«Apple verhält sich wie ein Bodybuilder»

Trotz guter Zahlen und dem neu lancierten Prestige-iPhone X könnte die Feierlaune bei Apple schnell wieder vorbei sein, sagt ein Experte.

Apple bringt das bislang luxuriöseste iPhone: Grosse Freude bei den Fans. Video: Tamedia/Reuters
Video: David Grey/Reuters

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Gute Zahlen, ein neues Luxusgerät, Aussichten auf kauflustige Weihnachtskunden und eine Marktkapitalisierung, die die Billionen-Dollar-Grenze sprengen könnte: Eigentlich läuft es rund für den US-Giganten Apple. Dennoch bleiben ernsthafte Stolpersteine, die Apple schlagartig ausbremsen könnten, sagt Unternehmensbewertungsexperte Tobias Hüttche.

Apple kommt zurzeit auf eine Marktbewertung von etwa 868 Milliarden Dollar. Knackt der Konzern bald die Billionengrenze?
Tobias Hüttche*: Das ist gut möglich. Die meisten Analysten geben eine Kaufempfehlung ab und setzen ein Kursziel von bis zu 195 Dollar fest. (Aktuell steht dieser bei 171 Franken, Stand 15.30 Uhr). Daran gemessen dürfte Apple das Unternehmen mit der höchsten Marktkapitalisierung bleiben – und die Billionengrenze rückt näher. Apple bewegt sich mit dem Gesamtmarkt. Dieser wächst, es zeichnet sich derzeit keine Blase ab. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob Apple nachhaltig überzeugen kann.

Was lässt Sie zweifeln?
Im abgelaufenen Quartal hat Apple zwar gute Zahlen geliefert – aber nur im Vergleich zum Vorjahr. 2016 war ein schwaches Jahr mit rückläufigen Zahlen in fast allen wesentlichen Produktkategorien. Der wichtige Markt China schwächelte, hinzu kam die Eurokrise. Vergleicht man das abgelaufene Quartal heute mit dem im Jahr 2015, schnitt Apple beim Umsatz und Gewinn schlechter ab.

Könnte das iPhone X zu alten Höhen verhelfen? Grosse Hoffnungen liegen auf dem Weihnachtsgeschäft.
Ich rechne dem iPhone X grosse Chancen zu. Es hat im Vergleich zu den Vorgänger-Generationen grosse inhaltliche und technologische Sprünge gemacht und zu Android-Geräten aufgeschlossen, wenn nicht diese überholt. Spannend ist, ob Apples Preispolitik funktioniert. Man fährt damit eine ähnliche Linie wie Tesla.

Inwiefern?
Tesla diktiert der Konkurrenz die Preise. Das Model X kostet rund 150'000 Franken und steckt damit das Hochpreissegment ab. Dasselbe findet bei Apple mit dem iPhone X statt. Apple treibt mit der psychologisch wichtigen Grenze von 1000 Franken den Preis im Luxussegment nach oben. Wettbewerber müssen aufschliessen. Fraglich ist, ob genügend Kunden bereit sind, deutlich über 1000 Franken für ein Smartphone auszugeben. Und ob dies genügt, um Apple zum nötigen Ergebnissprung zu verhelfen.

Wo liegt das Problem?
Apple muss viel investieren, um an das Verkaufsniveau von 2015 heranzukommen. Der Konzern benimmt sich dabei wie ein Bodybuilder: Dieser hat einen gewissen Brustumfang, muss aber fünfmal pro Woche ins Fitnessstudio gehen, um das Volumen aufrechterhalten zu können. Sobald er aufhört zu trainieren, fällt er hinter die Konkurrenz zurück. Bei Apple wird das iPhone wohl auch in den nächsten Jahren Umsatztreiber bleiben – quasi der grösste Muskel im Körper des Konzerns. Gleichzeitig muss dieser die Taktzahl an neuen Produkten – also das Training – hochhalten, um weiter Umsätze zu generieren.

Wo sehen Sie den Wendepunkt?
Die Frage ist, was kommt nach dem iPhone X? Es ist gefährlich, sich ohne wahre Innovationen nur auf das iPhone zu verlassen. Was, wenn wir in fünf Jahren keine Smartphones mehr nutzen? Das ist zwar unwahrscheinlich, aber dann könnte der Hype um Apple schnell wieder vorbei sein. Um nachhaltig zu wachsen, muss Apple unabhängig vom iPhone-Zyklus werden und nicht nur Vorhandenes verbessern, sondern Neues bringen.

Wo könnte sich Apple neben iPhones weiterentwickeln, um das zu verhindern?
Im Servicebereich. Dort hat es Apple bislang nicht geschafft, wesentliche Ergebnisbeiträge zu generieren. Bei Amazon zum Beispiel trägt der Servicebereich das Ergebnis. Der Onlinegigant macht nicht unbedingt mit verkauften Produkten Gewinne, sondern indem er seine Infrastruktur anderen Unternehmen anbietet. Genauso macht es Zalando, die ihre Logistik vermietet. Amazon und Zalando entdecken andere Unternehmen – und nicht nur die Verbraucher – als wichtige Kundengruppe. Auch Apple könnte darüber nachdenken, nicht nur Lifestyle für Private, sondern Problemlösungen für Unternehmen zu entwickeln. Apple Pay ist sicher ein erster Schritt, es müssen aber weitere folgen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.11.2017, 18:32 Uhr

Tobias Hüttche


Prof. Dr. Tobias Hüttche leitet das Institut für Finanzmanagement an der Hochschule für Wirtschaft FHNW in Basel. Er ist Wirtschaftsprüfer und Experte für Unternehmensbewertungen.

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