Auch Facebook hörte bei seiner Kundschaft mit

Externe Firmen haben im Auftrag des Techkonzerns Sprachnachrichten ausgewertet. Facebook spricht von Einzelfällen.

Entzauberte Technik: Viele Sprachassistenten haben menschliche Ohren. Foto: Moment Editorial, Getty Images

Entzauberte Technik: Viele Sprachassistenten haben menschliche Ohren. Foto: Moment Editorial, Getty Images

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Also auch Facebook: Der Konzern hat Hunderte Angestellte bei ­externen Dienstleistern beauftragt, automatisch transkribierte Sprachaufnahmen im Facebook Messenger zu überprüfen. Das hat die Agentur Bloomberg berichtet.

Facebook teilt mit, dass die Auswertung «vor mehr als einer Woche» gestoppt worden sei. Es habe sich um vollständig anonymisierte Aufzeichnungen gehandelt. Man habe die Daten nur ­genutzt, um Systeme zu trainieren, nicht etwa dafür, Anzeigen zu personalisieren. Ausserdem schalte Facebook die Mikrofone niemals im Hintergrund ein. Es sei immer nötig, dass Nutzer sie bewusst aktivierten. Offen bleibt, in welchen Ländern Nutzer betroffen waren und bei welchen Dienstleistern die Angestellten arbeiteten.

Empörung bleibt aus

Vor wenigen Wochen hätte Facebooks Praxis noch weltweit Empörung ausgelöst, nun reagieren viele mit einem Schulterzucken. Facebook-Chef Mark Zuckerberg kann sich bei den Firmen Amazon, Apple, Google und Microsoft bedanken.

Denn alle grossen Sprach­assistenten haben menschliche Ohren. Hinter Alexa, Siri, Google und Cortana stecken Mitarbeiter, die einen kleinen Teil der ­Aufnahmen anhören und transkribieren. Microsoft liess auch automatisch übersetzte Skype-Telefonate analysieren. Die Unternehmen wollen so die maschinelle Spracherkennung der Programme verbessern. Allerdings hatten die Unternehmen ihren Nutzern jahrelang verschwiegen, dass unter Um­ständen Mitarbeiter zuhören. Viele wähnten sich unbelauscht. Microsoft hat mittlerweile seine Datenschutzerklärung geändert. Das Unternehmen weist Nutzer nun darauf hin, dass auch Menschen Skype-Anrufe abhören können.

«Alexa» statt «Alexandra»

Die Sprachassistenten reagieren auf Aktivierungsworte und verwechseln zum Beispiel «Alexandra» mit «Alexa». Oder sie halten das Geräusch eines Reissverschlusses für einen Befehl an Siri. Dann zeichnen die Mikrofone auf, die Daten landen auf Servern in den USA und möglicherweise auch bei anderen Unternehmen, die als externe Dienstleister für die Konzerne arbeiten.

Die Tech-Unternehmen sprechen von Einzelfällen, nennen aber keine konkreten Zahlen. Medienberichte legen nahe, dass Fehlalarme häufiger vorkommen. Dem flämischen Sender VRT wurden etwa 1000 Google-Aufnahmen zugespielt. Davon seien etwa 150 aufgezeichnet worden, ohne dass Nutzer etwas davon mitbekommen hätten. Bloomberg nennt einen Anteil von 10 Prozent unbeabsichtigter Alexa-Aktivierungen.

Diese Zeitung hatte mit fünf Personen Kontakt, die nach eigenen Angaben für Amazon, Apple und Google Aufnahmen transkribierten. Auch sie berichten, dass sie immer wieder private Aufzeichnungen zu Ohren bekommen hätten. Dazu zählen sensible berufliche Telefonate und intime Momente – offenbar stehen auch in vielen Schlafzimmern smarte Lautsprecher.Die Sprachassistenten nehmen manchmal auch Streitgespräche, Bedrohungen und körperliche Übergriffe auf. Für die Mitarbeiter ist das belastend, weil sie Zeugen mutmasslicher Straftaten werden, aber nichts tun können.

Künstliche Intelligenz?

Die Aufnahmen lassen zwar mitunter Rückschlüsse auf die Identität der Nutzer zu, etwa wenn Namen oder Adressen zu hören sind. Sie werden aber nicht fest mit Nutzerprofilen verknüpft, sondern pseudonymisiert, das heisst, ihnen werden zufälliggenerierte Identifikationsnummern zugeordnet. Ob die Konzerne selbst diese nachträglich Personen zuordnen können, ist unklar. Die Mitarbeiter externer Dienstleister haben diese Möglichkeit jedenfalls nicht.

Die Enthüllungen entzaubern auch den Begriff «künstliche ­Intelligenz». Kein System arbeitet vollständig autonom, alle Sprachassistenten machen regelmässig Fehler. Deshalb braucht es Menschen, um die Algorithmen zu trainieren. Sie hören einen kleinen Teil der Aufzeichnungen an und überprüfen, ob die Maschine richtig gehört hat.

Erstellt: 15.08.2019, 23:24 Uhr

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