Auf den Tesla-Hype folgt die kalte Dusche

Erst noch schien der innovative Hersteller von Elektroautos fast abzuheben. Nun wird er von ziemlich irdischen Problemen eingeholt.

Tesla-Chef Elon Musk und sein grosses Sorgenkind, das Modell X, das im ersten Quartal für erhebliche Produktionsverzögerungen sorgte.

Tesla-Chef Elon Musk und sein grosses Sorgenkind, das Modell X, das im ersten Quartal für erhebliche Produktionsverzögerungen sorgte. Bild: David Paul Morris / Bloomberg/Keystone

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Derart unverblümte Eigenkritik ist in offiziellen Firmenverlautbarungen selten anzutreffen. Von «unentschuldbarer Selbstüberschätzung» war in der Mitteilung vom Montagabend die Rede, als die US-Elektroautoschmiede Tesla einräumte, die eigenen Vorgaben für die Produktion ihrer so begehrten Fahrzeuge im ersten Quartal verfehlt zu haben. Von ungefähr 16'000 produzierten Autos sprach Tesla noch im Februar – tatsächlich ist die Quartalsfertigung aber nicht über 14'820 Einheiten hinausgekommen.

Erst am Wochenende hatte Elon Musk, Mitgründer und Chef von Tesla, den Hype um seine Elektroautos noch zusätzlich angefacht. Über 276'000 Bestellungen weltweit seien für das erst kurz zuvor vorgestellte Modell 3 bis letzten Samstag eingegangen, verkündete er über Twitter – und das, obwohl noch kein Interessent das Auto je in Realität gesehen, geschweige denn eine Probefahrt gemacht hat. Könnte diese Menge an Autos tatsächlich verkauft werden, würde das Tesla Einnahmen von rund 10 Milliarden Dollar bescheren. Da bereits für jede Bestellung 1000 Dollar hinterlegt werden mussten, hat der Autohersteller schon mal annähernd 280 Millionen Dollar vereinnahmt und damit mehr, als beim Börsengang von 2010 in die Kasse gespült wurde. Doch für Musk steht derzeit anderes im Fokus: «Ich werde definitiv nochmals über unsere Produktionsplanung nachdenken müssen», betonte er im besagten Tweet.

Pannenserie beim Modell X

Bei manch einem Interessenten des Modells 3 dürfte denn das jüngste Eingeständnis von Tesla, das Produktionsziel für das erste Quartal nicht erreicht zu haben, eher gemischte Gefühle hinterlassen. Zumal der Elektroautopionier nicht eben für seine Termintreue bei den Auslieferungen bekannt ist. Nach jetzigem Planungsstand soll das Modell 3 – mit dem Tesla in den Massenmarkt für Elektrovehikel vorstossen will – ab Ende 2017 an die ersten Käufer ausgeliefert werden. Für die aktuellen Probleme ist einmal mehr das Modell X verantwortlich, von dem Tesla im ersten Quartal lediglich 2400 Einheiten fertigen konnte.

Dieses Auto, einem SUV nachempfunden, ist längst nicht mehr nur für seine Extravaganzen und Finessen wie vertikal öffnende Türen und eine überdimensionierte Panorama-Windschutzscheibe bekannt, sondern auch für seine lange Pannenserie. So kam das Model X erst im September 2015 auf den Markt, nachdem man ursprünglich Ende 2013 anvisiert hatte. Verantwortlich für die jüngsten Verzögerungen sind laut Tesla Lieferengpässe bei rund einem halben Dutzend Bauteilen (von insgesamt rund 8000) gewesen. Dabei rächte sich, dass man das Modell X gleich von Anfang an mit viel neuer Technik ausstattete. Für die dafür erforderlichen Komponenten fand Tesla jedoch weder externe Zulieferer in hinreichender Zahl, noch war das Unternehmen in der Lage, die notwendigen Kapazitäten hausintern bereitzustellen.

Weiter Weg vom Nischenanbieter zum Massenhersteller

Mittlerweile seien diese Probleme aber behoben, und die Produktion laufe nun «planmässig», wie Tesla am Montag beteuerte. Daher will man an der bisherigen Jahresprognose von 80'000 bis 90'000 produzierten Autos festhalten, verglichen mit gut 50'000 im vergangenen Jahr. Die Tesla-Autoproduktionsstätte im kalifornischen Fremont müsste bis Ende 2016 also noch etwa 65'000 Einheiten ausliefern, um das diesjährige Mindestziel zu erfüllen; pro Quartal wären das über 20'000 Autos. Nach wie vor will die Autoschmiede bis Ende dieses Jahrzehnts die Kapazitätsgrenze von 500'000 produzierten Fahrzeugen pro Jahr erreichen, was allerdings mit einer starken personellen Aufstockung in Fremont einhergehen müsste. Zum Vergleich: Per Ende 2015 verkehrten rund 105'000 Teslas weltweit auf den Strassen.

Den Löwenanteil dieses zusätzlichen Volumens beisteuern müsste das «massentaugliche» Modell 3, das zu einem Preis ab 35'000 Dollar verkauft werden soll. Wie Elon Musk gelobte, will Tesla bei dessen Fertigung möglichst die Fehler vermeiden, die zu den Verzögerungen beim Modell X führten. So hätten sich die Designer dieses Mal weniger von technischer Perfektion leiten lassen und dafür mehr Wert auf vereinfachtere Produktionsverfahren gelegt. Dennoch halten sich bei etlichen Beobachtern weiterhin Zweifel, ob Tesla der Wandel vom Nischenanbieter zum Massenhersteller gelingen wird. Das Unternehmen und insbesondere sein umtriebiger Gründer haben ihre Wurzeln im Hightech-Business, in dem ausgeprägt produktionsseitige und verfahrenstechnische Fragen einen geringeren Stellenwert geniessen. Es wird interessant sein, zu beobachten, ob Tesla auch auf diesem mehr «bodenständigen» und weniger prestigeträchtigen Feld innovative und branchenweit ausstrahlende Ansätze zu entwickeln vermag.

Erstellt: 06.04.2016, 06:32 Uhr

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