Jetzt kommen die externen SBB-Kontrolleure

Die SBB entdecken an Zugtüren mehr Mängel als bislang bekannt. Nun nimmt die Aufsichtsbehörde der Eidgenossenschaft den Staatsbetrieb in die Pflicht.

Gefordert: Die SBB-Führung mit Andreas Meyer, Toni Häne, Linus Looser und Patrick Hadorn, Leiter Sicherheit und Qualität (v. l.). Foto: Keystone

Gefordert: Die SBB-Führung mit Andreas Meyer, Toni Häne, Linus Looser und Patrick Hadorn, Leiter Sicherheit und Qualität (v. l.). Foto: Keystone

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Die SBB müssen nicht nur für fahrplanmässigen Bahnverkehr sorgen, sondern nach dem tödlichen Unfall eines Angestellten pünktlich rapportieren: Das Bundesamt für Verkehr setzt dem Unternehmen eine Frist bis Ende Oktober, um die Sicherheitsprobleme bei Zugtüren zu beheben. Das gab die Aufsichtsbehörde der SBB gestern bekannt. Am Mittwoch legte die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle ihren Zwischenbericht zum Unglück in Baden vor.

Anfang August war ein Zugbegleiter in der Tür eines Wagens des Typs EW IV eingeklemmt und mitgeschleift worden. Nun setzt das Bundesamt zwei Empfehlungen der Untersuchungsstelle mit konkreten Vorgaben an die SBB um. «In dringenden Fällen können die Behörden Auflagen machen, bevor der Schlussbericht vorliegt», sagt Rudolf Sperlich, Vizedirektor des Bundesamts für Verkehr und zuständig für den Bereich Sicherheit. Die SBB haben die Verfügung am Donnerstagabend zugestellt erhalten.

So müssen die SBB die Anzeige im Führerstand zum Schliesszustand der Türen bis zum Herbst verbessern. Laut Zwischenbericht werden die Türen dem Lokomotivführer als geschlossen gemeldet, obwohl dies nicht der Fall ist. Weiter verlangen die Behörden, dass die SBB den Einklemmschutz bei den ­Türen durch ein zuverlässigeres System ersetzen. Das Unternehmen muss dazu einen Zeitplan und die Vorgehensweise unterbreiten.

Weil die Zahlen eine deutliche Sprache sprechen, wählt das Bundesamt für Verkehr klare Worte.

Die brisantesten Massnahmen hat das Bundesamt jedoch unabhängig von den Ratschlägen der Untersuchungsstelle angeordnet – in Eigeninitiative: Die SBB müssen Organisation und Abläufe beim Fahrzeugunterhalt durch ein externes Unternehmen überprüfen lassen.

Bis zum Stichtag im Oktober müssen die SBB den Behörden ein Pflichtenheft und einen Zeitplan für dieses Audit vorlegen. Darin müssen die Bundesbahnen auch eine unabhängige Prüfstelle vorschlagen. Das Amt hat die Kompetenz, das Pflichtenheft abzusegnen oder abzulehnen. Weiter haben die SBB abzu­klären, ob bei vergleich­baren ­Wagenflotten ähnliche Risiken bestehen.

Auslöser für die härtere Gangart gegenüber den Bundes­bahnen ist, dass die SBB bislang 512 Mängel an 1536 untersuchten Türen festgestellt haben. ­Dabei kam heraus, dass beim Einklemmschutz 66-mal eine fehlerhafte Funktionsweise erkannt wurde. Siebenmal versagte das System. Noch vor einer Woche war von fünf defekten Türen bei 364 untersuchten Objekten die Rede.

Deutliche Worte der Aufsicht

Dem Vernehmen nach war das Bundesamt irritiert, dass sich ­innerhalb weniger Tage die Zahl der Mängel um den Faktor 100 erhöht hat. Deshalb verordnete die Behörde zwei Vorgaben in Eigenregie. Also ein klares Misstrauensvotum an die Adresse der SBB? «Wir halten uns an die Fakten», sagt Vizedirektor Sperlich dazu. Weil die Zahlen eine deutliche Sprache sprechen, wählt die Behörde klare Worte. Auch wenn die festgestellten Mängel unterschiedlich sicherheitsrelevant seien – «die Fehlerquote ist trotzdem hoch». Es stelle sich die Frage, warum die SBB diese Defekte nicht im Rahmen der ordentlichen Instandhaltung und Kontrollen entdeckt hätten.

SBB-Chef Andreas Meyer räumt ein: «Die Zahl der Mängel ist hoch, das hat mich überrascht.» Er führt dies auf die Gründlichkeit zurück, mit der die SBB die Kontrollen durchführen. Noch bis Mittwoch unterzieht das Unternehmen alle Türen des betroffenen Wagentyps einer vertieften Überprüfung. Die SBB hätten die vom Bundesamt angeordneten Massnahmen in den vergangenen drei Wochen mehrheitlich bereits eingeleitet, erklärt Toni Häne, Leiter Personenverkehr. Die Behörde soll wöchentlich über den Stand der Arbeiten im Sicherheitsbereich informiert werden.

Meldewesen auf Prüfstand

Die interne Aufarbeitung des tödlichen Unfalls förderte aber auch tiefer liegendes Misstrauen beim Personal zutage: Bei einem Teil der Mitarbeiter fehlt der Glaube, dass ihre Meldungen über Defekte ernst genommen werden und zu Massnahmen und Verbesserungen führen. Die SBB überprüfen deshalb alle Hinweise von Angestellten und Kunden zu sicherheitsrelevanten Mängeln der vergangenen Jahre im Personenverkehr.

«Wir haben bisher keine ­Anhaltspunkte gefunden, dass Rückmeldungen nicht genügend nachgegangen wurde», sagt Linus Looser, Leiter der zuständigen Arbeitsgruppe. Zusätzlich untersuchen die SBB das gesamte Meldewesen auf seine Wirksamkeit. Ein externes Gutachten soll hier Klarheit schaffen.

Die SBB rechnen mit vier ­Jahren, bis der Einklemmschutz an allen Wagen durch ein besseres System ersetzt ist. Das Unternehmen geht von Kosten im Umfang von 20 bis 30 Millionen Franken aus.

Erstellt: 24.08.2019, 07:43 Uhr

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