Aryztas Sanierung mutiert zu einem Krimi

Der grösste Einzelaktionär des Backwarenriesen ist gegen die geplante Kapitalerhöhung um 800 Millionen Euro. Das Management hält den Plan dagegen für alternativlos.

Aryzta bäckt nach dem Verkauf des US-Grossbetriebs Cloverhill wieder etwas kleinere Brötchen: Gipfeliproduktion in Lupfig AG. Foto: Martin Ruetschi (Keystone)

Aryzta bäckt nach dem Verkauf des US-Grossbetriebs Cloverhill wieder etwas kleinere Brötchen: Gipfeliproduktion in Lupfig AG. Foto: Martin Ruetschi (Keystone)

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Es kommt nicht oft vor, dass Konzernchefs Fehler einräumen. Kevin Toland, Chef des problembeladenen Backwarenherstellers Aryzta, tat es gestern: «Ich wollte am Anfang keine Kapitalerhöhung», erklärte der Ire gestern bei der Vorstellung der Jahresergebnisse. Aber angesichts der Schuldenlast von zuletzt 1,5 Milliarden Euro gebe es einfach keine Alternative mehr, um die Überschuldung zu vermeiden.

Daher sollen die Aktionäre Anfang November einer Kapitalstärkung um 800 Millionen Euro zustimmen. Die Summe entspricht ungefähr dem Börsenwert des Unternehmens, das Supermärkte wie Coop und Restaurants wie McDonald’s mit tiefgekühlten Gipfeli und Donuts beliefert.

«Verwässernde Kapitalerhöhung»

Eben wegen der Dimension wird das Vorhaben zur Zitterpartie: Denn der grösste Einzelaktionär von Aryzta, die spanische Fondsgesellschaft Cobas, kündigte Widerstand an: «Die Gesellschaft braucht keine so grosse verwässernde Kapitalerhöhung.» Der Investor hält nach eigenen Angaben 14,5 Prozent der Aktien und will nun Alternativen vorschlagen, um die Bilanz zu stärken. Details nannten die Spanier keine.

Unter dem Strich geht es bei Aryzta um ein Tauziehen zwischen den Gläubigern, den Banken und den Eigentümern des Unternehmens. Aktionäre werfen dem Management von Aryzta vor, mit der geplanten Kapitalerhöhung zu sehr die Interessen der Banken zu berücksichtigen. Denn erhöht der Backwarenriese das Kapital um 800 Millionen Euro, sollen 500 Millionen in die Entschuldung gesteckt werden. Doch den Preis für diese Bilanzsanierung zahlen die Eigner, deren Anteile durch die grosse Kapitalerhöhung verwässert würden.

Aryzta ist 2008 aus der Fusion des Zürcher Gipfelispezialisten Hiestand und des irischen Backwarenkonzerns IAWS hervorgegangen. Ziel war, von der weltweiten Konsolidierung der Grossbäckereien zu profitieren. Ähnlich wie die untergegangene Swiss verfolgte Aryzta eine Art Hunter-Strategie: Der Backriese kaufte 18 Unternehmen zu, zumeist auf Pump finanziert. Unter anderem kaufte Aryzta eine 49-prozentige Beteiligung am französischen Tiefkühlspezialisten Picard, der eigene Läden betreibt.

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Der zweite Fehler war, dass Aryzta anfing, den eigenen Kunden Konkurrenz zu machen. So sollte die in den USA für geschätzte 500 Millionen Dollar gekaufte Cloverhill Bakery eine eigene Backwarenmarke für Endkunden lancieren. Kunden wanderten ab, auch die Margen verfielen. Die Schuldenlast drückte immer stärker. Mit den Banken ist dabei abgemacht, dass die Schulden nicht mehr als das Vierfache des Betriebsergebnisses ausmachen dürfen. Einem Wert, dem Aryzta am Ende des vergangenen Geschäftsjahres gefährlich nahe kam. Reisst der Konzern die Grenze, können die Banken die Kredite einfordern, was dann wohl das Ende von Aryzta bedeuten würde, einem Konzern, der 56 Grossbäckereien in 20 Ländern betreibt und knapp 19'000 Menschen beschäftigt.

Im März vergangenen Jahres warf der Verwaltungsrat den früheren Chef Owen Kilian raus. Seit September versucht nun der Ire Kevin Toland, die Wende zu schaffen. Doch nun hat er selbst ein Glaubwürdigkeitsproblem: Denn Toland hatte zunächst mehrmals erklärt, die Sanierung ohne grosse Kapitalerhöhung bewerkstelligen zu können. Nun hat er eine Kehrtwende vollzogen. «Wir brauchen die Kapitalerhöhung jetzt, damit wir nicht unter Zeitdruck Unternehmensanteile wie das Aktienpaket an Picard verkaufen müssen», argumentiert er. Mit Druck von Banken habe das nichts zu tun.

Jahreszahlen besser als erwartet

Grossaktionär Cobas führt die Jahreszahlen ins Feld, die besser als erwartet seien, sodass eine Kapitalerhöhung um 800 Millionen Euro nicht nötig sei. Zwar ging der Umsatz deutlich zurück, doch rechnet man den unterdessen verkauften US-Betrieb Cloverhill heraus, verzeichnet Aryzta ein Umsatzplus von 0,5 Prozent. Und nach einem zweistelligen Minus beim Betriebsgewinn soll es 2019 wieder aufwärtsgehen, auch dank eines Sparplans.

Der spanische Grossaktionär Cobas dürfte als Alternative zur grossen Kapitalerhöhung wahrscheinlich eine Kombination aus Verkäufen von Unternehmensteilen und einer kleiner dimensionierten Kapitalstärkung vorschlagen.

Hinter den Kulissen geht nun das Tauziehen um die Rettung des Backwarenriesen los. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 01.10.2018, 21:31 Uhr

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