluckt und die Bank damit zum Primus an der Wallstreet gemacht.

Noch bis Anfang letzten Jahres schien Dimon unangreifbar: Die Politik in Washington liebte ihn, weil J. P. Morgan sich als Stütze der US-Wirtschaft in einer schweren Zeit erwiesen hatte. Die Aktionäre liebten ihn, weil die Gewinne immer neue Höhen erreichten. Und auch die Medien waren ihm zugetan, denn er galt als die Verkörperung des redlichen Bankers - vielleicht etwas hochnäsig, aber ehrlich und fähig.

Doch seit dem 10. Mai 2012 ist die Stimmung gekippt. Dimon musste einräumen, dass Händler seiner Bank mit Finanzmarktgeschäften einen Spekulationsverlust von letztlich rund 6 Milliarden Dollar eingefahren haben.

Mehrere hochrangige Manager flogen, Dimon blieb. Weitere Vorwürfe und Verdächtigungen gegen J. P. Morgan Chase kamen hinzu: Manipulation von Referenzzinssätzen wie dem Libor, Betrügereien auf dem US-Energiemarkt, Schikane von säumigen Schuldnern oder Mitwisserschaft beim Milliardenbetrug des verurteilten Bernard Madoff, dessen Hausbank J. P. Morgan Chase war.

Keine Beweise

Bewiesen ist nichts, doch zahlreiche US-Behörden ermitteln gegen die Bank. Schon bei der Hauptversammlung 2012 verlangten Aktionäre, dass Dimon den Posten des Verwaltungsratsvorsitzenden abgeben solle. Doch das Ansinnen erhielt keine Mehrheit.

Nun hat unter anderem der Pensionsfonds der Stadt New York den Punkt erneut auf die Tagesordnung setzen lassen. Das Argument: Einzig ein Verwaltungsrat mit einem unabhängigen Vorsitzenden könne das Management ausreichend kontrollieren. Unterstützung bekommen die Rebellen von den einflussreichen Aktionärsberatungen ISS und Glass Lewis.

Prominente Fürsprecher

Doch Dimon hat prominente Fürsprecher. «Ich stehe hundertprozentig zu Jamie», sagte Starinvestor Warren Buffett dem Wirtschaftssender Bloomberg TV. Der Chef des IT-Konzerns Cisco, John Chambers, meinte: «Jamie ist ein grossartiger Firmenchef ... der beste in der Branche.» Und der bekannte «New York Times«-Autor Andrew Ross Sorkin schrieb in einer Kolumne, es sei ein «unbestreitbarer Fakt, dass J. P. Morgan unter der Führung von Jamie Dimon weiterhin eine der erfolgreichsten Banken an der Wallstreet ist».

In der Tat: Alleine im ersten Quartal scheffelte die Bank unterm Strich einen Gewinn von 6,5 Milliarden Dollar. Ein neuer Rekord. Kein heimischer Konkurrent ist so stark wie J. P. Morgan mit seinem landesweiten Privatkunden-Geschäft und seinem Investmentbanking. Und auch international spielt das New Yorker Institut ganz vorne mit.

Lernen von einem anderen Buhmann

Doch die Angriffe scheinen Dimon mitzunehmen. Nach Informationen der «New York Times» hat er sich sogar schon Rat bei einem seiner ärgsten Konkurrenten an der Wall Street geholt: Lloyd Blankfein, Chef der Investmentbank Goldman Sachs. Der war kurz nach der Finanzkrise der Buhmann der Branche. Der Sturm werde vorüberziehen, soll Blankfein ihm gesagt haben. Am Dienstag wird Dimon wissen, wie stark der Wind wirklich weht.

(SDA)

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