Alles hängt an Zuckerbergs moralischem Kompass

Wegen der Datenskandale läuft die Gewinnmaschine Facebook nicht mehr so gut. Für den mächtigen Konzernchef beginnt die Bewährungsprobe.

Wohin steuert Facebook? Mark Zuckerberg in der Handy-Pause während einer Konferenz in Idaho im Juli 2018.

Wohin steuert Facebook? Mark Zuckerberg in der Handy-Pause während einer Konferenz in Idaho im Juli 2018. Bild: Drew Angerer/AFP

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Zwei Jahre hat es gedauert, bis Facebook für den sorglosen Umgang mit Kundendaten und der Unterwanderung durch russische Agenten bestraft wurde. Mark Zuckerberg musste diese Woche eingestehen, dass es viel Zeit und noch mehr Geld kosten wird, die Datenskandale der Vergangenheit zu bewältigen und Facebook zu einer besseren, verantwortungsbewussten Plattform umzubauen. 120 Milliarden Dollar verlor der Konzern daraufhin an einem einzigen Tag. So viel hat noch kein anderes US-Unternehmen in so kurzer Zeit eingebüsst.

Die panische Reaktion überrascht, hatte Zuckerberg doch schon im Frühling gesagt, dass das Ausmisten der Plattform auf Nutzerzahlen und Gewinne drücken werde. Doch die Aktionäre taten so, als seien Cambridge Analytica und russische Spione nur kleine Versehen, die bald vergessen sein würden. In wenigen Monaten war der Rückschlag vom Frühjahr an der Börse wieder aufgeholt, und Facebook stieg bis Mitte dieser Woche sogar auf einen neuen Höchstwert.

In Europa sind drei Millionen Nutzer wegen der verschärften EU-Datenschutzbestimmungen aus Facebook ausgestiegen.

Diese Illusion des ungebrochenen Erfolgs ist verschwunden. Die neusten Geschäftszahlen beweisen, dass das Geschäftsmodell von Zuckerberg ohne den toxischen Müll von Fake News, Hassreden und politischer Sabotage gar nicht so profitabel ist wie stets geglaubt. Die Zahl der täglichen Facebook-Nutzer in den USA stagniert, und in Europa sind drei Millionen Nutzer wegen der verschärften EU-Datenschutzbestimmungen aus der Plattform ausgestiegen. Zwar umfassen diese beiden Märkte weniger als ein Drittel aller Facebook-Nutzer, aber es sind dies die werbestärksten Märkte des Konzerns, und sie steuern mehr als 70 Prozent zum Umsatz bei.

Zu den tieferen Umsätzen kommen höhere Kosten für die Abwehr gegen politische Saboteure, Schwindler und Hassprediger aller Art. Dafür will Facebook bis Ende Jahr das Sicherheitspersonal auf 20’000 verdoppeln und mit Dutzenden externer Datenfirmen zusammenarbeiten. Die Rechnung dafür ist hoch, aber sie ist verdient.

Besser als jeder andere Facebook-Manager hat Alex Stamos das Problem benannt. Stamos war der oberste Sicherheitsbeauftragte vor und während der Wahlen 2016 und verliess den Konzern im Frühjahr. «Wir müssen auf die Leute (auch intern) hören, wenn sie uns sagen, dass eine Anwendung unheimlich ist oder die Welt negativ beeinflusst. Wir müssen kurzfristigen Gewinn und schnelles Wachstum zurückstellen. Wir müssen bereit sein, eine klare Position einzunehmen, wenn es um moralische und humanitäre Fragen geht. Und wir müssen offen, ehrlich und transparent sein, wenn es um unsere eigenen Probleme und deren Lösung geht», hält Stamos in einem internen, kürzlich an die Öffentlichkeit durchgesickerten Dokument fest.

Der Erfolgskurs ist geschwächt

Sicher ist, dass sich Facebook keinen Skandal wie 2016 mehr leisten kann. Sollten russische Saboteure im kommenden November erneut die Wahlen in den US-Kongress steuern wollen, wie die amerikanischen Nachrichtendienste befürchten, so würde Facebook als Werbeplattform für viele Firmen unhaltbar. Insider der Medien- und Werbeindustrie glauben, dass die grossen Unternehmen Facebook die Treue gehalten haben, weil es neben Google schlicht keine Alternative zur immensen Breitenwirkung der Plattform gibt.

An der Börse ist Facebook nach Bekanntgabe der Quartalszahlen abgestürzt. Video: Reuters

Doch ein weiterer Skandal könnte den Damm brechen. Zuckerberg weiss das natürlich, nur erklärt er es anders, nämlich idealistisch. «Wir haben eine Verantwortung, die Nutzer sicher zu machen. Deshalb wollen wir im grossen Stil in die Sicherheit und den Datenschutz investieren.» Somit seien die hohen Gewinnmargen von über 40 Prozent eine Sache der Vergangenheit, sagte Zuckerberg. Zu erwarten seien noch Margen von rund 35 Prozent. Das ist noch immer viel, aber der Erfolgskurs ist geschwächt.

Zuckerberg steht an einer Wegscheide. Er muss das Vertrauen sichern und stärken, ohne die dominante Rolle der Werbeplattform zu schwächen. Das Dilemma ist offensichtlich, zeigt aber, wie stark Facebook in den letzten Jahren vom Missverhältnis zwischen der geringen sozialen Verantwortung und den immensen Gewinnen profitiert hat. Facebook ist dadurch sehr gross geworden und hat sich gleich wie Google und Amazon zu einem Konzern entwickelt, der sich einer Kontrolle von aussen fast ganz entzogen hat.

Zuckerberg und sein Zirkel kontrollieren 70 Prozent

Zwar versucht die EU-Kommission, diese Kolosse in die Schranken zu weisen. Doch Bussen sind wenig wirksam (wie die Google-Zahlen dieser Woche beweisen), weil der politische Wille in den USA zur Regulierung fehlt. Somit regulieren sich die grössten Medien- und Kommunikationskonzerne der Welt selbst. Sie stellen die Leitplanken für ihr Verhalten auf. Sie entscheiden, was politisch, sozial und moralisch akzeptabel ist, und sie rekrutieren das Personal, das diese Vorgaben überwacht.

Das kann gut gehen, solange ein Unternehmen von einem kompetenten Management geführt wird. Ob das bei Facebook zutrifft, ist mehr als bei jedem anderen Unternehmen eine Frage der Person. Zuckerberg und sein innerer Zirkel kontrollieren 70 Prozent der Stimmrechte und verfügen über eine Macht, die beispielsweise Steve Jobs bei Apple stets vermeiden wollte. Diese Konstellation hat etwas Absurdes an sich. Mit dem Rückschlag dieser Woche ist Zuckerberg noch mächtiger geworden.

Mehr denn je hängt von seinen persönlichen Entscheiden und seinem moralischen Kompass ab, ob Facebook tatsächlich «die Nutzer sicherer machen» will, auch wenn das den Gewinn schmälert. Die heftige Reaktion der Aktionäre dieser Woche zeigt, dass die Bewährungsprobe für Zuckerberg eben erst begonnen hat.

Erstellt: 27.07.2018, 12:54 Uhr

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