Boni fürs ganze Team statt für einzelne Mitarbeiter

Teamarbeit wird belohnt: Die Baloise führt ein neues Bonussystem ein.

Teamwork soll auch beim Entlöhnungssystem im Zentrum stehen. Foto: Thomas Barwick (Getty Images)

Teamwork soll auch beim Entlöhnungssystem im Zentrum stehen. Foto: Thomas Barwick (Getty Images)

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Das in vielen Unternehmen zum Jahresende hin übliche Prozedere wird im Versicherungskonzern Baloise künftig anders ablaufen: Jahresgespräche und Zielvereinbarungen, an denen sich der individuelle Bonus bemisst, wird es zwischen Vorgesetzten und Untergebenen nicht mehr geben. Dafür werden neu die einzelnen Teams ihre Ziele für das neue Jahr selbstständig definieren.

Diese Neuerung ist Ausdruck und Teil eines umfassenden Kulturwandels, mit dem die Baloise der neuen Arbeitsorganisation im Zeitalter der Digitalisierung Rechnung tragen will. «Unsere Technologie entspricht dem 21. Jahrhundert, unsere Produkte stammen vorwiegend aus dem 20. Jahrhundert, aber die Art und Weise, wie wir arbeiten und Anreize setzen, entspricht in weiten Teilen immer noch dem 19. Jahrhundert», sagt Konzernchef Gert De Winter. «Das passt nicht mehr.»

Keine Mitarbeiternoten mehr

Im Zuge dieses Wandels soll zum einen die Teamarbeit aufgewertet und zum andern die Eigenverantwortung der Mitarbeitenden gestärkt werden. «In Zukunft werden wir noch viel stärker in interdisziplinären Teams mit unterschiedlicher Zusammensetzung arbeiten», erklärt De Winter. Das verlange von den Mitarbeitenden grosse Anpassungsfähigkeit, Beweglichkeit und Offenheit. «Wir müssen agiler werden», so der Konzernlenker. «Unser Denken muss über die bisherigen Grenzen wie Ländermärkte, Bereiche oder Teams hinausgehen.»

«Die Art und Weise, wie wir arbeiten und Anreize setzen, entspricht in weiten Teilen immer noch dem 19. Jahrhundert». Gert De Winter, Konzernchef. Foto: Dominik Pluess

Entsprechend diesen Anforderungen führt die Baloise ab nächstem Jahr ein neues Entlöhnungssystem ein. Dessen wichtigstes Charakteristikum: Die individuelle Leistungskomponente, die 10 bis 20 Prozent des Lohns ausmacht, wird gestrichen. Das Gesamtgehalt der meisten Beschäftigten besteht somit noch aus dem Fixlohn und einem vom Unternehmenserfolg abhängigen Bonus. Dieser kann auf der Ebene Konzernleitung bis zu 60 Prozent des Grundgehalts, auf den unteren Hierarchiestufen 10 bis 20 Prozent erreichen.

«Wir verzichten künftig auf das Performance-Management, bei dem die Mitarbeitenden entsprechend dem Grad ihrer Zielerreichung benotet werden und davon rechnerisch abgeleitet einen individuellen Bonus erhalten», sagt Alberto Ribeiro Silveira, gruppenweit zuständig für das Vergütungssystem der Baloise. Allzu oft habe man feststellen müssen, dass die mit den Mitarbeitenden vereinbarten Ziele keinen Bezug zu den Unternehmenszielen gehabt hätten. Stattdessen habe man sich auf Vorgaben verlegt, die für die Vorgesetzten einfach zu messen seien.

Alberto Ribeiro Silveira ist gruppenweit zuständig für das Vergütungssystem der Baloise. Foto: PD

Trotz der Abschaffung der individuellen Boni bleibt die Lohnsumme insgesamt gleich. Die eingesparten Gelder hat der Basler Versicherer einesteils genutzt, um die fixen Gehälter anzuheben. Die andere Hälfte fliesst in den Topf für die Beteiligung der Mitarbeitenden am Unternehmensergebnis. Wie viel jede(r) einzelne davon bekommt, soll vom jeweiligen Beitrag zum Teamerfolg abhängen – und darüber bestimmen die Vorgesetzten respektive Teamchefs.

Heikle Führungsaufgabe

De Winter ist sich bewusst, dass die Führungskräfte damit vor heikle Aufgaben gestellt werden: «Oft ist eine Zahl zur Benotung der Mitarbeitenden einfacher als eine qualitative, ergebnisrelevante Analyse der Leistungen.» Neu werde von den Vorgesetzten deshalb verlangt, dass sie ihre qualitative Einschätzung intensiv mit ihren Teammitgliedern besprechen. Diese Beurteilung bildet die Basis dafür, um festzulegen, welchen Anteil die einzelnen Mitglieder zur Zielerreichung des Teams geleistet haben.

Diese Neuerung habe auch unter den Mitarbeitenden für «Unsicherheiten» gesorgt, räumt Ribeiro ein. Er sei gelegentlich gefragt worden, so der Personalmanager, ob nicht eine gewisse Willkür einkehre, wenn die vermeintlich objektive Leistungsbemessung des Einzelnen mittels einer Benotung entfalle und durch eine subjektive Beurteilung durch die Vorgesetzten ersetzt werde.

Dennoch habe man mehr Kontroversen und Widerstände seitens der Beschäftigten erwartet, als das neue Entlöhnungssystem im Mai vorgestellt worden sei. Auch habe die Baloise bislang keine Abgänge verzeichnet wegen des Wegfalls der individuellen Leistungsprämien. «Von den rund 1000 Arbeitsverträgen, die wir ändern mussten, sind allesamt unterschrieben zurückgekommen», betont Ribeiro. Positiv ist gemäss dem Personalmanager vor allem aufgenommen worden, dass die Mitarbeitenden bei den Zielfestlegungen mitbestimmen können.

«Mehr Eigeninitiative»

Für Baloise-Chef De Winter liegt die grosse Herausforderung im kommenden Jahr darin, «den von uns angestossenen Kulturwandel zum Leben zu bringen». Erste Anzeichen eines Aufbruchs meint der 51-jährige Belgier schon zu erkennen: «Ich spüre mehr Mut zu Ideen, zu Eigeninitiative und Unternehmertum.» Dies widerspiegle sich bereits in neuen Produkten, zum Beispiel einer Haushaltsversicherung für Junge mit einer Monatsprämie von 10 Franken oder einer digitalen Autoversicherung in Deutschland, welche die Prämien auf den Kilometer genau berechnet.

«Darauf gilt es aufzubauen und unseren Weg konsequent zu gehen», betont De Winter. Dabei verkennt er nicht, dass Verunsicherungen im Zuge eines derar-tigen Wandels unumgänglich seien und auf die Vorgesetzten im neuen Umgang mit ihren Teammitgliedern «viel Verantwortung zukommt». Umgekehrt, so der Konzernchef, «schenken wir den Mitar-beitern mehr Vertrauen». In ein bis zwei Jahren, davon ist De Winter überzeugt, «werden wir den Wendepunkt erreicht haben, ab dem die Leute an die Vorzüge des neuen Anreizsystems glauben».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.12.2017, 21:41 Uhr

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