BAG warnt vor Flut teurer Kombinationstherapien

Gerade bei Krebs kommen mehrere teure Mittel zum Einsatz. Das Bundesamt setzt auf Rabattmodelle. Doch diese haben ihre Tücken.

Im Kampf gegen Krebs wird immer häufiger eine Kombination von verschiedenen Medikamenten verabreicht. Foto: Giorgia Müller

Im Kampf gegen Krebs wird immer häufiger eine Kombination von verschiedenen Medikamenten verabreicht. Foto: Giorgia Müller

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Die steigenden Medikamentenausgaben vor allem für innovative Krebsbehandlungen stellen das Gesundheitssystem vor grosse Herausforderungen. So sind die Medikamentenausgaben pro Kopf zwischen 2014 und 2017 um über 13 Prozent gestiegen. «Es braucht zusätzliche Instrumente, um den Preisauftrieb zu begrenzen», sagte Thomas Christen, Vizedirektor des Bundesamts für Gesundheit (BAG), bei einer Medienveranstaltung zum Thema Medikamentenpreise.

Das Problem: Gerade bei Krebs werden immer häufiger mehrere teure Krebsmedikamente bei sogenannten Kombinationstherapien verabreicht. Bei Brustkrebs zum Beispiel kommen Roches Krebsmittel Perjeta und Herceptin gemeinsam zum Einsatz.

Bei der Genehmigung der Tarife für solche Kombinations­therapien ringt das BAG mit der Branche um Rabatte. Es geht darum, dass die Preise der ein­gesetzten Medikamente nicht einfach addiert werden. So hat Roche nach langem Ringen zugestimmt, dass der Konzern auf Perjeta pro Packung einen Rabatt von 452.33 Franken gewährt, wird das Mittel gemeinsam mit Herceptin verabreicht.

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Allerdings sind diese sogenannten Preismodelle rechtlich bisher gar nicht vorgesehen. Das BAG kann keine Rabatte gegen den Willen der Industrie erzwingen. Schlimmer noch: Rein theoretisch braucht sich ein Pharmaunternehmen nicht einmal an die vereinbarten Rabatte zu halten. Weder das BAG noch die Krankenkassen haben die Möglichkeit, sie vor Gericht durchzusetzen.

Zumindest den letztgenannten Punkt will BAG-Vize Christen nun ändern. «Es sollte möglich sein, die vereinbarten Ra­batte rechtlich durchzusetzen», erklärte er in Bern. Dies sei umso wichtiger, weil absehbar sei, dass das BAG immer häufiger zu solchen Preismodellen wird greifen müssen, um den Preisanstieg bei den Medikamenten einigermassen unter Kontrolle zu halten.

Derzeit gibt es 21 solcher ­Rabattlösungen. «Allein Roche plant, mehr als 50 neue Kombinationstherapien zuzulassen», erklärte Christen. Das Ringen um die finalen Preise sei auch ein Grund, warum das BAG es oft nicht mehr schaffe, für neu zugelassene Wirkstoffe binnen der rechtlich vorgesehenen Frist von 60 Tagen einen Preis für die Aufnahme auf die sogenannte Spezialitätenliste festzulegen. Medikamente, die auf dieser Liste des BAG stehen, müssen von den Krankenversicherern vergütet werden. Laut Jörg Indermitte, Leiter Sektion Arzneimittelaufnahmen des BAG, wird derzeit etwas weniger als ein Fünftel aller Zulassungsgesuche verspätet abgeschlossen.

Antragszahlen explodieren

Und die Zahl der Neuanträge steigt rasant: Laut BAG ist in diesem Jahr mit 80 bis rund 90 Neuanträgen zu rechnen. «Im nächsten Jahr erwarten wir über 150 neue Gesuche», so Christen. Und rund die Hälfte der Anträge betreffe Behandlungen, die Kosten von mehr als 100'000 Franken pro Jahr verursachten. Um die komplexen Dossiers bearbeiten zu können, plädiert Christen für eine Aufstockung der zuständigen Abteilung. Heute hat das BAG ein Team aus 20 Mitarbeitenden, die sich mit den Medikamentenpreisen befasst.

Derzeit publiziert das BAG auf seiner Website, welcher Konzern wofür Rabatte gibt – die Schweizer Behörde ist hier international eine Ausnahme. Doch ­Thomas Christen tönte an, dass in Zukunft das Amt davon werde Abstand nehmen müssen. «Die Pharmaunternehmen dürften kaum akzeptieren, dass sehr hohe Rückvergütungen publiziert werden.» Denn die meisten Preiszulassungebehörden in Europa greifen auf Auslandspreisvergleiche zurück. Daher ist die Branche erpicht darauf, dass nur die offiziellen Listenpreise, aber nicht die Nettopreise publik sind.

Weder der Kassenverband Curafutura noch Interpharma wollten sich zu den Plänen, Rabatte rechtlich durchsetzbar zu machen, am Freitag äussern. Noch lägen hierzu keine genauen ­Pläne vor, hiess es. Kassenvertreter monieren jedoch, dass die Durchsetzbarkeit der Rabatte das Grundproblem nicht löse: nämlich, dass das BAG keine Möglichkeit hatte, Rabatte bei den Preisverhandlungen zu erzwingen. Das Amt bleibe auf das Wohlwollen der Branche angewiesen.

Erstellt: 11.05.2019, 19:38 Uhr

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