Apple muss normal werden

Die Abhängigkeit vom iPhone wird zum Klumpfuss für den kalifornischen Konzern.

iPhone-Besitzer verlieren mehr und mehr die Lust daran, sich jedes Jahr oder auch nur alle zwei Jahre ein neues Gerät zu holen. Bild: Keystone

iPhone-Besitzer verlieren mehr und mehr die Lust daran, sich jedes Jahr oder auch nur alle zwei Jahre ein neues Gerät zu holen. Bild: Keystone

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Was passiert, wenn ein Bauer vor allem eine spezielle Frucht anbaut? Er ist in hohem Masse davon abhängig, wie sich diese Frucht verkauft. Wenn es ihm aber gelänge, nicht mehr bloss die Frucht zu verkaufen, sagen wir Äpfel, sondern auch Dienstleistungen darum herum und dies am besten in Form von Abonnements, wäre sein Einkommen weniger Schwankungen ausgesetzt. Most und Schnaps für Restaurants der Gegend, Backmischungen für Endkunden, Urlaub auf dem Obstbauernhof: Einige solcher Ideen könnten durchaus zünden.

Apple baut keine Äpfel an, aber die Strategie des Technologiekonzerns geht genau in die Richtung, nicht mehr nur auf Äpfel, sondern auch auf Dienstleistungen zu setzen. Und das ist auch richtig so. Denn Apple ist noch immer stark abhängig von seinem wichtigsten Produkt, dem iPhone. Einst als Innovator angetreten, hatte Apple diesen Vorsprung nach wenigen Jahren an die Konkurrenz verloren. Durch gekonntes Marketing – und natürlich auch gute Produkte – konnte das Unternehmen sich als gefühlter Marktführer behaupten, obwohl Samsung viel mehr Smartphones verkaufte.

Die höchsten Margen kassierte aber Apple, denn Stück für Stück trieb der Konzern die Preise für iPhones nach oben. Schon seit einigen Jahren stammen die Umsatzsteigerungen nicht von höheren Verkäufen, sondern vom Austesten der preislichen Schmerzgrenze. Nun aber, da ein vierstelliges Preisschild an einem iPhone nicht mehr ungewöhnlich ist, scheint diese Grenze erreicht zu sein. Besonders in China, wo ein iPhone jahrelang noch mehr als anderswo als Statussymbol galt, gehen die Verkäufe zurück.

Umsätze mit Dienstleistungen wachsen

Doch auch im Westen verlieren mehr und mehr Handybesitzer die Lust daran, sich jedes Jahr oder auch nur alle zwei Jahre ein neues Gerät zu kaufen. Die alten tun es ja in der Regel noch genauso gut. Ein Indiz dafür sind Zahlen zu einem Angebot, die Apple so nicht erwartet hatte. Das Unternehmen hatte den Austausch von Akkus für einige iPhone-Baureihen stark vergünstigt angegeben. Das nutzen erheblich mehr Kunden als angenommen, nämlich 11 Millionen statt 1 bis 2 Millionen in einem normalen Jahr zum normalen Preis. Dies zeigt, dass die Strategie richtig ist, sich aus der Abhängigkeit vom iPhone zu befreien. 1,4 Milliarden Geräte mit Apple ­Betriebssystem sind weltweit in Gebrauch. Anders als Konkurrent Google, der zu wenig tut, um ältere Handys oder Tablets mit Software ­Updates zu versorgen, kümmert sich Apple auch um jahrealte iPhones, iPods und iPads. Schliesslich ist jedes davon eine potenzielle Fernbedienung für eins der Angebote des Konzerns.

Seit ein paar Jahren wachsen die Umsätze, die Apple mit Dienstleistungen macht. Bis diese das Geschäft mit dem iPhone ersetzen können, ist es zwar noch ein weiter Weg: Immer noch knapp 52 Milliarden Dollar Umsatz machte Apple im Weihnachtsquartal mit dem iPhone, knapp 11 Milliarden mit Diensten und anderen Produkten. Doch steckt hier Wachstumspotenzial. Apples Streamingdienst für Musik startete spät, hat aber viele Konkurrenten überholt und ist die klare Nummer zwei hinter Spotify.

Vor allem in Märkten, in denen sich die Menschen überwiegend privat versichern müssen, könnte Apple Geschäfte machen.

In diesem Jahr startet nun ein Streamingdienst für Videos. Auch hier ist Apple nicht früh dran, hat aber zwei entscheidende Vorteile: erstens die 1,4 Milliarden genutzten Geräte und zweitens eine prall gefüllte Kasse. Sie erlaubt es, viel Geld in die Produktion von Filmen und Serien zu stecken oder in die Rechte dafür. Die hohen Investitionen machen zum Beispiel Marktführer Netflix zu schaffen.

Apple ist auch anderswo gut positioniert: Gesundheit. Vor allem in Märkten, in denen sich die Menschen überwiegend privat versichern müssen, könnte Apple Geschäfte machen – etwa durch Kooperationen mit Versicherern. Die Entwicklung, die Apples Uhr genommen hat, weist in diese Richtung; das jüngste Modell etwa kann die Herzaktivität auf­zeichnen und so vor bestimmten Problemen warnen. Apropos Uhr: Apple ist nach Umsatz inzwischen der grösste Hersteller der Welt.

Zwar wird dem Konzern schon lange vorgeworfen, keine echten Ideen mehr zu haben. Doch der Gedanke, das hauseigene Universum zu stärken, birgt viel Potenzial. Nun muss Apple zeigen, ob es dieses Potenzial auch heben kann. Ein möglicher Weg wäre, die oft allzu strenge Beschränkung auf eigene Produkte zu lockern. ­Anzeichen dafür gibt es: TVs grosser ­Hersteller, auch Samsung, werden sich bald über iPhones mit Inhalten bespielen zu lassen.

Erstellt: 31.01.2019, 22:02 Uhr

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