Am Flughafen «wie Vieh behandelt»

Kein Sitzplatz am Gate, vergitterte Wege, kein WC: Viele Touristen empören sich über den Billig-Terminal ­von Easyjet und Ryanair in Bordeaux. Doch die Passagierzahlen sind seit Eröffnung der Anlage explodiert – auch dank Schweizern.

Passagiere  warten in Bordeaux aufs Einsteigen. Foto: Andreas Valda

Passagiere warten in Bordeaux aufs Einsteigen. Foto: Andreas Valda

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Bordeaux hat einen kargen Terminal für die Passagiere von Easyjet und Ryanair. Er nennt sich Billi. Ausländische Gäste, die erstmals ab Bordeaux abfliegen, zeigen sich schockiert über den Service. Der britische Finanzberater Gary Willi spricht von seiner «schlimmsten Er­fahrung an einem Terminal der westlichen Welt». Es gibt noch unschmeichelhaftere Aussagen: «Dieses Gebäude sieht von aussen wie ein Schlachthaus aus», sagt der Brite Mike Saunders, und In­genieur Kenny Kwan aus Hongkong empört sich, man werde «wie Zuchttiere durch die Anlage getrieben, vor allem am Gate, wo man in einer Art Viehgatter aufs Boarding warten muss».

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Diese und weitere Passagierkommentare sind auf der Internetseite Airlinequality.com nachzulesen, die Flughäfen bewertet. Bordeaux wird mit der niedrigsten Note bedacht. Im Kontrast dazu steht sein Erfolg. Der Billigterminal wurde 2010 eröffnet. Seither hat sich die Zahl der Airlines, die Bordeaux anfliegen, auf 31 verdoppelt. Ebenso die Zahl der Destinationen, sie stieg auf 76 an. Die Häufigkeit der Flüge pro Woche verdreifachte sich auf 95. Von solchen Wachstumszahlen können andere europäische Flughäfen nur träumen. «Dies ist alles Billi zu verdanken», sagt der Direktor Entwicklung Jean-Luc Poiroux.

«Die Kosten pro Passagier sind ungefähr 40 Prozent tiefer.»Direktor Jean-Luc Poiroux

Er verstehe die Kritik gewisser ausländischer Vielflieger, die den Service grosser Flughäfen gewohnt sind. Doch Bewohner von Bordeaux würden sich «glücklich schätzen». «Wir haben Verkehr generiert, wo er nicht war. Und wir haben den Verkehr gesteigert, wo er vorher schwach war.» Ist Billi also das Zukunftsmodell für Billigflieger in Europa?

Der Erfolg lockte Experten aus Europa und Asien nach Bordeaux. «Wir hatten sogar Besuch aus Singapur und Japan», sagt Poiroux, der das Konzept mal als «spartanisch», mal als «radikal» bezeichnet. Ins Auge stechen fünf Aspekte.

Kleine Fläche: Check-in, Gepäckkontrolle und Gate werden auf kleinster Fläche vollzogen. Den 180 Passagieren, die einen Airbus 320 füllen, steht ein Drittel der Fläche einer Schweizer Turnhalle zur Verfügung. Das ist im Vergleich zu Bern, Basel oder Zürich knapp halb so viel.

Keine Förderbänder: Hinter dem Drop-off-Schalter gibt es kein Förderband. Man erhält dort bloss die Klebestreifen, die das Gepäck identifizieren. Der Kunde muss seine Koffer zur Sicherheitskontrolle tragen und warten, bis sie freigegeben werden. Erst dann rollt das Gepäck hinter die Kulissen weg.

Kein Sitzplätze, kein WC: Am Gate gibt es keine Sitzplätze. Als Passagier betritt man direkt einen Pre-Boarding-Raum, wo man in einer Warteschlange 20 bis 25 Minuten aufs Betreten des Flugzeugs warten muss. Toiletten gibt es hier nicht. Einmal drinnen, darf man nicht mehr hinaus. Auf diesen Bereich bezog sich der Vieh-Kommentar des ­Chinesen Kwan.

Gitter: Der Weg zum Flugzeug ist vergittert und weder beheizt noch klimatisiert. In diesem Bereich steht man ebenfalls bis zu zehn Minuten.

Wenig Bodenpersonal: Die Airlines bezahlen das Bodenpersonal direkt. Sie nennen es Groundhandling. «Normale Terminals brauchen pro Airbus 320 zehn bis zwölf Personen, bei uns sind es drei bis vier», sagt Kommerzdirektor Poiroux. Die Verträge der Airlines mit den lokalen Betreiberfirmen sind geheim, aber der TA weiss: Pro Abflug zahlt Easyjet-Airbus 600 bis 2000 Euro – geschätzt bis­ zu 11 Franken pro Passagier. «Diese Kosten sind im Vergleich zu normalen ­Terminals etwa 40 Prozent tiefer», sagt Poiroux.

Der minimale Service führt allerdings zu langen Wartezeiten. Als der TA Anfang Juli für einen Flug mit Easyjet nach Genf Gepäck am Drop-off-Schalter ab­geben wollte, war der Schalter mit einer Person besetzt, die ungefähr 140 Passagiere abfertigte. Die Gepäckübergabe dauerte 50 Minuten. Nur Passagiere, die den sogenannten Speedy-Boarding-Zuschlag bezahlt hatten, konnten einen separaten Schalter nutzen.

Familien mit Kleinkindern und ältere Menschen erhielten keine Vorzugs­behandlung. Auch sie mussten stehen. Von der Ankunft am Terminal bis zum Be­steigen des einzigen Flugzeugs verstrichen zwei Stunden. Sind das die Nachteile, die Billigflugreisende künftig in Kauf nehmen müssen?

Boom mit Schweizer Passagieren

Schweizer Fluggäste haben die Frage indirekt beantwortet, trugen sie doch wesentlich zum Boom von Bordeaux bei. Dies zeigen folgende Zahlen: Vor der Eröffnung von Billi reisten mit Air France jährlich rund 18'000 Passagiere von Genf nach Bordeaux. Jetzt sind es ab Genf jährlich 250'000 Passagiere. Weitere 112'000 Passagiere flogen ab Basel nach Bordeaux.

Was das Ticket damals kostete, ist nicht bekannt. Momentan kostet ein Retourticket Basel–Bordeaux rund 220 Franken. Ausserhalb der Fe­rienzeit fällt der Preis auf 60 bis 120 Franken, im Oktober gar auf 40 Franken (hin und zurück). «Möglich werden solche Preise vor allem dank tiefer Ge­bühren», sagt Poiroux. Pro abfliegenden Passagier aus dem Schengenraum zahlen die Airlines in Bordeaux-Billi 10.40 Euro Gebühren und Taxen. Ab Basel kostet ein Passagier 20, ab Genf 21, ab Zürich 37 Franken.

Schweizer Flughäfen dagegen

Allein die Gebühren zeigen, dass sich Schweizer Flughäfen einem solchem Konzept widersetzen. «Wir haben nie auf die Billig-Terminals gesetzt und mit Low-Cost-Airlines trotzdem Erfolg gehabt», sagt der Sprecher des Genève Aéroport, Bernhard Stämpfli. Genf habe seit 1996 systematisch investiert und nicht nur die Airline Easyjet angelockt, die dort eine Basis hat, «sondern auch internationale Anbindungen». Darauf sei man stolz. Der Service sei für alle Passagiere gleich und koste auch für alle Airlines gleich viel.

Ähnlich klingt es am Euroairport ­Basel, der von Easyjet, Eurowings und Ryanair angeflogen wird. «Es macht wenig Sinn, Geld in neue Anlagen zu in­vestieren, um dort dann künstlich die Nutzerpreise zu senken», sagt Sprecherin Vivienne Gaskell. Entscheidend sei «eine gleichmässige Auslastung der Infrastruktur, die sich positiv auf das Preisgefüge» auswirke. Airlines erhalten nach fünf Jahren einen Treuerabatt von 80 Rappen pro Passagier. Basel hat auch einen kleineren Terminal (Gates Sud), für dessen Benützung er 2 Franken weniger pro Passagier verlangt, da die Fläche ­kleiner sei und der Service reduziert. Doch davon wolle man wegkommen.

Der Flughafen Bern sagt, dass allein schon die kleine Piste und das spezielle Anflugsprozedere den internationalen Standards von Billig-Airlines nicht ­entsprächen und so ein Kopieren des ­Bordeaux-Konzepts verunmöglichten. Zürich argumentiert mit Qualität und Platzproblemen. Allen Airlines werde «der gleiche Service-Standard geboten». Für einen zusätzlichen Billig-Terminal fehle «schlicht der Platz».

Angst vor Imageschaden

Poiroux sagt, bisher habe kein Euro­päischer Flughafen das Billi-Konzept ­kopiert. Vielleicht spielt der befürchtete Imageschaden eine Rolle, vielleicht ­einfach nur die Kräfteverhältnisse. Gut laufende Flughäfen müssen weniger auf die Kosten achten als solche, die neu einsteigen. Und Airlines verändern im Verlaufe der Zeit ihre Prioritäten.

Ryanair sagte auf Anfrage, man sei «glücklich mit den Arrangements dort». Easyjet wies vom TA geäusserte Kritik zurück. Weder habe es zu wenig Bodenpersonal noch fehlten Toiletten, noch fehlten Sitzplätze am Gate (obwohl dies Tatsachen sind). Zur fehlenden Prio­rität für Eltern mit Kindern äussert man sich nicht. Lediglich umständliche Handgepäckkontrollen seien ein The­­ma. «Wir sind ständig daran, die Situation zu verbessern», sagt die Airline.

Auch Direktor Poiroux sieht keine Probleme. Der Erfolg gebe Bordeaux recht. Er verstehe zwar, dass Vielflieger, die sich den teuren Service grosser europäische Flughäfen gewohnt sind, Billi kritisierten. «Vor allem ausländische Gäste, die zum ersten Mal hier waren, klagen. Doch Vielflieger nach Bordeaux klagen nicht.»

Erstellt: 25.08.2015, 23:16 Uhr

Video

Virtueller Besuch im Billig-Terminal Billi. Video: Aéroport de Bordeaux

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