«Android wird noch bedeutender»

Innovationsexperte Bruno Giussani erklärt, was Alphabet mit Google vor hat.

Aus Google wird Alphabet: Strassenschild im kalifornischen Mountain View. Foto: Redux, Laif

Aus Google wird Alphabet: Strassenschild im kalifornischen Mountain View. Foto: Redux, Laif

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Sind Sie überrascht, dass sich Google eine neue Firmenstruktur verpasst?

Erwartet hat diesen Schritt zum jetzigen Zeitpunkt niemand. Aber in den letzten Jahren hat Google zahlreiche neue Projekte gestartet und sich zu einem grossen, undifferenzierten Konglomerat entwickelt. Das passt eigentlich nicht zum Unternehmen. Google ist bekannt dafür, sehr diszipliniert zu sein.

Die Holding führt zurück zu den Wurzeln?

Es ist sicher weniger revolutionär, als es auf den ersten Blick scheint. Google folgt damit seinen Tugenden und erfüllt die Forderung der Investoren nach mehr Transparenz.

Welche Auswirkung hat die neue Google-Struktur für die User?

Für die Google-Nutzer und Kunden im Bereich Medien wird sich kurzfristig nicht viel verändern. Es ist aber auch ein Signal für die Mitarbeiter.

Inwiefern?

Mit der neuen Struktur verschiedener eigener Unternehmen hat Google die Möglichkeit, Firmenchefs zu ernennen. Das kommt einem Mitarbeiterbindungsprogramm gleich: Google kann Schlüsselangestellten attraktive Perspektiven innerhalb des Unternehmens bieten und sich im harten Kampf um Talente besser positionieren.

Wer wird von Alphabet, wie sich die Firma jetzt nennt, am meisten profitieren?

In erster Linie die Anleger, dank der höheren Transparenz. Aber auch die beiden Gründer Larry Page und Sergey Brin profitieren. Sie haben dank der neuen Struktur mehr Zeit und Raum, sich über neue Strategien und langfristige Ideen Gedanken zu machen.

Folgt Google mit dem Schritt einfach nur dem Ruf der Wallstreet?

Nein, es war nötig, die Strukturen klarer abzubilden. Die neue Organisation verleiht den einzelnen Geschäftsbereichen auch mehr Möglichkeiten.

Was bedeutet das für das Unternehmen konkret?

Die ganze Gruppe erhält neue Perspektiven. Es wird einfacher, in ganz neue Bereiche zu expandieren, sei dies durch Zukäufe oder durch die Entwicklung neuer interner Ideen. Die Sektoren, die in unabhängigen Unternehmen geführt werden können, haben zudem grössere Handlungsspielräume. Dadurch erhalten neue Projekte, wie das führerlose Auto oder das Projekt einer neuartigen Kontaktlinse, das Google mit dem Pharmakonzern Novartis betreibt, mehr Autonomie. Dies öffnet die Türen für mehr Innovation oder strategische Allianzen.

In welche Bereiche könnte Google denn noch vorstossen?

Da gibt es fast keine Grenzen. Brin und Page haben immer gezeigt, dass Google in vielen Bereichen Möglichkeiten sieht, solange diese grosses Veränderungspotenzial bergen. Die Aktivitäten gehen jetzt schon weit über das Kerngeschäft Internet hinaus: Google arbeitet in den Bereichen Lifesciences, Pharma, Automobilindustrie, Automatisierung – wenn das Unternehmen eine Möglichkeit sieht, mit einer Innovation eine bedeutende Auswirkung auf die Industrie und die Menschen zu haben, wird es aktiv – selber oder über Zukäufe.

Dann wird aus Alphabet künftig ein riesiges Firmenkonglomerat wie einst General Electric?

Oder wie Berkshire von Grossinvestor Warren Buffett.

Was haben Buffett und Google gemeinsam?

Larry Page sagte vor einigen Monaten in einem Interview, Warren Buffett und Berkshire seien für ihn ein Modell. Die Struktur von Alphabet und Berkshire ist ähnlich, aber die Unternehmen handeln sehr unterschiedlich. Während Buffett unterbewertete Firmen aufkauft, um sie zu sanieren und zu entwickeln, geht es Google vor allem darum, Innovationskraft zu haben und sehr viel Geld zu verdienen. Die neue Struktur signalisiert, dass Page und Brin langfristig auf aggressive Innovation setzen wollen. Durch Alphabet haben sie einen grossen Raum dafür geschaffen.

Mit der Aufspaltung unterscheiden Page und Brin auch zwischen gewinnbringenden Aktivitäten und dem Rest. Was bedeutet die neue Struktur für das gewinnbringende Internetgeschäft, das unter dem Namen Google weitergeführt wird?

Für Google ist die neue Struktur positiv. Sie erlaubt es, dass sich die Kernunternehmen auf das Internetgeschäft fokussieren, besonders mit Search, Maps, Gmail, Youtube, Android, Chrome und natürlich mit dem ganz entscheidenden Onlinewerbungsgeschäft.

Wie wird sich Google entwickeln?

Die Ernennung von Sundar Pichai zum Google-Chef zeigt, dass Android, das mobile Betriebssystem für Smartphones, im Zentrum der Entwicklung stehen wird. Pichai kennt alle Produkte, er hatte bereits die Verantwortung für Google Lab, Gmail, Chrome und Android. Er ist ein sehr menschlicher und effizienter Manager.

Wird Google als Marke profitieren?

Aus meiner Sicht wird sich nichts ändern. Für viele Menschen wird der Name Alphabet keine Bedeutung haben. Sie werden mit Google digital interagieren.

Erstellt: 12.08.2015, 04:26 Uhr

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Bruno Giussani

Der Innovations­experte ist Europa-Direktor von TED. TED steht für Technology, Entertainment und Design und ist eine Nonprofitorganisation, die Konferenzen veranstaltet.

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