Auf der Suche nach der nächsten Katastrophe

Ein amerikanisches Unternehmen identifiziert Produkte, die krank machen, um Klagen zu fördern.

Für das Übergewicht vieler Amerikaner und Amerikanerinnen wird derzeit der Zucker verantwortlich gemacht. Foto: Brendan McDermid (Reuters)

Für das Übergewicht vieler Amerikaner und Amerikanerinnen wird derzeit der Zucker verantwortlich gemacht. Foto: Brendan McDermid (Reuters)

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Robert Reville, Gründer und Chef des US-Analyseunternehmens Praedicat, sucht die künftigen Katastrophen – nicht Stürme, Erdbeben und Waldbrände, sondern Katastrophen für Unternehmen, die von Kunden wegen todbringender oder krank machender Produkte verklagt werden. Der Klassiker ist Asbest, der bei Betroffenen Lungenkrebs und andere schlimme Krankheiten verursachte und zu Schäden von mindestens 200 Milliarden Dollar für US-Unternehmen führte. Die Hälfte davon zahlten Ver­sicherer.

Revilles Firma durchforstet wissenschaftliche Studien auf der Suche nach Berichten über oder Hinweisen auf gefährliche Stoffe, die in der Zukunft zu grossen Haftpflichtschäden führen können. Da kommt einiges auf die US-Wirtschaft zu. «Wir beobachten momentan die Rückkehr der Massen-Schadenersatzklagen», sagte Reville am Rande des Welt-Rückversicherungstreffens in Monte Carlo.

Viele Suchtkranke

Die letzten grossen Wellen hatte es in den 80er- und 90er-Jahren gegeben, damals mit Asbest und Tabak als Auslösern. 300 Milliarden Dollar Schadenersatz bei ­Tabak mussten die Zigarettenhersteller übrigens allein tragen, die Versicherer hatten das Risiko früh ausgeschlossen.

Auslöser für die neue Welle an Massenklagen ist die Opioid-Krise. Aggressiv vermarktete opioid­haltige Schmerzmittel haben bei vielen Amerikanern zu Suchterkrankungen geführt, sie sollen für rund 50'000 Tote pro Jahr verantwortlich sein. Bundesstaaten, Städte und Gemeinden klagen, weil sie die Kosten der Krise tragen müssen. Insgesamt laufen rund 2000 staatliche Klagen, die Schadenersatzforderungen könnten sich auf zusammen 864 Milliarden Dollar summieren, schätzt Praedicat.

Reville und seine Firma haben drei weitere Stoffe identifiziert, die das Potenzial haben, das «neue Opioid» zu werden, also ähnlich viele Klagen auf sich ziehen könnten. Das sind die Überdosierung von Antibiotika, die Abgasmanipulation bei Diesel-Autos und vor allem Zucker. ­«Er wird als primärer Treiber für Übergewicht in den USA ­ge­sehen», sagte Reville. An den Folgen von Übergewicht sterben rund 100'000 Amerikaner ­pro Jahr.

Der juristische Angriff auf den Zucker dürfte nicht nur die Hersteller treffen, sondern auch Versicherer und Rückversicherer. Denn während sie Tabakrisiken ausgeschlossen haben und bei der Versicherung von Opioid-Herstellern sehr vorsichtig waren, halten die Produzenten von Zucker und Süsswaren Milliardendeckungen.

Dennoch glaubt Reville, dass die Versicherer bei Haftpflichtdeckungen in den USA mutiger sein sollten und gute Geschäfte machen könnten – wenn sie denn die Risiken kennen und entsprechend hohe Preise verlangen. Dann würde die Haftpflichtkrise der einen zum Milliardengeschäft der anderen.

Erstellt: 17.09.2019, 08:17 Uhr

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