So knapp entging die Schweiz einem Blackout

Ohne eine Notfallübung wären am Montag in der Schweiz die Lichter ausgegangen. Das könnte bald öfter drohen.

Dreieinhalb Stunden musste Swissgrid bangen, ehe das Problem gelöst war. Foto: Keystone

Dreieinhalb Stunden musste Swissgrid bangen, ehe das Problem gelöst war. Foto: Keystone

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Am Montag um 8 Uhr wurde es knapp. Die Schweiz war plötzlich mit deutlich erhöhten Stromflüssen an ihrer Nordgrenze konfrontiert. Die Folge: Das Netz drohte zu überlasten. Die Schweizer Netzgesellschaft Swissgrid rief Alarmstufe Rot aus – die letzte Stufe, bevor es zum sogenannten Lastabwurf, also zum Blackout, kommt.

Läuft alles normal, planen die Netzgesellschaften Tage im Voraus, wie sie die Stromflüsse über das europäische Netz verteilen: wo die Stromproduktion gedrosselt und wo hochgefahren werden muss, um das Netz stabil zu halten. Am Montag aber sei der Stromfluss im Vorfeld nicht sichtbar gewesen und habe zu einer hohen Belastung der Anlagen in der Schweiz geführt, sagt ein Swissgrid-Sprecher.

Ein Blackout verhindert

Dreieinhalb Stunden musste Swissgrid bangen, ehe das Problem gelöst war. Die Verantwortlichen prüften mehrere Möglichkeiten und leiteten am Ende eine sogenannte Redispatch-Massnahme mit deutschen Übertragungsnetzbetreibern ein.

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Ein Blackout konnte so verhindert werden. Ein Lastabwurf sei in keinem Moment in Betracht gezogen worden, heisst es bei Swissgrid. Es seien genügend andere Optionen zur Lösung des Problems zur Verfügung gestanden. Fest steht aber auch: «Es handelte sich um ein seltenes, aber ernst zu nehmendes Problem», sagt der Sprecher.

«Es war sehr, sehr eng»

In den Worten von Klaus-Dieter Borchardt, Direktor des Bereichs Energiebinnenmarkt in der Generaldirektion Energie der EU-Kommission, war es am Montag «sehr, sehr eng». Er habe noch nie gehört, dass innerhalb so kurzer Zeit eine so grosse Menge Strom, nämlich 4 Gigawatt, an einen Ort fliesse.

Diese «aussergewöhnliche ­Situation» sollte zu denken geben, sagte Borchardt weiter. Er habe eine Untersuchung veranlasst. Noch sei unklar, warum es zu diesem Notfall gekommen sei, heisst es bei Swissgrid.

Eine Überlastung mit Blackout in der Schweiz würde ­zuerst Italien und Frankreich treffen.

Die Netzgesellschaft kämpft zurzeit an vorderster Front für ein Stromabkommen mit der EU. Bedingung dafür ist aber das Rahmen­abkommen. Und ob und vor allem wann ein solches in Kraft treten wird, ist weiterhin offen. Laut dem Sprecher würde Swissgrid mit einem Stromabkommen in den Modellen zur Lastflussberechnung und Kapazitätsvergabe der europäischen Partner berücksichtigt und hätte bessere Kenntnis über die geplanten Lastflüsse durch die Schweiz. Aufgrund des Ausschlusses der Schweiz aus dem sogenannten Market Coupling nehme Swissgrid den Vorfall sehr ernst, da man in Zukunft wohl vermehrt mit solchen Ereignissen rechnen müsse. Die Schweiz solle aber schon bald ­besser ins europäische Netz eingebunden werden, sagt EU-Energiedirektor Borchardt. Dabei sind eine technische und eine wirtschaftliche Anbindung zu unterscheiden. Die EU und Swissgrid sind sich einig, dass eine Teilnahme der Schweiz am Markt, also am Market Coupling, nur mit einem Stromabkommen zu ­regeln sei.

Rechnen mit der Schweiz

Auf der technischen Ebene gibt es jedoch Bemühungen, um das Risiko für Vorfälle wie am letzten Montag zu verkleinern. «Es ist durchaus möglich, bestimmte Netzelemente in der Schweiz in unsere Kapazitätsberechnungen miteinzubeziehen», sagt Borchardt. Das passiert heute nicht. Eine Arbeitsgruppe arbeite momentan daran, eine Lösung zu finden.

Ebenso soll die Schweiz auch bei einer wichtigen Leitlinie für den Netzbetrieb künftig auf der technischen Ebene zu 100 Prozent teilhaben. Denn: «Selbst wenn wir Fortschritte machen beim Stromabkommen, wird es noch ein paar Jahre dauern, bis es in der Praxis durchschlägt», sagt Klaus-Dieter Borchardt.

Im Interesse der EU

Für die EU beziehungsweise ihre Mitgliedsstaaten Italien und Frankreich wäre eine Netzüberlastung in der Schweiz mit Blackout indes gravierender als in der Schweiz selbst. Zuerst käme es laut den Experten in Norditalien und in Teilen von Frankreich zu Lastabwürfen. Erst dann in der Schweiz. Das Interesse, eine technische Lösung zu finden, liegt also auch bei der EU.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 23.05.2019, 22:17 Uhr

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