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Alpiq und die smarten Jungs in Rumänien

Ein mysteriöser Geschäftsmann, umstrittene Stromgeschäfte: Der Oltner Energiekonzern hat ein Problem.

Bernhard Odehnal
Aus dem Donau-Kraftwerk Eisernes Tor I bezog Alpiq Strom zu günstigen Tarifen. Foto: Chirnoaga Neacsu Razvan (Alamy)
Aus dem Donau-Kraftwerk Eisernes Tor I bezog Alpiq Strom zu günstigen Tarifen. Foto: Chirnoaga Neacsu Razvan (Alamy)

Wo sich Nicolas B. derzeit aufhält, ist schwer zu sagen. Möglicherweise sitzt er unter Palmen in Monte Carlo. Oder in seiner Firma auf Zypern. Oder in Abu Dhabi, denn der gebürtige Rumäne mit Schweizer Staatsbürgerschaft tritt als Botschafter der afrikanischen Republik Gambia in den Vereinigten Arabischen Emiraten auf. B. sei «ständig unterwegs», sagt sein Schweizer Anwalt. Im Kanton Freiburg ist der heute 48-jährige B. seit vier Jahren nicht mehr gemeldet. Freiburger Firmen, in denen früher sein Name erschien, wurden entweder liquidiert oder haben heute andere Besitzer. In der Schweiz hat sich B. nicht nur Freunde gemacht.

Wer beim Energiekonzern Alpiq am Hauptsitz in Olten nach B. fragt, stösst auf eisernes Schweigen. Es waren zwar Firmen aus B.s Umfeld, durch deren Kauf Alpiq zu einem bedeutenden Stromlieferanten in Rumänien wurde. Nun sind die rumänischen Behörden hinter Alpiq her. 192 Millionen Franken Nachzahlung von Mehrwert- und Gewinnsteuern fordert die Steuerbehörde. 5,2 Millionen Franken Strafe verhängte die Wettbewerbsbehörde. Beide Entscheidungen will Alpiq mit allen rechtlichen Mittel anfechten.

Der Imageschaden aber kann nicht mehr abgewendet werden: Der Konzern ist mit seinen Tochterfirmen in einen der grossen Energiepreisskandale in Osteuropa verwickelt. Selbst wenn sich Straf- und Steuerforderungen als unbegründet herausstellen würden, wovon Alpiq derzeit ausgeht, zeigt allein ihre Höhe, dass der rumänische Staat nicht gut auf die Schweizer Stromhändler zu sprechen ist.

Eine Welt der Korruption

Der Grund für die Verstimmung liegt ­einige Jahre zurück, als kreative Geschäftsleute und Oligarchen den Energiemarkt als Einnahmequelle entdeckten. Mit Unterstützung wohlgesinnter Regierungsmitglieder kauften sie über ihre Schweizer Firmen Gas oder Strom bei staatlichen Versorgern billig ein und an die Verbraucher teuer weiter. Als «eine Welt, in der Korruption, umstrittene ­Geschäftsleute und politische Interessen eng verknüpft sind», beschrieb ein Netzwerk investigativer Journalisten auf dem Balkan den Energiemarkt in Osteuropa.

Rumänien ist mit seinen grossen Wasserkraftwerken an der Donau der bedeutendste Stromproduzent auf dem Balkan. Und der Schweizer B. stellte mit seiner Freiburger Firma Energy Consult den Strommarkt auf den Kopf. Zwischen 2001 und 2003 schlossen seine rumänische Tochterfirma Energy Holding sowie einige andere kleinere Firmen mit Sitz in Rumänien oder der Schweiz exklusive Verträge mit dem staatlichen Kraftwerksbetreiber Hidroelectrica ab, durch die sie Strom zu einem Preis unter dem Marktwert kaufen konnten. Andere Händler wurden so vom Markt ausgeschlossen, weil sie entweder beim Preis nicht mithalten oder weil Hidroelectrica nicht mehr Strom liefern konnte.

Dank dieser Verträge wurde Energy Holding schnell zum Big Player mit Umsatz in dreistelliger Millionenhöhe und noblem Bürogebäude in der Bukarester Innenstadt. Dass B. enge Beziehungen zum damaligen Energieminister hatte, war vermutlich kein Schaden. Der damalige sozialistische Ministerpräsident Adrian Nastase wurde später in anderen Korruptionsfällen zu mehrjähriger Haft verurteilt. Nastases Gegenspieler, der bürgerliche Staatspräsident Traian Basescu, nannte die bevorzugten Stromhandelsfirmen «besonders smarte Jungs». Der Begriff ist bis heute ein Synonym für den Skandal.

Als 2006 erste kritische Berichte über das Stromgeschäft laut wurden, zog sich B. aus der Schweizer Energy Consult zurück. Rumänische Medien halten B. weiterhin für den Drahtzieher im Hintergrund, in einem Firmennetzwerk, das über Freiburg nach Zypern, Hongkong und Panama reicht. Der TA kontaktierte B. über seinen Schweizer Anwalt, er war aber zu keiner Stellungnahme bereit.

Auch die Firmen Ehol Distribution und Buzmann Industries sollen zu B.s Netzwerk gehört haben. 2007 und 2009 wurden sie von Alpiq gekauft und in Alpiq Romenergy und Alpiq Romindustries umbenannt. Hätten die Schweizer damals schon wissen können, auf wen und was sie sich mit dem Kauf einliessen? Auf Fragen des TA, die mit B. zusammenhängen, antwortet die Medienstelle von Alpiq nicht.

Strafe wegen Preisabsprachen

Während Alpiq, Energy Holding und die übrigen smarten Jungs am Stromgeschäft gut verdienten, meldete der Staatsbetrieb Hidroelectrica 2012 Insolvenz an. Laut damaligem Konkursverwalter Remus Borza haben die unvorteilhaften Verträge dem Unternehmen einen Schaden von Hunderten Millionen zugefügt. Borza kündigte die Verträge. Seither tobt ein Rechtsstreit mit Klagen und Gegenklagen. Der Streitwert beträgt allein im Fall Energy Holding über 350 Millionen Franken. Damit beschäftigt sind Schiedsgerichte in Washington, Paris und Genf.

Alpiq nennt dazu keine Zahlen. Die Schweizer sehen ihren Standpunkt aber durch ein Urteil der EU-Kommission ­gestärkt, die in den Verträgen mit Hidro­electrica keine unerlaubte Staatshilfe erkennt. Dennoch sieht es nicht danach aus, als würden sie ihr rumänisches Problem bald lösen können: Im letzten Jahr verurteilte die rumänische Wettbewerbsbehörde elf Firmen der smarten Jungs, darunter die beiden Alpiq-Töchter und Energy Holding, wegen Preisabsprachen zu insgesamt 40 Millionen Franken Strafe. Auch dagegen haben die Betroffenen Berufung eingelegt. Ihre Rechtsvertreter sprechen von Rumänien als rechtlosem Raum. Rumänische Beobachter deuten die hohen Strafzahlungen und Steuerforderungen hingegen als Versuch der Regierung, auf dem Energiemarkt rechtlich klare Verhältnisse zu schaffen.

Kraftwerksbetreiber Hidroelectrica ist seit April 2017 wieder solvent. Seit Aufkündigung der umstrittenen Verträge stieg der Umsatz rapide an und der Marktwert verdoppelte sich. Der ehemalige Vertragspartner Energy Holding meldete hingegen dieses Jahr Konkurs an. Rumänische Zeitungen berichteten von Hausdurchsuchungen und Ermittlungen wegen Korruptionsverdachts.

Nicolas B. ist laut eigener Darstellung seit einiger Zeit im Öl- und Gashandel mit afrikanischen Ländern tätig. In einem Profil im Internet zeigt sich der «Philanthropist» mit goldener Uhr und dicker Zigarre und nennt sein Lebensmotto: «Man kann heute Geld haben und morgen keines. Wichtig ist, immer fair zu bleiben.»

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