Aufstand in der Unia

Hassmails, Sex- und Mobbingaffären: In der grössten Gewerkschaft der Schweiz brodelt es – am Wochenende eskalierte der Konflikt in Thun.

Die Unia kommt nicht zur Ruhe, sie verliert immer mehr Mitglieder. Foto: Valentin Flauraud/Keystone

Die Unia kommt nicht zur Ruhe, sie verliert immer mehr Mitglieder. Foto: Valentin Flauraud/Keystone

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So hatte sich Hans Ulrich Balmer seinen Abgang nicht vorgestellt. Am Samstag, im Hotel Freienhof in Thun, ergriff er ein letztes Mal vor den Delegierten der Unia-Region Berner Oberland das Wort. Dabei kritisierte er mit scharfen Worten die Unia-Zentrale in Bern und wie sie mit der Sektion Berner Oberland umgegangen sei. Dann verliess er unter Protest den Saal. Später wählten ihn die Delegierten ab, ihn, den «Uele», der seit 2007 Präsident der Oberländer Gewerkschaftsbasis gewesen und immer glanzvoll wiedergewählt worden war.

«Terror-Regime»

Die Delegiertenversammlung sei unrechtmässig einberufen worden, sagt Balmer. Und die Unia habe die Delegierten gezielt ausgewechselt, um ihn abzuwählen. Er wird gegen die Beschlüsse Beschwerde einreichen, «zuerst intern», wie er sagt. Seit mehr als einem Jahr schwelt ein Konflikt in Berner Oberland. Es gab Hassmails, Sexaffären, fristlose Entlassungen und Gerichtsverfahren.

Kritisierte die Unia-Zentrale in Bern mit scharfen Worten: Hans Ulrich Balmer. Bild: Tamedia/Franziska Rothenbuehler

Die Geschichte ist kein Einzelfall. Die Unia kommt seit langem nicht zur Ruhe. In den vergangenen Jahren beschäftigten regelmässig Sex- und Mobbingaffären die grösste Gewerkschaft der Schweiz. 2008 mussten sich die Gerichte in Neuenburg mit Mobbingvorwürfen auseinandersetzen. 2011 streikten die Angestellten der Unia Bern gegen ihre Chefs. 2015 beschwerten sich Angestellte der Sektion Basel gegen das «Terror-Regime».

Damit nicht genug: Vor zwei Jahren drohten die Unia-Mitarbeiter im Aargau mit einem Streik. 2016 musste der Zürcher Regionalleiter wegen sexueller Belästigungen gehen, nachdem er von der Unia-Zentrale in Bern anfänglich noch gestützt worden war. Und vor zwei Wochen forderten Waadtländer Unia-Leute die Entlassung des Regionalsekretärs, nachdem dieser einen Gewerkschafter entlassen hatte, der sich über seinen Lohn beschwert hatte.

Dahinter steckt ein Konflikt zwischen der Gewerkschafts­basis und der Zentrale in Bern. «Wer ihnen nicht passt, der wird eliminiert», sagt Balmer. «Die Zentrale duldet keinen Widerspruch.» Das Problem habe damit zu tun, dass die Basis sehe, wie die Mitgliederzahl sinke, und etwas dagegen tun wolle.

Einst verfügte die Unia über mehr als 200'000 Mitglieder. Jetzt sind es noch 193'000, und nirgends ist der Rückgang so drastisch wie im Kanton Bern. Im vergangenen Jahr verliessen 1400 Mitglieder die Berner Unia. Die Zentrale, allen voran Gewerkschaftschefin Vania Alleva, fürchte allerdings den Machtverlust, wenn die Basis aktiver und damit einflussreicher werde, sagt Balmer. Alleva ist in der Zentrale für die Berner Oberländer Sektion verantwortlich.


Video: Der Unia-Skandal 2016

Tamedia-Polizeireporter Stefan Hohler erklärt die Hintergründe. Video: Lea Koch/Tamedia


Am letzten Kongress im Herbst 2016 stellte die Sektion Berner Oberland zusammen mit Genf und dem Tessin mehrere Anträge für einen stärkeren Einbezug und eine Mobilisierung der Basis. Unter anderem sollte die Unia während vier Jahren insgesamt 20 Millionen Franken in die Weiterbildung der Basismitglieder investieren. «Uns ging es darum, dass an der Basis, direkt in den Betrieben, mehr gemacht werden soll – auch, um die überarbeiteten Funktionäre zu entlasten», sagt Balmer. Die ganze Geschäftsleitung der nationalen Unia habe damals gegen diesen Antrag geredet. Er wurde trotzdem haushoch angenommen.

«Wie Aussätzige behandelt»

«Von da an wurden wir wie Aussätzige behandelt», sagt Balmer. Der Antrag sei nur schleppend und nur zum Teil umgesetzt worden. Der Region Berner Oberland wurden jedoch in der Folge Projekte und damit finanzielle Mittel gestrichen, mit denen die Region fest gerechnet hatte. Entsprechend gerieten die Finanzen rasch in Schieflage. Für die Zentrale sei das der Beweis gewesen, dass die Crew im Berner Oberland nicht gut arbeite, sagt Balmer.

«Wer ihnen nicht passt, der wird eliminiert. Die Zentrale duldet keinen Widerspruch.»Hans Ulrich Balmer,
Ex-Gewerkschaftspräsident
der Unia im Berner Oberland

Vor einem Jahr ging es darum, den langjährigen Regionalleiter zu ersetzen. Die Zentrale und die Basis konnten sich in der Findungskommission nicht wie üblich auf einen Kandidaten einigen. Die Basis wählte trotzdem eine Co-Leitung aus zwei erfahrenen lokalen Gewerkschaftern, die jedoch von der Zentrale in Bern prompt nicht bestätigt wurden. Die Vorwürfe aus der Zentrale wurden rasch heftig: Bei einem Kandidaten wurden private Ordner auf dem Computer durchsucht, um ihm vorzuwerfen, er habe der Unia schaden wollen. Balmer sagte gegenüber der «Jungfrau-Zeitung», die dies öffentlich machte, das sei «schockierend». Er verurteile dieses Vorgehen. Die Zentrale setzte schliesslich einen ihr loyalen Interimsleiter ein, der die beiden von der Zentrale abgelehnten Gewerkschafter auf die Strasse stellte. Einer der beiden ist seither krankgeschrieben.

Aus dem Weg geräumt

Es blieb nicht bei diesen Abgängen. Der Interimsleiter habe die Regionalstelle der Unia in Thun «gesäubert», sagt Balmer. In der Region bildete sich im vergangenen Herbst als Reaktion auf die Vorgänge ein Mitgliederkomitee, das die Gewerkschaft vor einer «Katastrophe» retten wollte. Das Komitee beschwerte sich, der Interimsleiter sei eingesetzt worden, «um radikal alle Personen aus dem Weg zu räumen, die sich nicht zu 100 Prozent mit dem Regime einverstanden erklären».

10 von 15 Angestellten haben die Regionalstelle der Unia mehr oder weniger freiwillig verlassen. Das Komitee wollte den Dialog mit der Unia-Zentrale in Bern suchen, doch Gewerkschaftschefin Alleva habe es abgelehnt, sich mit dem Komitee zu treffen.

Gleichzeitig sollen zwei zur Zentrale loyale Gewerkschaftssekretäre in den Orts- und Branchensektionen der Unia Berner Oberland die Delegierten ersetzt haben, um die Mehrheiten an der Delegiertenversammlung zuungunsten von Balmer zu verändern. Ein «Putsch» sei das und eine «Verletzung der gewerkschaftsinternen Demokratie», sagte Balmer der «Berner Zeitung» zu diesem Vorgehen. Die Unia betonte hingegen, dies sei «statutenkonform» geschehen.

Erstellt: 09.04.2019, 06:21 Uhr

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