Sawiris’ Statthalter hegt Pläne für Businesspark in Andermatt

Das Tourismusresort im Urserntal setzt auf neue Trends. Und sowieso hat der neue Orascom-Boss den Laden ziemlich umgebaut.

In Andermatt wird weiter investiert. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)

In Andermatt wird weiter investiert. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)

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«Ich bin nicht so nett wie Sawiris», sagte Khaled Bichara, als er im Januar 2016 die Leitung bei Orascom Development übernahm. Das Immobilien- und Tourismusunternehmen wurde vor dreissig Jahren von Samih Sawiris in Ägypten gegründet und ist hierzulande vor allem wegen dem Resortprojekt in Andermatt UR bekannt.

Zum Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet in Zürich erscheint Bichara (47) trotz sommerlich hohen Temperaturen in Anzug und Krawatte – auch dies ein Unterschied zu seinem Vorgänger Sawiris, den man nie mit Krawatte traf. Bichara ist mehrheitlich in Ägypten tätig, wo Orascom rund 80 Prozent der Umsätze erzielt. In die Schweiz reist der Manager mehrmals jährlich. Das Land spielt nicht nur wegen Andermatt eine wichtige Rolle. In Altdorf hat Orascom seinen Holdingsitz, und er hält die jährliche Generalversammlung ab, an der Schweizer Börse Six in Zürich sind die Aktien des Unternehmens seit zehn Jahren kotiert.

«In Andermatt geht es einen grossen Schritt vorwärts», freut sich Bichara. Die Region Nätschen-Gütsch erhielt neue Liftanlagen und ist nun mit dem Skigebiet Sedrun GR verbunden. Diesen Winter kommt eine weitere Gondelbahn hinzu, gleichzeitig werden die Pisten-Restaurants ausgebaut. «Wir rechnen mit deutlich mehr ­Gästen», sagt Bichara. Im Herbst eröffnet nach dem Chedi das zweite grosse Hotel, das Radisson. Das 4-Stern-Haus zählt 180 Zimmer. Auf nächstes Frühjahr ist die Eröffnung der Konzerthalle von Andermatt geplant. Der Saal bietet rund 500 Be­suchern Platz und soll eine Art «Mini-KKL» werden.

Khaled Bichara, Leiter der Orascom Development. Foto: PD

Es brauche noch etwas Zeit, damit das Dorf in den Urner Alpen zu einer stabilen Grösse heranwachse, sagt Bichara. Wenn die Infrastruktur ausgebaut sei, werde Andermatt attraktiv für weitere Bevölkerungsschichten. Das würde sich positiv auf die Immobilienverkäufe auswirken. «Wir können uns künftig gut vorstellen, mittelfristig auch Büroarbeitsplätze anzubieten», sagt der Ägypter. Der Trend nach sogenannten Co-Workingspaces und Homeoffices führe dazu, dass sich Firmen vermehrt abseits der grossen Zentren niederliessen. «Ich kann mir einen Businesspark in Andermatt vorstellen», verrät Bichara.

In dieses Geschäftsfeld wagt sich Orascom derzeit in ihrem Ferienresort El Gouna am Roten Meer. In der Stadt mit 15’000 Einwohnern wird gerade das erste grosse Bürogebäude fertig gestellt. Ende Juni gab Orascom bekannt, dass man einen Mietvertrag mit einem deutschen Unternehmen unterschrieben habe. Der international tätige Konzern, dessen Name noch nicht bekannt gegeben wird, werde Tätigkeiten aus dem deutschen Bayern ans Rote Meer verlagern. Das Unternehmen werde schon bald über 400 Mitarbeitende aus diversen Nationen in El Gouna beschäftigen, sagt Bichara.

Ausgezeichnet: The Chedi von Investor Samih Sawiris ist vom Gastroführer «Gault Millau» zum Schweizer Hotel des Jahres 2017 ernannt worden. Video: Tamedia/Lea Koch

Orascom verdiente während Jahren gutes Geld mit dem Betrieb von Ferienanlagen sowie dem Bau und Verkauf von Immobilien. Entstanden ist das Unternehmen 1989; Samih Sawiris erwarb Wüstenland am Roten Meer und baute El Gouna aus dem Nichts. Die Sawiris-Oase bietet heute alles, was von einer modernen Stadt erwartet wird: Restaurants, Geschäfte, Schulen, eine internationale Universität, ein Spital, Jachthäfen, Golfplätze, auch einen Fussballclub hat El Gouna.

Aktie jahrelang unter Druck

Nach dem Arabischen Frühling und Terroranschlägen brach der Tourismus in Ägypten ein. Orascom geriet in eine mehrjährige Krise. Der Verkauf von Ferienresidenzen in der Region kam praktisch zum Erliegen, Hotels blieben leer. Auf diese Einnahmen ist Orascom dringend angewiesen, denn sie finanzieren die neuen Projekte in Andermatt oder Montenegro.

Sawiris sah sich im Frühling 2013 schliesslich gezwungen, sein Projekt in den Urner Bergen aus der Orascom herauszulösen. Die Andermatt-Swiss-Alps AG gehört ihm heute zu 51 Prozent privat. Orascom hält 49 Prozent am Resort, dessen Bau bisher gut 1 Milliarde Franken gekostet hat.

2010 schrieb Orascom letztmals schwarze Zahlen. Ende 2011 zog sich Sawiris aus der operativen Führung aufs Verwaltungsratspräsidium zurück und übergab an den österreichischen Manager Gerhard Niesslein. Doch der fand kein Rezept. Die Krise in Ägypten hielt an, die Verluste bei Orascom wurden immer höher, die Aktie fiel ins Bodenlose – 2008 kam der Titel zu einem Preis von 152 Franken an die Schweizer Börse, er fiel bis auf 4.90 Franken (November 2016). Im Februar 2014 kam es zum ­Eklat: Niesslein ging per sofort, Sawiris kehrte auf die Kommandobrücke zurück. Die tiefroten Zahlen hielten an. «Sawiris realisierte, dass Orascom in diesem Stadium ein spezieller Patient ist, an dem sich selbst erfahrene Manager aus dem Westen die Zähne ausbeissen», wie ein Vetrauter sagt. Bichara sei deshalb der ideale Mann für die Aufgabe.

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Khaled Bichara studierte in Ägypten und den USA. Der Informatikingenieur gründete mit 21 Jahren einen Internetanbieter und baute ihn zum Marktführer in der Region auf. Deswegen wurde Bichara auch schon der «ägyptischer Steve Jobs» genannt. Naguib Sawiris, Bruder von Samih Sawiris, kaufte die Onlinefirma von Bichara und machte ihn zum Konzernchef seiner Telekom-Gruppe.

In den zweieinhalb Jahren an der Spitze von Orascom hat Bichara deutliche Spuren hinterlassen: Neue Organisations- und Führungsstruktur, auch die Art und Weise, wie in der Firma rapportiert wird, änderte er. Zuvor war Orascom in Sparten eingeteilt: Hotels, Immobilienentwicklung usw. Bichara richtete den Konzern nach den Feriendestinationen aus. Jedes Resort hat einen eigenen Chef, der die Gesamtverantwortung für seinen Bereich trägt und direkt an Bichara rapportiert. Nicht alle Mitarbeiter konnten mit dem forschen Vorgehen ihres neuen Chefs mithalten. «Einige aus dem Management, die unsere Veränderungen nicht mittragen wollten, sind weg», sagt er. Die Effizienz, aber auch der Druck seien gestiegen, denn «die Kaderleute werden stärker an ihren Resultaten gemessen». Bichara ist selber für das Herzstück El Gouna zuständig. «Ich habe eigentlich zwei Jobs», sagt er. Dies sei in der aktuellen Phase notwendig.

Neues Hotel in Montenegro

In El Gouna deuten die Zahlen auf eine Erholung des Marktes hin. Im ersten Halbjahr stieg die Auslastung in den Hotels um 10 Prozent auf 78 Prozent, der Umsatz erhöhte sich um 41 Prozent auf 13,7 Millionen Franken. «Die neue Strategie zeigt Wirkung. Wir sind profitabler geworden», sagt Bichara. Aus den roten Zahlen hat er die Orascom-Gruppe, die immer wieder Finanzspritzen von Patron Sawiris erhielt, aber noch nicht führen können. Die Einnahmen im ersten Halbjahr stiegen um 41 Prozent auf 74,1 Millionen Franken. Unter dem Strich resultierte ein Verlust von 5,1 Millionen Franken – in der Vorjahresperiode lag das Minus bei 12,5 Millionen Franken, 2016 gab es gar einen Verlust von 244 Millionen Franken. «Wichtig ist, dass wir in unserem Hauptmarkt Ägypten profitabel sind», sagt Bichara. In diesem Jahr könne Orascom eine schwarze Null erreichen, wenn der Trend anhalte. Die Investoren erkennen die Fortschritte; die Aktie stieg innerhalb eines Jahres um 135 Prozent auf 14 Franken.

Ein neues Kapitel schreibt Orascom noch diese Woche. An der Adriaküste eröffnet das Unternehmen am 14. Juli das Luxushotel The Chedi Luštica Bay – ein 120-Zimmer-Resort direkt am Jachthafen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.07.2018, 08:41 Uhr

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