Aufstand der Raiffeisen-Regionalfürsten

Die Delegierten äussern scharfe Kritik an Geschäftsspitze und Verwaltungsrat – und fordern Konsequenzen.

Von seiner Untersuchung hängt viel ab: Gutachter Bruno Gehrig (r.), daneben Interimspräsident Pascal Gantenbein (Mitte) und Ex-Chef Pierin Vincenz (r.). Fotos: Keystone, 13 Photo

Von seiner Untersuchung hängt viel ab: Gutachter Bruno Gehrig (r.), daneben Interimspräsident Pascal Gantenbein (Mitte) und Ex-Chef Pierin Vincenz (r.). Fotos: Keystone, 13 Photo

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Ein gediegenes Essen mit einem anständigen Wein gehört jeweils dazu, wenn sich Raiffeisenbanker aus der ganzen Schweiz am Vorabend der Delegiertenversammlung treffen. Auch ein unterhaltsames Rahmenprogramm darf nicht fehlen. In diesem Jahr ging es am Gala-Diner im Palazzo dei Congressi am Luganersee trotz feinem Spargel und Rindsfilet aber weniger gesellig zu und her als gewohnt. Zur Livemusik von Sebalter klatschten nur wenige mit. Viele der Vertreter der regionalen Genossenschaften reisten mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch nach Lugano.

Raiffeisen sorgt seit Monaten für negative Schlagzeilen. Dass der Verwaltungsrat der Bank versagt hat, ist seit Donnerstag behördlich bestätigt. Der Bericht der Finanzmarktaufsicht (Finma) fiel vernichtend aus: Erhebliche Interessenkonflikte, schwere Verletzungen der Aufsicht, ungenügende Risikokontrolle stellte die Behörde fest. Der ehemalige Chef Pierin Vincenz, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen ungetreuer Geschäftsführung ermittelt, konnte machen, was er wollte. Die Verwaltungsräte winkten es durch. An Argumenten für scharfe Kritik gegenüber der Raiffeisen-Spitze fehlt es den 164 Delegierten, den eigentlichen Besitzern der Raiffeisen, nicht. Und sie hielten sich mit kritischen Voten auch nicht zurück.

«Ich hatte mit Pierin Vincenz keinen Kontakt»: Patrik Gisel, Chef der Raiffeisen Schweiz, über die schwierige Delegiertenversammlung. (16. Juni 2018) Video: SDA

Die Regionalfürsten setzten sich in mehreren Punkten durch. Rita Fuhrer und Angelo Jelmini mussten auf Druck der Delegierten per sofort auf ihr Verwaltungsratsmandat verzichten. Ein Rücktritt war ursprünglich zu einem späteren Zeitpunkt vorgesehen. Auch wird Raiffeisen ein neues Vergütungssystem für den Verwaltungsrat erarbeiten. Die Vertreter der Genossenschaftsbanken werden dabei ein gewichtiges Wort mitreden.

Abstimmung auf November verschoben

Eigentlicher Knackpunkt in Lugano war die Entlastung der Geschäftsleitung und des Verwaltungsrats. Ein Nein der Delegierten wäre ein klares Misstrauensvotum gewesen. Doch ob die Genossenschaften als Besitzer der Raiffeisen ihrer Führung noch vertrauen, bleibt ungewiss: Die Abstimmung wird auf November verschoben. Dann findet eine ausserordentliche Delegiertenversammlung zur Wahl eines neuen Verwaltungsratspräsidenten und weiterer Mitglieder statt.

«Die Delegierten haben überhaupt keine Freude an dieser Lohnerhöhung»: Der Präsident der Regionalverbände, Kurt Sidler, erklärt das Vorgehen bei der Lohnfrage. (16. Juni 2018) Video: SDA

Während die Bank fast den gesamten Verwaltungsrat auswechselt, hatte die Affäre um Ex-Chef Vincenz bisher keine Konsequenzen für die Geschäftsleitung. Einige Raiffeisenbanker kritisieren das. «CEO Patrik Gisel sieht in jedem Fall alt aus. Wenn er von den Machenschaften wusste, ist er unhaltbar. War er ahnungslos, spricht das ebenfalls gegen ihn», sagte ein Delegierter im Vorfeld der Veranstaltung. Konsequent wäre seiner Meinung nach ein Rücktritt, um den Weg frei zu machen für einen Neustart. Das gelte auch für weitere Mitglieder der Geschäftsleitung. So stehe Michael Auer, Gisels Stellvertreter, ebenfalls für die Ära Vincenz. An der Delegiertenversammlung ergriff ein Teilnehmer das Mikrofon und forderte einen Wechsel an der operativen Spitze der Bank.

Interimspräsident Pascal Gantenbein stärkt Gisel bislang den Rücken. Wird Gantenbein im November zum Präsidenten ernannt, verbessert das auch die Ausgangslage des CEO. Verschiedene Delegierte sagten, dass mit der Ernennung eines externen Präsidenten auch der Stuhl des Chefs gefährdet wäre, weil ein Neuanfang konsequenter umgesetzt würde.

«Ohne die Details aus dem Bericht können wir uns keine Meinung bilden.»

Ob die Delegierten dem Verwaltungsrat und der Geschäftsleitung im November ihr Vertrauen aussprechen, hängt stark vom Ausgang der unabhängigen Untersuchung von Bruno Gehrig ab. Ob der Bericht bis dann auch wirklich fertig ist, gilt allerdings nicht als sicher. Er arbeite darauf hin und wenn nichts Ausserordentliches passiere, werde das auch gelingen, sagt Gehrig. Er schaut sich derzeit über 20 Transaktionen genauer an.

Konfliktpotenzial birgt der Zugang zum vollständigen Bericht der Finanzmarktaufsicht. Einige Regionalvertreter wollen sich nicht mit den in einer Medienmitteilung genannten Fakten abspeisen lassen. «Ohne die Details aus dem Bericht können wir uns keine Meinung bilden», sagt ein Delegierter. Präsident Pascal Gantenbein will die ausführliche Verfügung aber unter Verschluss halten.

Der Diskussionsstoff geht der Bank bis zur Delegiertenversammlung im November also nicht aus. Gestern kamen die Teilnehmer erst nach einer neunstündigen Marathonsitzung aus dem Kongresssaal. Auch im Herbst wird Sitzleder gefragt sein.


Warum trat Vincenz nach der U-Haft-Entlassung so forsch auf?

«Das ist Teil einer Kommunikationsstrategie»: Wirtschaftsredaktor Holger Alich.

Erstellt: 16.06.2018, 23:24 Uhr

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